01. Oktober 2015

Ex-Nazis in der DDR Von „verdienten Ärzten des Volkes“ und anderen Karrieren

Vortrag von Olaf Kappelt in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus

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Bildquelle: Everett Historical / Shutterstock.com Tabuthema in der DDR: Die NS-Vergangenheit der Funktionäre

Auf Einladung des Berliner Landesverbands der Christdemokraten für das Leben (CDL) referierte Olaf Kappelt, Autor des „Braunbuchs DDR“, in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus über bemerkenswerte Karrieren ehemaliger Nationalsozialisten im SED-Regime. Ein besonderer Schwerpunkt des Vortrags „Totalitäre Kontinuitäten – NS-Karrieren in der SED-Diktatur“ lag auf den Lebensläufen von Medizinern, die vor 1945 an den nationalsozialistischen Euthanasie-Morden beteiligt waren und ihre Karrieren in der DDR unbehelligt fortsetzen konnten.

Der Publizist und Historiker Olaf Kappelt wurde 1953 im brandenburgischen Altdöbern geboren. Im Alter von drei Jahren beging er Republikflucht – so steht es in seiner Stasi-Akte. „Das ist natürlich Quatsch“, erklärt er lachend. „Meine Eltern sind damals mit meinen Geschwistern und mir über Westberlin in die Bundesrepublik ausgereist; vor dem Mauerbau war das ja noch möglich. Ich wollte das damals gar nicht – ich wollte sogar noch während des Flugs nach Hannover aus dem Flugzeug aussteigen, haben mir meine Eltern später erzählt.“

Bereits als Schüler begann Olaf Kappelt sich dafür zu interessieren, welche Rolle Personen mit NS-Vergangenheit in Politik und Gesellschaft der DDR spielten. Während die Karrieren ehemaliger Nazis in der Bundesrepublik Gegenstand öffentlicher Debatte und Kritik waren und die Aufdeckung nationalsozialistischer Verstrickungen hochrangiger Bundesbeamter und Politiker in einigen Fällen zu deren Rücktritt führte, war die Verwendung von Ex-Nazis in öffentlichen Ämtern der DDR ein Tabuthema – woran es auch nichts änderte, dass dieses Problem in der 1952 erschienenen Erzählung „Der Mann und sein Name“ der hochgeschätzten Schriftstellerin und Nationalpreisträgerin Anna Seghers thematisiert wurde. „Offiziell wurde in der DDR so getan, als gäbe es ehemalige Nazis nur im Westen“, resümiert Kappelt. „Dabei war es doch eigentlich offensichtlich, dass die DDR ebenso wenig wie die Bundesrepublik auf einem anderen Stern gegründet wurde – sondern in Deutschland, mit den Menschen, die eben hier lebten.“ Im Zuge umfangreicher Recherchen stellte Olaf Kappelt fest, dass nicht nur die „Blockparteien“ in der DDR, sondern mehr noch die SED selbst weit stärker mit ehemaligen Nazis durchsetzt war, als er vermutet hatte. Tatsächlich war die SED die erste deutsche Partei, die nach 1945 die Aufnahme ehemaliger NSDAP-Mitglieder zuließ: Ein entsprechender Beschluss wurde, auf Antrag der Parteivorsitzenden Pieck und Grotewohl, bereits am 15. Juni 1946 gefasst.

Ola Kappelts „Braunbuch DDR“, dessen erste Auflage 1981 erschien und das die Lebensläufe von 876 DDR-Funktionären mit NS-Vergangenheit offenlegte, stellte das Selbstverständnis der DDR als „antifaschistischer Staat“ radikal in Frage. Der Autor durfte fortan nicht mehr in die DDR einreisen; von der Staatssicherheit observiert worden war er schon vorher. Im Jahr 2009 legte Kappelt eine erheblich erweiterte zweite Auflage des „Braunbuchs“ vor; eine dritte, abermals erweiterte Auflage ist in Vorbereitung.

Zu einem Vortrag des Autors in der Gedenkbibliothek zu Ehren der Opfer des Kommunismus im Berliner Nikolaiviertel hatte der Landesverband der Christdemokraten für das Leben (CDL) geladen. Der Landesvorsitzende Stefan Friedrich würdigte in seiner Begrüßungsansprache die 1990 als „Sammlung ehemals verbotener Bücher“ gegründete Gedenkbibliothek, die mit ihrem über 12.000 Bände umfassenden Buchbestand die Geschichte der DDR und der Sowjetunion, der oppositionellen Bewegungen in diesen Staaten und die Repressionen gegen diese dokumentiert, als eine „Oase der Meinungsfreiheit“ – einer Meinungsfreiheit, die sich auch heute noch, oder heute wieder in verstärktem Maße, gegen totalitäre Bedrohungen behaupten müsse. Dabei gehe die Gefahr für die Freiheit, so Friedrich, „im Grunde weniger von extremistischen Gruppierungen aus als von der bürgerlichen Mitte – von der Feigheit des Bürgertums, von seiner Neigung zu vorauseilendem Gehorsam“.

Olaf Kappelt eröffnete seinen Vortrag mit einem Überblick über die Entstehungsgeschichte des „Braunbuchs DDR“; die erste Auflage, so betonte er, habe nur die Spitze des Eisbergs gezeigt, und noch jetzt gebe es sehr viel Material aufzuarbeiten. Leider halte sich das Interesse an dieser Aufarbeitung in engen Grenzen: Die Erforschung der NS-Vergangenheit von DDR-Funktionären sei „eine Nische der DDR-Forschung“; selbst die Behörde des Bundesbeauftragten für die Stasi-Unterlagen zeige, so Kappelt, wenig Interesse, ihn in seinen Recherchen zu unterstützen.

Wie Kappelt ausführte, war „kein gesellschaftlicher Bereich der DDR von der Durchsetzung mit ehemaligen Nazis ausgespart“; zum Teil bekleideten sie ausgesprochen einflussreiche Positionen. Dabei handelte es sich durchaus nicht nur um „Mitläufer“ des Nationalsozialismus wie den letzten von der SED gestellten DDR-Ministerratsvorsitzenden und heutigen Ehrenvorsitzenden der Partei „Die Linke“ Hans Modrow, der sich in seiner Autobiographie selbstkritisch dazu bekannte, ein begeisterter Hitlerjunge gewesen und darum noch kurz vor Kriegsende, im Alter von 17 Jahren, in die NSDAP eingetreten zu sein. In der vom SED-Regime eigens zum Zweck der Einbindung ehemaliger Nationalsozialisten in das neue Staatswesen gegründeten Blockpartei NDPD konnte etwa der ehemalige Ministerialrat im NS-Propagandaministerium und Präsident der Reichsrundfunkkammer Horst Dreßler-Andreß, der als „Begründer der NS-Rundfunkpolitik“ galt, ab 1948 erneut politisch tätig werden und erhielt 1969 sogar die Verdienstmedaille der DDR; Siegfried Dallmann, NSDAP-Mitglied seit 1934, Mitglied der SA und 1939 Gaustudentenführer von Thüringen, war von 1950 bis 1952 Finanzminister des Landes Brandenburg und bis 1990 Abgeordneter in der Volkskammer: „Man stelle sich nur einmal vor, in der Bundesrepublik hätte jemand mit solch einer Nazi-Vergangenheit noch 1990 im Bundestag gesessen“, merkte Kappelt an.

Besonderes Augenmerk legte Olaf Kappelt in seinem Vortrag auf die Karrieren von nationalsozialistisch belasteten Medizinern in der DDR. Insbesondere Ärztinnen und Ärzte, die vor 1945 an den Euthanasie-Morden an geistig und körperlich behinderten Kindern beteiligt gewesen waren, bildeten in der DDR offenbar ein Netzwerk, mit dessen Hilfe sie sich gegenseitig deckten und förderten. So wurde etwa Margarete Hielscher, die 1930 über das Thema „Die Unfruchtbarmachung Schwachsinniger aus rassenhygienischen und sozialen Gründen“ promoviert hatte und zwischen 1943 und 1945 als Leiterin der Kinderfachabteilung der Thüringischen Landesheilanstalten Stadtroda für die Tötung von mindestens 72 Kindern durch Nahrungsentzug und/oder Vergiftung mit einer Überdosis des Schlafmittels Luminal verantwortlich war, 1946 SED-Mitglied, wurde trotz hinreichender Beweise für ihre Mitwirkung an der Ermordung von Kindern nicht vor Gericht gestellt und blieb bis zu ihrem Ruhestand Ärztin in Stadtroda. Ebenfalls an den Thüringischen Landesheilanstalten Stadtroda tätig gewesen war die spätere Medizinprofessorin Rosemarie Albrecht, die es in der DDR bis zur Dekanin der Medizinischen Fakultät der Friedrich-Schiller-Universität Jena brachte und mit dem Ehrentitel „Verdiente Ärztin des Volkes“ ausgezeichnet wurde. Im Jahr 2000 wurde bekannt, dass sich in den Akten der DDR-Staatssicherheit Hinweise auf eine Beteiligung Albrechts an den Euthanasie-Morden in Stadtroda fanden; das Simon Wiesenthal Center setzte sie auf die Liste der meistgesuchten NS-Kriegsverbrecher. Das Landgericht Gera stellte das Verfahren gegen die inzwischen 90-jährige Rosemarie Albrecht 2005 wegen Verhandlungsunfähigkeit der Angeklagten ein; zuvor hatten 22 frühere Kollegen eine Solidaritätserklärung für sie abgegeben, darunter der emeritierte Direktor der Kinderklinik am Universitätsklinikum Jena, Erich Häßler. Dieser wiederum war 1919/20 Freikorpskämpfer gewesen, 1933 in die SA und 1937 auch in die NSDAP eingetreten, war Sachbearbeiter und Schulungsredner im Rassenpolitischen Amt Leipzig und ebenfalls in das nationalsozialistische Euthanasieprogramm verstrickt. 1945 zunächst kaltgestellt, konnte er seine Karriere als Kinderarzt bereits 1949 wieder aufnehmen.

