19. Februar 2016

Widerstand gegen politische Korrektheit Das Ende naht

Establishment in Aufruhr

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Bildquelle: shutterstock Establishment: Geschlossene Gesellschaft

Was haben Donald Trump, die AfD, die Diffamierung von Bürgern als Wut- oder Problembürger, das aufgeregte Flügelschlagen gegen den Begriff der Lügenpresse und der Versuch, alles, was einem nicht gefällt, als Hatespeech aus dem Internet zu beseitigen, gemeinsam?

Beginnen wir mit Donald Trump, über den wir einen hervorragenden Beitrag im „New York Times Magazine“ gelesen haben. Der Beitrag sei allen, die in Deutschland Journalist sein wollen und denken, Journalismus bestehe darin, wilde Behauptungen über Dritte aufzustellen und im Versuch, die Öffentlichkeit zu manipulieren, besonders empfohlen, zeigt er doch, wie man über einen Milliardär, der alle Charakteristika erfüllt, die ihn zum Lieblingshassobjekt von Linken machen, fair und dennoch kritisch berichten kann. Der Beitrag von Mark Leibovich ist eine Wohltat für alle, denen der deutsche Versuch, Journalismus als Offenbarungslehre zu betreiben, auf die Nerven geht.

Auf die Nerven geht vielen US-Amerikanern die Verlogenheit ihres politisch korrekten Establishments, das sich hinter leeren Worthülsen versteckt, Wähler damit abfüttern will und ansonsten den Anschein erweckt, derselben Retorte zu entstammen: Einheitsmarketing, Einheitsauftreten, Einheitswortwahl, Einheitspräsentation, Einheitslügen. Donald Trump repräsentiert hier das Anti-Establishment und hat Zulauf, Zulauf von all denen, die „fed-up“ sind mit dem, was ihnen das politische Establishment zu bieten hat: Sie haben die Nase gestrichen voll.

Gestrichen voll haben die Nase auch diejenigen, die derzeit die AfD unterstützen. Das zeigen unsere Daten mehr als deutlich. Die AfD ist entsprechend eine Sammelbewegung für all diejenigen, die das politische Establishment in Deutschland am liebsten in die Wüste schicken würden – ohne Wasser, versteht sich.

Der Unmut hat Korruption und Selbstbeweihräucherung derjenigen, die sich zum politischen Establishment zählen, zum Gegenstand. Die Unzufriedenheit, sie richtet sich darauf, dass Personen, die den meisten Bürgern intellektuell nicht das Wasser reichen können, die sich zum Beispiel vor dem Lincoln-Memorial in Washington selbst ablichten und tweeten, sie seien in Gesellschaft von George Washington, ihnen erzählen wollen, was gut für sie ist. Der tägliche Bevormundungsversuch der intellektuellen Hochstapler, er geht vielen in der Bevölkerung auf die Nerven.

Aber nicht nur er: Diejenigen, die die AfD unterstützen, sie sind mit dem politischen System als ganzem nicht zufrieden, die Klientelpolitik, die Schwerpunkte bei sexuellen Unnormalitäten, das fröhliche Verteilen anderer Leute Steuergeld, die Unfähigkeit, die (technologischen) Zeichen der Zeit zu erkennen, und das täglich sich enger ziehende Netz der Überwachung, der Raubbau an der bürgerlichen Freiheit, er ist der Kern dessen, was eine große Anzahl von Bürgern dazu veranlasst, dem politischen Establishment den Rücken zu kehren.

Flüchtlinge und Wanderungen gegen Zuwanderung, wie sie in Dresden wöchentlich stattfinden, sie sind eigentlich nur ein nebensächlicher Kampfplatz, eine Ablenkung, denn die Pegida ist wie die AfD nur ein Ausdruck für die Abwendung von etablierten Parteien. Das Thema „Flüchtlinge“, es eignet sich eben besonders gut, um seine Ablehnung der Einheitsfront des Establishments zum Ausdruck zu bringen – schon weil dieses Establishment (derzeit) besonders sensibel auf dieses Thema reagiert.

Und das Establishment, es bringt zum Ausdruck, was es davon hält. Angebliche Wissenschaftler, die endlich einmal ihren Namen in der Zeitung lesen wollen, stehen bereit, um Bürger als Wutbürger zu beschimpfen, sie zu Problembürgern zu stilisieren und auf diese Weise eine neue Form des Rassismus, des Innergruppen-Rassismus, ins Leben zu rufen. Die Medien, die sich als Bestandteil des politischen Establishments sehen, sie tun, was möglich ist, um die alte Ordnung, die Herrschaft der Etablierten und Satten, die sich in Berlin in Eintracht zusammengefunden haben, um Steuergelder unter sich und ihren jeweiligen Klientelen aufzuteilen, aufrechtzuerhalten.

Und die als Wut- und Problembürger titulierten, sie goutieren, was ihnen die Medien auftischen als Einheitsbrei einer Lügenpresse, als Versuch der Manipulation zum Zwecke des Machterhalts.

