23. März 2016

RezensionMichael Lüders: Wer den Wind sät

Was westliche Politik im Orient anrichtet

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Der Autor, langjähriger Nahostkorrespondent der Wochenzeitung „Die Zeit“, verfügt über profunde Kenntnisse der Gegebenheiten der Region. Er schlägt bei seiner gnadenlosen Kritik der „westlichen“ Nahostpolitik einen Bogen vom Putsch gegen den iranischen Premierminister Mossadegh im Jahre 1953 bis zum Gaza-Krieg 2014. Bei aller berechtigten Kritik am moralfreien Vorgehen der Westmächte und den von diesen angelegten „Doppelstandards“ bei der Beurteilung eigener und feindlicher Aktivitäten stört doch ein erheblicher Mangel an Objektivität. Sicher war etwa Mohammad Mossadegh ebenso wenig Musterdemokrat wie Reza Pahlavi die Inkarnation des Faschismus. Lüders hätte seinem Anliegen besser gedient, wenn er nicht versucht hätte, den Eindruck zu erwecken, dass es sich bei den von den „Westlern“ als Feinde identifizierten Akteuren um meist weitgehend unschuldige Opfer einer skrupellosen Geopolitik handelt. Im Falle des syrischen Diktators Baschar al-Assad gelingt es ihm indes sehr gut, ein umfassendes Bild der verworrenen Lage, der vielschichtigen Interessen lokaler und internationaler Akteure und der in der Tat beschämenden Rolle zu vermitteln, die „der Westen“ in dieser Region spielt. Wahr ist, dass ein großer Teil der aktuellen Verwerfungen in der islamischen Welt, die keineswegs ohne Konsequenzen für Europa bleiben, ein Produkt der erratischen Politik Washingtons ist: Ohne den Putsch gegen Mossadegh kein Mullahregime im Iran. Ohne US-Unterstützung für die afghanischen Mudschahedihn keine al-Qaida. Und ohne den unbedachten Versuch, das Assad-Regime zu stürzen, kein „Islamischer Staat“, so könnte man die Analyse stark vereinfacht zusammenfassen. Bei der Beurteilung der Politik Israels scheint das antizionistische Ressentiment mit dem Autor durchgegangen zu sein. Allzu einseitig werden die „Verbrechen“ Israels mit der Opferrolle der Palästinenser kontrastiert.


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