13. September 2015

Flüchtlingspolitik Das politisch unkorrekte „aber“

Die Willkommenskultur muss sich erst noch beweisen

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Bildquelle: shutterstock/a katz Auf Dauer nicht ausreichend: Private Sachspenden

Wie ein kleines Wort es auf den medialen Index schaffen kann, erleben wir gerade in diesen Tagen. Versuchen Sie doch mal ein öffentliches Gespräch mit folgender Formulierung zu befeuern: „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge/Ausländer/Asylanten/…, aber …“ Sie werden schnell merken, was ich meine. Die Medien und die Gesellschaft fordern da die reine Feststellung, sowas wie einen gefühlten Imperativ „Ich habe nichts gegen Flüchtlinge! – Basta!“. Das anschließende „aber“ macht einen heute nur verdächtig, es doch nicht ganz ehrlich zu meinen. Und in Zeiten, in denen sich ganz normale Menschen darin überbieten, wer die ausgeprägteste Willkommenskultur aufzuweisen hat, wird so ein „aber“ schnell zu einem Kriterium, einen „Asylkritiker“, der eigentlich ein verkappter Rassist sein muss, zu identifizieren. Darum möchte ich für dieses „aber“ eine Lanze brechen.

Wir haben in unserem Heimatort eine Turnhalle, in der Flüchtlinge zur Erstaufnahme aufgenommen werden. Meine Frau und ich waren da, und es sind in der Tat überwiegend Familien mit Kindern, die dort Zuflucht gefunden haben, angabegemäß die meisten aus Syrien, ob tatsächlich Flüchtlinge, kann ich nicht beurteilen. Wer die Dankbarkeit dieser Menschen für Sachspenden erlebt hat, der wird schwerlich umhin können, es richtig zu finden, diesen Menschen Schutz zu gewähren. Wie es der Schriftsteller und Journalist Michael Klonovsky in seiner Kritik an der Verwendung des Bildes des kleinen Aylan Kurdi geschrieben hat: „Kein zurechnungsfähiger Mensch, auch nicht bei Pegida, der AfD und in anderen Etagen der Unterwelt, hat sich nämlich gegen die Aufnahme tatsächlicher Flüchtlinge ausgesprochen (und wenn, dann Schande auch über diese Figuren).“

Darin steckt schon das „aber“, dieses „aber“, das uns auch in einer Zahl begegnet: 800.000! Das ist die Zahl, die regierungsseitig an zusätzlichen (!) Flüchtlingen für 2015 prognostiziert wird. 800.000, von denen wir wissen, dass es nicht alles Flüchtlinge sind, jedenfalls nicht nach deutschen rechtlichen Kriterien. Natürlich fliehen die meisten von ihnen vor einer Notsituation, aber ob die ein Asyl in Deutschland rechtfertigt, darüber kann man Zweifel haben.

Ich will mich hier nicht an spekulativen Zahlen verbrennen, aber wenn nur ein erklecklicher Teil dieser 800.000 Flüchtlinge kein Asyl in Deutschland bekäme, dann wäre die Rückführung dieser Menschen in ihre Heimat schon alleine ein logistisches Problem, allerdings auch, je länger sie hier sind, ein menschliches, gerade wenn es Kinder betrifft. Und alle 800.000, egal aus welchem Grund sie bei uns gelandet sind, haben ein Recht auf menschenwürdige Behandlung. Ob die Leistungen, die sie in Deutschland bekommen, Sachleistungen und ein Taschengeld, angemessen sind, darüber kann man streiten. Rein rechtlich müssen sich die Leistungen offenbar an den Hartz-IV-Sätzen orientieren – was wohl in der Regel ein deutlich besseres Einkommen sein wird, als diese Menschen es zu Hause gehabt haben (wohlgemerkt „in der Regel“, nicht allgemein).

