13. April 2016

RezensionSebastian Hennig: Pegida

Spaziergänge über den Horizont. Eine Chronik

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Ganz Deutschland? Nein! Eine von unbeugsamen Sachsen bevölkerte Stadt hört nicht auf, Widerstand zu leisten. „Das Volk als Ganzes ist schön“, stellt Sebastian Hennig im Angesicht von Pegida fest. Der Künstler erzählt die Montagsspaziergänge in teilnehmender Beobachtung nach. Mit einer Sprache, die von Lakonie bis Pathos reicht, macht er sie auch jenen verständlich, denen der sächsische Volksgeist fremd ist. Die Patrioten, die gegen die „Islamisierung des Abendlandes“ demonstrieren, werden im Antiquar lebendig, der die Fahne des Königreichs Sachsen schwingt, im Redner, der Wirkung mit „seinem behaglich breiten Dresdner Dialekt“ erzielt. Dresdner Lokalkolorit auch in den selbstironisch-frechen Pegida-Karikaturen („Montags ist Peggy da!“), die gut zum Ton des Autors passen. Nie distanziert sich Hennig von den Demonstranten, und doch überlässt er ihnen nicht die Deutung der Geschehnisse. Das Schlagwort von der Islamisierung nimmt er nicht ernst, er geht so weit, Pegida als „das mitteldeutsche Äquivalent zur volkstümlichen Bewegung der gemäßigten ägyptischen Muslimbrüder“ zu bezeichnen. Initiator Lutz Bachmann hat eine Kraft auf die Straße gebracht, die stärker ist als sämtliche Zähmungskünste der Eliten. Der Ex-Kleinkriminelle, Fluthelfer und Werber erscheint in der Pegida-Chronik als neuer Thomas Müntzer. Kraft seiner Intuition verleihe er in einer Zeit, in der sich die Eliten vom Demos entfremdet hätten, der empörten Volksseele eine Stimme. In Dresden hatte die Bürgerbewegung 1989 ihr Zentrum, in Dresden ist „aus der alten Erfahrung einer humoristischen Distanz zum Juste milieu der DDR-Bürokratie“ eine neue Bewegung enstanden, die ihre Energie vom Protestantismus bezieht, aber, von der Kirche verraten, mit unbekanntem Ziel anwächst. Ironie der Geschichte: Hennig setzt auf eine religiöse Erneuerung im Zeichen des Islam, die Deutschland aus der Amerikanisierung befreit.


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