Lügenpresse! Der Vorwurf hat ins Mark getroffen und Journalisten in Deutschland mit einer ganz neuen Realität bekanntgemacht. Sie können nicht mehr unwidersprochen schreiben, was ihnen beliebt, sich als Stimmungsbarometer und Meinungsmacher der Nation gerieren, sie sind mit Kontrolle und Widerspruch konfrontiert. Nicht zuletzt Blogs wie Sciencefiles veröffentlichen regelmäßig Beiträge darüber, wie öffentliche Medien versuchen, Meinung zu machen und Bürger zu manipulieren. Im Internet hat sich eine lebhafte und große Community etabliert, die der Kritik an öffentlichen Medien, dem Austausch von Informationen über Falschmeldungen und der Kontrolle von Medien und Regierung ihre Aufmerksamkeit widmet.

Und so kommt es, dass das politische Establishment mit seinen Manipulationsversuchen nicht mehr so einfach landen kann. Zu leicht sind Informationen verfügbar, die es kritischen Bürgern ermöglichen, sich eine eigene Meinung zu bilden, zu jenem kritischen und mündigen Bürger zu werden, den das politische Establishment immer beschworen hat – im Bewusstsein, dass man alles tut, um sein Erscheinen zu verhindern.

Nun ist er da, der mündige Bürger. Nun sagt er seine Meinung, schreibt Kommentare, bringt Ärger zum Ausdruck, vergreift sich auch manchmal im Ton, je nachdem, wie sehr bestimmte Themen an den Werten angreifen, die ihm wichtig sind. Und nun ist er ein Problem, der mündige, der Wut-, der Problembürger, denn so war das alles nicht gemeint. Niemand hat gedacht, dass mündige Bürger tatsächlich anfangen, Politiker auf ihre Fähigkeiten hin zu testen, Aussagen zu hinterfragen, Behauptungen zu prüfen, Lügen aufzudecken und Manipulationsversuche zu erkennen.

Und alles nur wegen des Internets. Das Internet, es ist die Wurzel allen Übels. Es entzieht sich der Kontrolle durch das politische Establishment, es verführt Bürger dazu, sich zusammenzuschließen, in Meinungsforen, auf Seiten, die der Kontrolle des Parlaments dienen. Das Internet ermöglicht es, schnell Informationen zusammenzutragen oder auszutauschen und damit tendenziöse Berichterstattung, krude Manipulationsversuche und offene Lügen zu entlarven. Und, schlimmer noch: Es zeigt den mündigen Bürgern, dass sie nicht alleine sind, dass es viele gibt, denen wie ihnen das politische Establishment zum Hals heraushängt.

Das ist die eigentliche Bedrohung, denn jeder weiß, Menschen an sich sind träge. Ein Kritiker behält seine Meinung oft für sich, wenn er denkt, einer Mehrheit von unkritischen Ja-Sagern gegenüberzustehen. Zwei Kritiker sind ebenfalls kein Problem. Zehn Kritiker an einem Ort, die kann man gut kontrollieren und überwachen, aber zehn-, hunderttausend, ja Millionen von Kritikern an unterschiedlichen Orten über einen DSL-Zugang miteinander verbunden, sie sind die Pest, sie sind der Keim, an dem das marode politische Establishment endgültig verenden muss, denn sie wissen, dass sie nicht allein sind, sind sich ihrer Zahl und Bedeutung bewusst.

Deshalb bekämpft das politische Establishment in einer letzten Donquichotterie das Internet. Deshalb soll das Internet mit Hilfe der undefinierten „Hassrede“ von allem gereinigt werden, was nicht politisch korrekt ist und auf Widerspruch gegenüber dem politischen Establishment hinweist. Dadurch, so die Beruhigungsrede der Etablierten, könne man die einstige Einsamkeit der Kritiker wiederherstellen, demjenigen, der anders denkt, suggerieren, er sei mit seiner Meinung ganz alleine.

Der Versuch, er wirkt wie das Kinderweinen in der Mitte des Atlantiks, unsinnig, das letzte Aufbäumen eines sich auflösenden Establishments, der letzte Strohhalm, an den sich alle diejenigen weiterhin klammern, die weder bemerkt haben, was es geschlagen hat, noch eine Ahnung davon haben, wie das Internet funktioniert.

Es ist zu spät für das politische Establishment. Die paradiesischen Tage, in denen man tun und lassen und behaupten konnte, was man will, sie sind vorbei. Die außerparlamentarische Opposition und der Widerstand gegen die Modernisierungsverweigerung auf seiten der Etablierten, gegen alles, was etabliert ist, er ist zu groß geworden, die Kernakteure sind zu gut vernetzt, als dass man die Uhr noch zurückdrehen könnte. Die einzige Frage, die noch offen ist, lautet: Wie lange wird es dauern, bis das politische Establishment und mit ihm das etablierte Parteiensystem sich aufgelöst hat und mit ihnen der lange Zug der Kostgänger des politischen Establishments verschwunden ist?

Dieser Artikel erschien zuerst auf Sciencefiles.


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