16. März 2016

Politische Sprache Berliner Aufklarung

Alles klar?

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Bildquelle: 360b / Shutterstock.com Klar auf Kurs: Peter Altmaier

Es gibt ein neues Allzweckwort in der politischen Debatte, ein formbares und unbegrenzt verwendungsfähiges Verbalschaumerzeugnis höchster Güte: klar. Wir sagen ganz klar, das sage ich klipp und klar, wir haben einen klaren Kurs, denn jetzt ist Klarheit gefragt, eine klare Haltung, versehen mit einer „klaren Kante“ (Ralf Stegner), zu der ein „klarer Kompass“ (irgendeine ARD-Frau im ARD-Brennpunkt) den ganz klaren Weg weist, meine sehr verehrten Klarinnen und Klaren, damit das klar ist. Denn wir haben „den ganz klaren Wählerauftrag“ (Malu Dreyer) respektive eine „viel klarere Haltung“ (Hannelore Kraft), als viele glauben: Nämlich, es muss eins ganz klar sein, dass es nur die „europäische Lösung“ (Angela Merkel), nur eine „europäische Lösung“ (Volklar Kauder) beziehungsweise ganz klar nur die „europäische Lösung“ (Sigmar Gabriel) für die Migrantenströme gibt, die darin besteht, dass andere Länder ihre Grenzen abriegeln, damit Deutschland mit seinen Grenzen nicht ebenso verfahren muss, mit anderen Worten, dass die hässlichen, unklaren und verwackelten Bilder anderswo in Europa entstehen (daher europäische Lösung), beziehungsweise, dass die Türkei schon weit hinten ganz klare Grenzen setzt, nämlich den Migranten, der Pressefreiheit und den Kurden, nur nicht dem monetären und politischen Preis für die Dienstleistung, was ganz kantenklar beweist, dass Erdoğans Staat im Sinne der Kanzlerin klarer, quatsch, „europäischer ist als manche EU-Länder“, wie Peter Altmaier herausgefunden hat, der jedweden ohnehin schon klaren Kurs seiner Parteivorsitzenden gern nochmal verklart und bis zur letzten Münchhausenkugel verteidigt, unabhängig davon, um welchen Kurs es sich gerade handelt. Den herauszuarbeiten ist wiederum Aufklarungsauftrag aller relevanten Medien. Denn nur wer ungeachtet aller Hindernisse ganz klar Kurs hält – das sagen sämtliche Logbücher –, von dem spricht die Seefahrtsgeschichte auch noch nach hundert Jahren.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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