30. Oktober 2015

Staatspolitik weltweit Symptome des Spätetatismus

Die letzten Zuckungen mit brutalen Ausschlägen

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Bildquelle: shutterstock Brutale Ausschläge: Leviathan

Stefan Blankertz, brillanter Anarchokapitalist der ersten Stunde, hat den treffenden Begriff des Spätetatismus geprägt. Er meint damit die in den letzten Jahr­zehn­ten angeschwollene und so gut wie allgegenwärtige Staatspräsenz. Sie ist getragen von einem kritik­losen Staatsglauben und einer missionarischen Staatsverbreitung, die sich höchstens noch quantita­tiv, nicht mehr auch qualitativ steigern lässt. Lebensbereiche, in denen der Staat grundsätz­lich nichts zu suchen hat, gibt es im Spätetatismus nicht mehr. Und dessen immer offensichtlicher zutage tre­tender Misserfolg als Glücks- und Friedensbringer wird kompensiert durch eine nur umso fanatischer wuchernde Staatsverherrlichung.

Was wir zur Zeit von all den Staaten dieser Welt vorgeführt bekommen, schaut schwer danach aus, dass der inzwischen vollends morbid gewordene Spätetatismus in seinen letzten Zuckungen liegt. Vorboten des bal­digen Endes eines Regimes, von dem die Geschichte dereinst sagen wird, es sei im 21. Jahrhundert geräuschvoll zerborsten. Mit brutalen letzten Ausschlägen und bis zum Schluss mit einem riesengroßen Maul.

Schauplatz Flüchtlingsströme: Staaten bombardieren Zivilisten im Nahen Osten. Ein neu entstande­ner Terroristenstaat massakriert die Zivilbevölkerung und vernichtet Kultur- und Religi­onsdenkmäler. Korrupte Staaten in Afrika lassen ihre Bevölkerung leiden und hungern. Staaten in Westeuropa ge­fallen sich darin, den Opfern jener anderen Staaten zuzurufen, sie sollen doch zu ihnen kommen, wo es ihnen an nichts fehlen werde. Also fliehen viele Opfer jener bösen Staaten des Ostens und Südens in diese guten Staaten des Westens. Doch andere Staaten versperren die Fluchtwege mit Stacheldrähten und Schlagstö­cken. Wollen Privatleute Flüchtlinge bei sich zu Hause aufnehmen, verhindern dies Staaten mit bürokratischen Schikanen. Normale Transportmittel wie Fährschiffe, Autobusse, Car-Pools, Eisenbahn­züge, Mietautos oder Taxis werden von Staaten behindert, sodass sich ein bisweilen gefährliches Schlepperwesen herausbildet. Kommen Flücht­linge schließlich doch noch lebend in den westlichen Staaten an, verbieten ihnen diese, zu arbeiten. Stattdessen schicken sie sie in Flüchtlingszentren, die mit Geld bezahlt werden, das diese Staaten vor­her den Leuten unter dem Titel „Steuern“ gestohlen haben. Kommt es zu Protesten, tadeln dies die Staaten als böse Herzlosig­keit.

Schauplatz Euro- und Griechenland-Krise: Das soeben noch geschnürte staatliche Hilfspaket wird gar nicht anders als im Konkurs des ganzen Geld- und Staatensystems enden können, angesichts der Hunder­ten von Milliarden an ungedecktem Falschgeld, mit dem die Staaten das Problem an die nächste Generation wei­terschieben.

Schauplatz Ukraine: Krieg zwischen westlichen Staaten und dem russischen Staat mit Verletzten und Toten, Drohung mit Atomwaffen hüben und drüben. Und noch viele sonstige Schauplätze staatlicher Glücks- und Friedensbeschaffung mehr.

Nur ein letztes Beispiel noch aus Peking: Gigantische Militärparade in der Art nationalsozialistischer Mas­senaufmärsche. Mit der sinnigen Begründung, es gehe um die Wah­rung des Weltfriedens. Wirres Lallen im offensichtlich fortgeschrittenen Stadium des tödlichen Fieberwahns.

Und das Regime dann nach den Staaten? Sicher besser als das, was uns der Spätetatismus gerade zum Besten gibt.

Dieser Artikel erschien zuerst in der „Basler Zeitung“ vom 11. September 2015.


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