Häßlers Vorgänger als Direktor der Jenaer Kinderklinik, der gebürtige Ägypter Jussuf Ibrahim, hatte diese Position bereits während der NS-Zeit innegehabt; Ibrahim hatte mit der NSDAP sympathisiert, aber wegen seiner Herkunft nicht Mitglied werden können und war mindestens insoweit an den Euthanasie-Morden in Stadtroda beteiligt gewesen, als er spätestens seit 1943 von den dortigen Vorgängen wusste und dessen ungeachtet schwerbehinderte Patienten seiner Klinik nach Stadtroda überwies. In mindestens zwei Fällen empfahl er auf den handschriftlichen Überweisungsschreiben selbst die Euthanasie. Er behielt seine Stellung bis zu seinem Tod 1953, wurde 1947 Ehrendoktor der Sozialpädagogischen Fakultät der Universität Jena und Ehrenbürger der Stadt, erhielt 1949 den Ehrentitel „Verdienter Arzt des Volkes“ und 1952 den Nationalpreis erster Klasse. In Jena wurden die Universitätskinderklinik, zwei Kindergärten und eine Straße nach ihm benannt, nach dem Bekanntwerden seiner Mitwirkung am nationalsozialistischen Euthanasieprogramm jedoch im Jahr 2000 umbenannt.

Ein weiterer namhafter DDR-Mediziner, Harry Güthert, Professor in Jena und Erfurt und bis 1985 Chefredakteur der Fachzeitschrift „Zentralblatt für allgemeine Pathologie und pathologische Anatomie“, war seit 1937 NSDAP-Mitglied gewesen und war als Pathologe unter anderem im Konzentrationslager Buchenwald tätig gewesen.

Der Umstand, dass Staatssicherheit und Justiz der DDR die Beteiligung einiger der genannten Personen an Verbrechen der NS-Diktatur offenbar gezielt deckten und verheimlichten, wirft Fragen auf. Es steht zu vermuten, dass dies zum Teil dazu diente, die betreffenden Personen umso enger an das neue Regime zu binden und in Abhängigkeit zu halten; im Einzelnen lassen sich die Beweggründe jedoch, wie Olaf Kappelt ausführte, nicht belegen: „Es handelte sich um sogenannte ‚operative Entscheidungen‘, darüber findet man nichts in den Akten.“ Auffällig ist jedoch, dass stalinistische Säuberungen in der DDR eher andere Gruppen wie etwa „Titoisten“, „Revisionisten“ oder „Linksabweichler“ trafen und gerade nicht ehemalige Nazis. Dass diese sich so lange Zeit in einflussreichen Positionen halten konnten, wurde, so Kappelt, auch durch die „Vergreisung der Führungsebene“ begünstigt. An den Vortrag schloss sich eine engagierte und facettenreiche Publikumsdiskussion an, die von dem Journalisten Gerald Praschl moderiert wurde. Darin wurde auch die Frage aufgeworfen, wie sich der Umgang mit Funktionsträgern und aktiven Unterstützern der SED-Diktatur nach 1990 vom Umgang mit nationalsozialistisch belasteten Personen nach 1945 unterscheide. „Ich wünsche mir einen kritischeren Umgang mit so mancher ‚Blockflöte‘ – und vor allem auch mehr Selbstkritik“, resümierte Olaf Kappelt.


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Tobias Klein

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