07. Januar 2016

Deutscher Journalistenverband zu den Übergriffen in Köln Überall ist auch dabei

Recherche ist innenpolitisch gefährlich

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Bildquelle: shutterstock Potentielle Tätergruppe: Habilitierte Hausfrauen

Wer Professor Frank Überall bisher noch nicht kannte, muss sich deswegen keine Vorwürfe machen. Der jecke Kölner Politologe arbeitete einmal für die Sendung „Monitor“, promovierte über „Klüngel in der politischen Kultur Kölns“ und lehrt heute etwas mit Medien. Seit November 2015 sitzt er dem Deutschen Journalistenverband (DJV) vor, einem Klüngel in der politischen Kultur Deutschlands, der lustigerweise immer dann von Journalisten um eine Stellungnahme gebeten wird, wenn im Journalismus etwas schiefgeht. Dass etwas schiefgegangen ist und sich die viertägige Sendepause fast aller überregionalen Medien nach der Belästigungsorgie von Köln doch etwas lange hinzog, sehen nämlich inzwischen sogar ein paar Presseleute als Problem. Professor Überall allerdings nicht.

„‚Journalisten müssen informieren, aber nicht spekulieren‘, stellte DJV-Bundesvorsitzender Frank Überall klar“, heißt es in einer Pressemeldung des DJV. Und weiter: „Nur spärlich seien Informationen über gewalttätige Ausschreitungen am Kölner Hauptbahnhof und auf der Hamburger Reeperbahn durchgesickert. Dass es sich bei den Tätern um Bewohner von Flüchtlingsheimen mit nordafrikanischer Herkunft handeln solle, sei bis jetzt nicht polizeilich bestätigt.“

Einmal abgesehen von der Frage, was „Flüchtlingsheime mit nordafrikanischer Herkunft“ sein sollen – wo ihre Belästiger, Vergewaltiger und Bestehler wohnen, mit dieser Auskunft konnte tatsächlich keine Zeugin dienen. Schon deshalb hatte niemand etwas über Wohnheiminsassen irgendetwas verlauten lassen, was dann polizeilich hätte bestätigt oder dementiert werden können. Allerdings hatten etwa 90 Zeugen übereinstimmend ausgesagt, dass die Täter von Aussehen und Sprache aus Nordafrika kamen. Und schon am 1. Januar, spätestens am 2. Januar sickerte nicht nur etwas durch, die sozialen Medien platzten geradezu vor detaillierten Zeugenschilderungen. Aber Zeugen können ja viel erzählen, wenn der Silvesterabend lang war, nicht?

„Wer diese Täter waren, darüber gibt es viele Gerüchte. Arabisch oder nordafrikanisch sollen sie ausgesehen haben, heißt es in Zeugenaussagen“, schreibt Überall auf der Website Citynews. Zeugenaussagen sind also Gerüchte. Und wenn 90 Zeugen etwas übereinstimmend aussagen – muss man da nicht eher misstrauisch werden?

„Eine nicht durch solide Recherchen gedeckte Verdachtsberichterstattung ist nicht nur unvereinbar mit den Prinzipien des professionellen Journalismus, sondern auch innenpolitisch brandgefährlich“, warnt Überall nämlich auf der DJV-Website. Leider verrät er nicht, wer oder was die von ihm vertretenen professionellen Qualitätsjournalisten an der Recherche tagelang gehindert hat. Aber er deutet es an: Einfach nach der Flut der Schilderungen auf Facebook selbst loszuziehen und mit Augenzeugen und Betroffenen zu sprechen, also zu recherchieren, das hätte sich möglicherweise, jedenfalls so früh im Jahr und ohne offizielle Behördenmitteilung im Rücken, schnell als „innenpolitisch brandgefährlich“ herausstellen können.

Wie innenpolitisch gefährlich eine Meldung sein kann, darüber muss sich ein Pressevertreter nämlich zuallererst Gedanken machen. Schwarze Schafe der Branche halten sich freilich hier und da nicht an die goldene Regel, etwa Bob Woodward und Carl Bernstein,  die 1972 mutwillig Richard Nixons Verwicklung in eine Ausspähung des politischen Gegners ins Licht zerrten und so ein innenpolitisches Flammeninferno in den USA auslösten, statt den Präsidenten einfach verantwortungsbewusst weiterregieren zu lassen.

Aber zurück zu Köln: Ist es, so fragt nicht Bob Woodward, aber Professor Überall, nicht sowieso völlig Bluna und Wurst, wer die Täter von Köln und Hamburg und Stuttgart waren? „Es ist doch völlig gleichgültig, ob es sich um Extremisten oder Kriminelle, um Deutsche oder Zugewanderte, um Hausfrauen oder Professoren handelt: Vor dem Gesetz sind alle gleich! Wer derart die Sicherheit im öffentlichen Raum aushebelt, gehört von den zuständigen Behörden verfolgt und bestraft.“

Vielleicht waren es ja auch deutsche Extremisten, die mit flinken Fingern in weiblichen Körperöffnungen recherchierten. Oder habilitierte Hausfrauen. Vertreter letzterer Gruppe können beim DJV jedenfalls eine glänzende Karriere machen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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