02. Februar 2016

Der erfundene Tote Ein neuer Tiefpunkt für den Komplizen-Journalismus

An der Wahrheit nicht interessiert

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Glauben an die eigenen Spinnereien: Gutmenschen

Wieder einmal hat sich ein Gutmensch als „Schlechtmensch“ entpuppt. Und einmal mehr haben sich die Medien als willfährige Komplizen betätigt, weil ihnen die grausame Lügengeschichte des Dirk V. nur allzu gut ins Konzept passte. Mit dem erfundenen Tod eines syrischen Zuwanderers hat sich der Mitarbeiter einer „Flüchtlingshilfe“ ein paar Stunden Aufmerksamkeit gesichert. Er sei betrunken und überlastet gewesen, habe sich „in eine Geschichte hineingesteigert“ und sie „in diesem Moment wohl selbst geglaubt“, gab Dirk V. via Facebook anschließend zu Protokoll. Eine entlarvende Aussage, denn viele Gutmenschen leben tatsächlich in ihrer eigenen Welt. Das unterscheidet sie von guten Menschen. In dieser Parallelwelt ist kein Platz für Wahrheiten. Die Wahrnehmung ist so verzerrt, dass die um sich selbst kreisenden Gutmenschen ihre Einbildung für real halten. Auf Trunkenheit und Müdigkeit kann sich jedenfalls niemand herausreden, der stundenlang einen Live-Ticker über einen angeblich Sterbenden in den sozialen Netzwerken geführt hat. Per Facebook ließ Dirk V. am frühen Mittwochmorgen alle Welt teilhaben am Tod, den es nie gab, von den ersten Minuten, als er einen grippekranken Syrer mit hohem Fieber vor dem Berliner Sozialamt („Lageso“) gefunden haben wollte, über den quälend langen Weg ins Krankenhaus bis zum Moment, als der 24-Jährige angeblich in seinen Armen starb.

Und sofort stürzte sich die Netzgemeinde auf die Story. All jene meldeten sich nun zu Wort, die schon immer gewusst hatten, dass Deutschland unsozial ist und Fremde bei uns nur Menschen zweiter Klasse sind. Sofort wurden politische Forderungen nach einer humaneren Flüchtlingspolitik erhoben und die vermeintlich Verantwortlichen an den Pranger gestellt. Es gab gar welche, die dem Erstarken der rechten Szene eine Mitschuld am Tod gaben. Köpfe müssten rollen, nun habe das Versagen in der Flüchtlingspolitik eine neue Dimension erreicht. Kerzen wurden aufgestellt, Transparente gemalt und Trauerbotschaften angebracht. Kein einziger, der mehr wissen wollte. Und nicht nur die Schar der Gutmenschen war völlig aus dem Häuschen ob des staatlich verschuldeten Todes eines Flüchtlings, auch die versammelte Riege der Journalisten kannte nur eine Frage: Wie konnte das passieren, und wer muss dafür zur Rechenschaft gezogen werden? Weit und breit war bis in die Mittagsstunden niemand anzutreffen, der die Erzählung hinterfragte. Jeder, der dies wagte, wurde von der Facebook-Gemeinde zum Nazi gestempelt. Als Polizei und Krankenhäuser im Laufe des Nachmittags immer mehr Zweifel an der Geschichte vom Lageso-Toten äußerten, machten sich auch die ersten Journalisten an die längst überfällige Recherche.

Bis zum Abend war klar: Alles nur erstunken und erlogen. Der Vorgang ist nicht nur ein Fiasko für die „Flüchtlingshilfe“ selbst, die ihrem ehrenamtlichen Helfer blind vertraute, sondern vor allem für die deutschen Medien. Die ohne jede Prüfung innerhalb von Minuten verbreitete Geschichte vom Tod eines Flüchtlings, den es nicht gab, steht im krassen Widerspruch zur journalistischen Sorgfalt, mit der in den Tagen nach Silvester die unterbliebene Berichterstattung begründet worden war. Damit haben die Journalisten selbst den Beweis für ihre Einseitigkeit sowie das Fehlen jeglicher Distanz und Objektivität geführt. „Lügenpresse“ muss da von außen keiner mehr rufen. Wer unbestätigte Meldungen immer dann in Umlauf bringt, wenn sie dem eigenen Weltbild entsprechen, umgekehrt aber tagelang Nachrichten zurückhält, weil er deren Inhalt ablehnt, hat seine Legitimation verloren. Inzwischen sieht sich bereits die Parlamentarische Versammlung des Europarates gezwungen, eine deutliche Mahnung an Deutschland zu schicken, weil sie die Wahrhaftigkeit in der Medienberichterstattung bedroht sieht. Man hat es nach Silvester nicht für möglich gehalten, doch für den deutschen Journalismus geht es immer noch ein Stück weiter nach unten. Mit der gefälligen Verbreitung der Berliner Lügengeschichte hat er einmal mehr gezeigt, dass er an der Wahrheit nicht interessiert ist.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Blog des Autors.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Mediales

Mehr von Ramin Peymani

Über Ramin Peymani

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige