17. April 2016

RezensionHamed Abdel-Samad: Mohamed

Eine Abrechnung

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Nach der verdienstvollen Popularisierung moderner Islam- und Koranforschung durch Norbert G. Pressburg hat es nun ein Moslem unternommen, eine kritische Wertung des „Gesamtpakets“ auf der Höhe des Wissensstandes vorzulegen – und dafür prompt die Todesdrohung aus der Kairoer Al-Azhar-Universität bekommen. Dieser aktuelle Wissensstand ist stark geprägt durch die Arbeit des Philologen Christoph Luxenberg, der besagt, dass Mohamed, wenn überhaupt als historische Person, dann nicht unter diesem Namen gelebt haben könne; denn der vermeintliche Name passe grammatikalisch in keiner Weise in den Zusammenhang, in dem er im 240 Meter langen Schriftband im Inneren des Felsendomes nur einmalig und hier erstmalig auftauche, nämlich 40 Jahre nach seinem Tod. Und vor allem heiße „Mohamed“ in der Sprache dieses Schriftbandes schlicht „der Gepriesene“ und habe die Funktion eines Titels Jesu, der hier, wie auch Maria, je dreimal vorkomme, neben der 21-maligen Erwähnung Gottes: Das Glaubensbekenntnis einer arabisch-christlichen Religionsgemeinschaft, die unter dem weltlich-machtpolitisch gesonnenen Kalifen Malik einen Jerusalemer Gegenpol zu Mekka schaffen wollte und deren Liturgie- und Gebetsbuch eben Koran heißt. Ein weiteres Argument gegen die Historizität der Person ist das Fehlen jedes zeitgenössischen Belegs; die erste Verschriftlichung des Korans ist nicht erhalten, die heute älteste vorliegende Biographie ist etwa 200 Jahre nach dem Tod entstanden. Was für die Historizität des Sektenführers spricht, ist, wie Abdel-Samad sehr plausibel darstellt, gerade die aus heutiger Sicht unrühmliche Seite der „Prophetenbiographie“, die er als Psychogramm eines narzisstischen und paranoiden und brutalen Temporallappen-Epileptikers ausführt und für die es in einer rein konstruierten Biographie gewiss kein Motiv und keinen Platz gegeben hätte; typische Symptome wie Hyperreligiosität, Halluzinationen und Hypergraphie (Schreibwut) dieser spezifischen Epilepsieform sind neben allgemeinen Epilepsiesymptomen wie Zittern, Schaum vor dem Mund und Fallsucht bei Mohamed in allen Quellen übereinstimmend nachgewiesen, nur dass sie innerislamisch nicht als Ursachen, sondern als Begleitumstände der „Offenbarungen“ gehandelt werden. Die Entwicklung des Charakters dieser vom „Heiligen Geist“ empfangenen „Offenbarungen“ von den friedlich-poetischen und gegenüber Andersgläubigen toleranten Suren der waffen- und wehrlosen  Mekka-Zeit zu den vom „Erzengel Gabriel“ diktierten Suren der Medina-Zeit ist augenfällig: Hier geht es um Gewinnung und Ausübung von politischer und ökonomischer Macht, die auf Kriegsbeute und Sklavenhaltung der Ungläubigen beruhte. Hier finden sich zahlreiche passgenaue Propheten-Privilegien, insbesondere was die Betätigung eines unersättlichen, aber unfruchtbaren Sexualtriebes angeht. Leider versäumt es Abdel-Samad, uns über die zeitliche Folge der 114 Suren aufzuklären, die er selbst für entscheidend erklärt; denn im Koran sind sie nach dem schlichten Kriterium der Länge geordnet, ein vielleicht planvolles Manöver der Intransparenz. Hier in Medina kommt auch die spezifische Brutalität gegenüber Juden zur Geltung, die vollzählig vertrieben und deren Männer in einer genozidalen Aktion, die der Autor mit dem Holocaust vergleicht, auf seinen Befehl und in seiner Gegenwart zu vielen Hunderten enthauptet werden, was ihn offenbar sexuell derart erregt, dass er die schönste der hinterbliebenen Jüdinnen vergewaltigt. Eine Reform, die nicht das Trio von Mohamed, Allah und Koran relativiere, sei Selbstbetrug, und Fundamentalismus keine Fehlinterpretation. Nach den Islamismus-Kriterien, die von der „Bundeszentrale für politische Bildung“ aufgestellt wurden, kann der Prophet der Überlieferung nur als der erste Islamist gesehen werden. Ein mutiges, wichtiges, aufklärerisches Buch.


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Dossier: Literatur

Autor

Peter Preusse

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