11. April 2016

RezensionEllen Kositza/Götz Kubitschek: Tristesse Droite

Die Abende von Schnellroda

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Der Rezensent hatte lange den Verdacht, dass politische Grundeinstellungen genetisch veranlagt sind. Durch die Milieustudie „Tristesse Droite“ darf er sich bestätigt fühlen, denn offenbar „ticken“ die Beteiligten anders als der Leser, der Heidegger als Erweckungserlebnis oder die Begeisterung für „soldatisches Dienen“ und „Informsetzen“ nicht zu teilen imstande ist. Protokolliert sind vier Abende einer Gesprächsrunde von sieben Köpfen des Verlags Antaios. Vieleicht noch mehr als Milieustudie ist das mit viel Liebe produzierte Werk eine Marketing-Meisterleistung. Der intellektuelle Kern einer Szene macht sich selbst zur Ikone. Die einzige Frau, Ellen Kositza, fragt nur scheinbar unschuldig in die Runde, ob die versammelte Neue Rechte nicht eine besondere Erotik ausstrahle – auf dem Cover ist sie verschwommen in Netzstrumpfhose abgebildet. Marketing, das werden unsere „Soldaten“ nicht gerne hören. Aber im Stile einer Werbeagentur diskutieren sie lange das Für und Wider des Labels „Traditionskompanie“. Marketing, auf der letzten Seite heben sie sich zu Superhelden: „Die Existenz von uns gibt Menschen Hoffnung.“ Auch die anderen – der herausragende Martin Lichtmesz sei stellvertretend erwähnt, originell sind sie alle – befinden sich im Kampfeinsatz für Kubitscheks Ein-Mann-Kaserne, in der seine Frau Kositza, sieben Kinder und ein paar familiäre Verschrobenheiten fürs gelungene Alleinstellungsmerkmal sorgen. Auch gezielte Provokationen – Wehrmachtssoldaten als „Halbgötter“ – fehlen natürlich nicht. An einer Stelle beklagt der Hausherr die Ungerechtigkeit des mangelnden Respekts für seine unternehmerische Leistung. Aber die Genetik will es doch anders: Im tiefsten Innern erwartet Kubitschek für seinen Verleger-Einsatz keine Auszeichnung, er will das Weiße im Auge des Gegners sehen. Wobei: Virtuell heruntergebrochen sind die Gene dann vielleicht doch nicht völlig verschieden.


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