23. März 2016

RezensionRaif Badawi: 1.000 Peitschenhiebe

Weil ich sage, was ich denke

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Nicht erst seit Pegida ist in Deutschland die Diskussion über den Islam und seine Rolle in Europa und der Welt in vollem Gange: Aussagen wie die, dass der Islam zu Deutschland gehöre, lösen scharfe Auseinandersetzungen aus, Sarrazin und Ulfkotte landen mit pointierten Büchern zum Thema Bestseller. Besonders wertvoll erscheinen in der Diskussion immer wieder Stimmen von Menschen, die selbst aus islamischen Ländern stammen, dem Islam eine Zeitlang Raum in ihrem Leben einräumten, ihn dann jedoch wieder verlassen haben: Hamed Abdel-Samad und auch der Ex-Konvertit Barino Barsoum wären hier zu nennen. Fast noch interessanter erscheint aber die Stimme eines ausgewiesenen und bekennenden Liberalen aus einem Land, in dem Liberalismus nun wahrlich ein Fremdwort ist: Die Rede ist von Raif Badawi aus Saudi-Arabien. Der junge Mann sitzt dort wegen der gesellschaftskritischen Beiträge auf seinem Blog seit 2012 in Haft. Er wurde zu 1.000 Peitschenhieben und zehn Jahren Gefängnis verurteilt. Unter dem Titel „1.000 Peitschenhiebe“ sind nun im Ullstein-Verlag die gesammelten, übersetzten und nicht nur für Liberale absolut lesenswerten Blog-Beiträge des Aktivisten erhältlich. Die Einnahmen aus dem Verkauf des rund 60 Seiten starken und fünf Euro teuren Buches kommen dem Autor und seiner mittlerweile in Kanada sesshaften Familie zugute. In den 15 Blogbeiträgen befasst sich Raif Badawi mit der Entwicklung, der Gegenwart und der Zukunft seines Landes und bietet insbesondere westlichen Lesern faszinierende Einblicke in die Diskussionen und Denkweisen der Menschen in Saudi-Arabien. Dies ergibt sich insbesondere daraus, dass der westliche Leser gerade nicht Adressat der Beiträge war, sondern diese für Badawis Landsleute bestimmt gewesen sind. Raif Badawi ist fest überzeugt: Ohne Säkularismus und Liberalismus ist der Nahe Osten verloren und wird kulturell und wirtschaftlich im 21. Jahrhundert abgehängt werden. Dabei fordert er keine Kopie des westlichen Liberalismus, sondern einen ausdrücklich arabischen Liberalismus, den die Araber durch Diskussionen und auf Basis ihrer Kultur und ihrer gegenwärtigen Lebensart Stück für Stück erarbeiten. Er träumt von offenem Diskurs, Menschenwürde und -rechten, was in einer Theokratie – eine Staatsform, die er immer wieder heftig kritisiert – undenkbar ist. In Saudi-Arabien ist die revolutionäre Sprengkraft dieser liberalen Kernideen womöglich noch größer als an den zahlreichen anderen Orten, an denen sie in der Menschheitsgeschichte immer wieder aufflackerten. Badawi nimmt kein Blatt vor den Mund; kritisiert Muslime, die an Ground Zero eine Moschee bauen wollen, und belächelt die salafistischen Prediger, die Wissenschaft mit dem Koran betreiben wollen. Er deckt Bigotterie wie die „Abstattungsehe“ auf, bei der Affären schlichtweg islamisch legitimiert werden. Erkennbar bleibt an Stellen wie diesen auch, dass Badawi durchaus konservative Einstellungen hat und kein hedonistischer Liberalala-Zögling westlicher Prägung ist: Homo-Ehe und sexuelle Zügellosigkeit werden auch von ihm abgelehnt. Ihm geht es nicht um Gesellschaftsexperimente, sondern um Grundwerte wie den der Gleichberechtigung. In der Buchausgabe ist exklusiv ein Brief aus dem Gefängnis an die deutschen Leser enthalten: Badawi beschreibt, wie ihm „Toilette Nr. 5“ in seinem Gefängnis ein Lächeln schenkte. Eingekerkert unter Schwerstverbrechern las er dort, eingeritzt in die Wand, folgende Aussage: „Der Säkularismus ist die Lösung.“ Diese Entdeckung gab ihm die Kraft, die Zeit im Gefängnis bis heute zu überstehen. Für deutsche Leser ist das Buch schon allein aufgrund seines Umfangs und seines Preises auch dann einen Blick wert, wenn das Islam-Thema nicht sonderlich interessiert. Badawis Blogbeiträge haben die Kraft, auch uns zu verdeutlichen, wie wertvoll und vergänglich zugleich Freiheit ist und wie das Konzept eines arabischen Liberalismus aussehen könnte. 


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Robin Classen

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