31. Januar 2016

Die Rückkehr der Stasi im Facebook-Format Davon wollen wir mehr! Mehr! Mehr!

Ein Gruß an die Demokratiehasser, Pluralismushasser, Freiheitshasser

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Bildquelle: Wikimedia Commons Neue Facebook-Arbeitsgruppe: Hoch die Faust, Genossen!

Eins

Das war für mich ein historischer Tag: 35 Jahre nachdem der Stasi-Major T. mein Traktätlein „Zur Kritik des DDR-Bildungssystems“ beschlagnahmte (ich kam aus der Sache heil heraus, weil mein Vater mit dem Mann zusammen studiert hatte und ihm ausreden konnte, mich seinen Genossen zu überantworten; übrigens künde ich hier zum ersten Mal von T.’s Dienstpflichtverletzung), ist ein Text von mir von kalter Zensorenhand getilgt worden. Bei besagtem Text handelt es sich um meine kleine Etüde über die beiden götterdämmerungsaffinen Wagnerianer A. Hitler und A. Merkel. Historisch ist der Vorgang, weil die Internet-Zensur, die unser Justizministerlein Maas seit langem und ausschließlich gegen „rechts“ angekündigt hat, nunmehr also ins Werk gesetzt wird, und zwar offenbar nicht (nur) gegen sogenannte rassistische Hetze, sondern auch gegen das Statuieren viertelwegs geistreicher und halbwegs gewagter Analogien zum Kurs der momentanen Parteien- und Staatsführung... –, historisch also, um den Faden wieder aufzunehmen, ist der Vorgang insofern, als er, aufgemerkt nun denn, unter der Mitwirkung von beispielsweise Frau A. Kahane alias „IM Victoria“ stattfindet, die acht Jahre lang als Stasi-Spitzel „ehrlich und zuverlässig“, so ihr Führungsoffizier, Dutzende Personen aus ihrem Umfeld beobachtet und den Genossen des MfS ausgeliefert hatte, was sogar in der Wikipedia steht, obwohl dort viele ihrer Gesinnungskumpan_innen daran arbeiten, dass dergleichen Ehrenrühigkeiten nicht das Lexikon des Weltweitwissens trüben. Später schloss sich Kahane mutig dem antifaschistischen Widerstand gegen das Vierte Reich an, gründete in wiederholter Lebensgefahr die Amadeu-Stiftung und darf heute im Auftrage des Justizministers wieder den Klassenfeind bearbeiten. Womit sich für mich ein Kreis schließt. Heimat ist, wo du bespitzelt, denunziert, zensiert wirst. Und wirklich heimisch bistu worden, wenn du anerkennst, dass es gut so sey.

Zwei

Ein Wort an die Gebildeten unter meinen Verächtern. Neben der kognitiven Dissonanz nimmt auch, scheint’s, die kognitive Legasthenie unter Öffentlichkeitsarbeitern ständig zu. Neuerlich halten mir ein paar hermeneutisch Hochbegabte im Empörungstremolo vor, ich hätte in besagter Etüde unsere geliebte Kanzlerin der Herzen mit dem zu Braunau am Inn einem Schmeißfliegenei entschlüpften Oberteufel und Menschheitsabschaum verglichen. Ich gestatte mir zunächst den formalen Hinweis, dass die Überschriften über meinem Text, wo immer er im Netz veröffentlicht wurde, nicht von mir stammen, denn ich setze in den Acta diurna keine; soll meinen: Jene circa 98 Prozent der Kommentierer, die nicht über die Lektüre einer Headline hinauskommen, weil’s ihnen sofort höllisch in den Fingerchen zu jucken beginnt, ihren Senf, wie man jenem gegenüber ungerechterweise sagt, dazuzugeben, kakeln ins Leere, beruhigen sich dabei aber vermittels bewährter Affektabfuhr wieder halbwegs, und so soll es meinetwegen bleiben. Sodann: Natürlich kann ich Frau Merkel vergleichen, womit immer mir der Sinn steht, mit Claudia Schiffer, einem Schuhlöffel, einem Zierfisch, dem iranischen Präsidenten oder eben dem besagten Alien aus Braunau – indem sich wer darüber echauffiert, hat er ja ebenfalls: verglichen –, denn ohne Vergleich gelangt man schwerlich zur Differenz. In besagtem Text ist nun ausdrücklich auch von der Inkommensurabilität der Umstände die Rede, bevor das wagnerianisch Gemeinsame der beiden Akteure herausgestellt wird. Wer denn aber zwischen Vergleichen und Gleichmachen nicht zu unterscheiden versteht, möge sich vielleicht in die Mysterien der Sterbehilfe einlesen und/oder für immer schweigen. 

Drei

Nein, ich bin nicht auf Facebook, und ich werde mich weiterhin fernhalten. Die Gründe finden Sie unter: zwei. Außerdem bin ich sehr empfindlich gegenüber sozialem Mundgeruch und dem penetranten Odium der Zeitgenossenschaft.