Wenn diese 800.000 nun nach Hause melden, wie sie in Deutschland aufgenommen werden, mit jubelnden Menschen am Bahnhof und einem guten Auskommen, Mahlzeiten und einem Dach über dem Kopf – wer wollte es den Daheimgebliebenen verübeln, sich auch Gedanken darüber zu machen, ob sie nicht hierherkommen wollen? Die Folge ist, dass wir auch in den kommenden Jahren mit ähnlichen Größenordnungen an Flüchtlingen rechnen müssen … weil die Krisen in der Welt (und ich werde jetzt auch nicht darüber spekulieren, wer für die verantwortlich ist) nicht weniger werden, weil die Wirtschaft in Deutschland das auch noch eine Weile aushalten kann, und weil sich auch so schnell niemand trauen wird, den mahnenden Zeigefinger zu heben.

Die 800.000 kommen dazu überwiegend aus anders geprägten Kulturen, selbst wenn sie aus Südosteuropa kommen. Und sie treffen dann auf ein Land, das sich geniert, von den Menschen, egal ob Flüchtlinge, Migranten oder Gästen, tatsächliche Integration zu verlangen: Die Sprache lernen, die Kultur respektieren … schnell ist da von Assimilierung die Rede, und ich frage mich, was eigentlich so schlimm daran ist? Wir alle assimilieren uns jeden Tag – ganz freiwillig – in der Familie, unter Freunden und im Beruf, weil unser Leben sonst schrecklich kompliziert würde, unnötige Konflikte aufbrechen. Aber in einem Land, in dem schon das Wort „Leitkultur“ verbrannt ist, lassen sich solche Forderungen von Politikern und Medien kaum ohne Blessuren aufstellen.

Das alles, die Aufnahme von in diesem Jahr knapp einer Million Flüchtlingen, wobei davon auszugehen ist, dass das in den kommenden Jahren nicht weniger wird, deren Versorgung, nicht nur mit dem Nötigsten, sondern mit auch mit „normalen“ Standards wie Wohnungen, die Bemühungen zur Integration inklusive Sprachkursen, die Prüfung der Asylberechtigungen, die Rückführung in die Heimatländer – wenn überhaupt möglich –, die sozialen Implikationen bis hin zur notwendigen Berufsausbildung oder Umschulungen, wird Geld und vielen guten Willen kosten. Mehr Geld, als es die betreffenden Flüchtlinge selbst zumindest kurzfristig werden erwirtschaften können, und mehr Geld – davon darf man erfahrungsgemäß ausgehen – als die Politik glauben machen will. Und mehr guten Willen, als das im Moment offenbar wird.

Und ob die Integration damit wirklich gelingt, oder ob die religiösen und kulturellen Unterschiede nicht zu scharfen Verwerfungen führen werden, ist alles andere als ausgemacht. Ich bin keine Kassandra, die Bürgerkriege an die Wand malt, aber Konfliktstoff ist mit dem beschriebenen Konglomerat ausreichend vorhanden. Vorsicht ist also angesagt, vor allem, wenn behauptet wird, das sei alles recht einfach zu lösen.

Um es also nochmal zu sagen: Ich habe nichts gegen Flüchtlinge, schon gar nicht gegen Familien, die vor dem Terror des IS oder dem Terror des Assad-Regimes zu uns fliehen. Ich habe auch nichts gegen Menschen, die der wirtschaftlichen Not bei uns zu entfliehen versuchen. Aber mit einem Plakat „Refugees welcome“ und am Bahnhof überreichten Blumen werden sich die sich abzeichnenden Probleme nicht lösen lassen. Und bei in den kommenden Jahren zu erwartenden mehreren Millionen Flüchtlingen wird es nicht ausreichen, dass wir unsere Speicher nach ausgemusterten Kinderwagen und Kleidung als Sachspenden durchforsten.

Eine sogenannte Willkommenskultur wird sich erst dann beweisen, wenn sie uns wirklich etwas kosten wird. Das wird kommen, wir werden dem nicht aus dem Weg gehen können. Wir werden Antworten finden müssen auf Fragen, die wir uns heute noch gar nicht vorstellen können. Und bei aller Abneigung gegen Kollektivismen: Es ist nicht absehbar, dass es für die anstehenden Problematiken individuelle Lösungen geben wird.

Es ist wunderbar, wenn heute viele Deutsche die Flüchtlinge willkommen heißen. Fahrlässig handeln aber heute diejenigen, die das „aber“ am liebsten in der Mottenkiste des „Rechten“ verschwinden lassen wollen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf dem Papsttreuen Blog.


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