Vier

Diese Perspektive auf meine Fingerübung gibt es auch noch, und sie sei niemandem vorenthalten: „Oft sind Sie meine einzige Freude, wenn ich meine tägliche Rundschau im Netz durchführe“, notiert Leser ***. „Diesmal allerdings haben Sie es geschafft, mir einige Ekel-Schauer über den Rücken zu jagen. Die Einordnung der aktuellen Lage und ihrer Akteure unter Zuhilfenahme der Werke des Meisters ist absolut unangebracht und geradezu obszön!“

Fünf

In der ersten existentiellen Krise dieses (freilich von seinen sogenannten intellektuellen Wortführern jahrzehntelang mental sturmreif geschossenen) Landes seit der Höllenfahrt der NS-Diktatur versagt die Staatschefin mitsamt des sogenannten Parlaments vollständig und geradezu methodisch, weil sie, unkultiviert, historisch ahnungslos, als Lakaiin erst der Sowjets, später der Amerikaner konditioniert, eben nicht die Kanzlerin Deutschlands ist, sich gar nicht als eine solche empfindet, sondern eher wähnt, die Verwalterin eines ihr politisch zugeteilten Gebietes zu sein, das weder historisch noch sittlich noch kulturell noch, horribile dictu, irgendwie ethnisch zusammenhängt und in dem, wie sie selber formulierte, eben „möglichst viele Menschen“ leben sollen.

Sechs

Was nun die Zusammensetzung dieser möglichst vielen hierzulande leben sollenden Menschen angeht: „Entsetzt“ hat, laut „Bild“, bei der Plauderrunde von Maybrit Illner die Islamwissenschaftlerin Lamya Kaddor auf das Statement eines AfD-Mannes reagiert, man möge bei der Aufnahme von Menschen verfolgten Christen Priorität einräumen. „Sie wollen zwischen den Religionen unterscheiden? Wären der AfD also eine Million Ukrainer lieber als eine Million Muslime?“ Ich weiß nicht, was der arme Mann und wahrscheinlich Christenmensch auf diese Frage geantwortet hat, ich will es für ihn hier tun und sagen: Was Ukrainerinnen angeht, müssen Sie Paolo Pinkel fragen, ansonsten ein klares Nein! Was wir hier brauchen, existentiell brauchen, überlebensnotwenig brauchen, sind noch mehr junge muslimische Männer aus den Tiger- und Boomstaaten Nordafrikas, eifrige, strebsame, arbeitswütige, faustische Naturen, die Nobelpreisträger, Patentanmelder und Unternehmensgründer von morgen, die heute bereits bei den Mathematikolympiaden und „Jugend forscht“-Wettbewerben die Preise nur so abräumen, Liebhaber der universellen Bildung und der Künste, Pioniere der Weltraumforschung, der Quantenphysik, der Nanotechnologie und des Weinbaus, Makroökonomen und musisch gestimmte Schöngeister, freimütig und weltoffen, die uns mit ihrer sympathischen, hilfsbereit-unaggressiven Wesensart, ihren erlesenen Manieren, ihrem Humor, ihrer toleranten Religion, ihrer Weltweisheit und dem Liebreiz ihrer Frauen noch mehr betören, als heute ohnehin schon, beim Scheitan und Sarrazin, davon wollen wir mehr! Mehr! Mehr! 

Postskriptum

Wenn ich derzeit gehäuft lesen, die Hetze, die Drohungen, die Beleidigungen seitens rechtsgerichteter Internet-Nutzer – in der Regel folgt ein Zusatz, der irgendwie auf AfD-Anhänger und Pegida-Mitläufer anspielt – hätten ein unerträgliches Ausmaß erreicht, das sich die Gesellschaft sich beziehungsweise „wir uns“ nicht mehr gefallen lassen dürfe(n), folgere ich daraus dreierlei. Erstens: Es gibt solche Figuren. Zweitens: Jemand möchte, dass sich möglichst viele Menschen schuldig fühlen, weil es solche Figuren gibt. Drittens: Unseren Gesinnungswächtern und Konsensvollstreckern entgleitet die Kontrolle über die öffentliche Meinung immer mehr, und sie wollen den mentalen Boden für neue grundlegende Zensurmaßnahmen bereiten. Es gibt für solche Fälle das deutsche Strafrecht und nichts außerdem. Alle Äußerungen, die nicht strafrechtlich relevant sind, sind in einer sogenannten Demokratie legitim (im Sinne des Erlaubten), auch die von Volker Beck und Björn Höcke. Wer etwas anderes propagiert und zum Beispiel Facebook-Einträge löschen lässt, die im Sinne des Strafrechts völlig einwandfrei sind, ist ein Demokratiefeind, ein Pluralismusfeind, ein Freiheitsfeind. Ach was: ein Demokratiehasser. Pluralismushasser. Freiheitshasser.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta diurna.


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