10. September 2015

Reise nach Moldawien Die unbekannteste Ecke Europas

Der Lebenswille der Bevölkerung ist ungebrochen

Artikelbild
Bildquelle: shutterstock Aufstrebende Republik im Osten Europas: Moldawien

Kennen Sie Kischinau? Vermutlich nicht. Das ist die Hauptstadt eines der jüngsten Staaten Europas. Wenn man so will, ist der Staat Moldova ein Ergebnis des Hitler-Stalin-Paktes, denn weder Bessarabien noch die Bukowina waren vorher jemals eigenständige Staaten. Vielmehr wechselten sie selbst für osteuropäische Verhältnisse oft die Zugehörigkeit. Sie waren Teil des Osmanischen Reiches und des Zarenreiches, der Sowjetunion, Rumäniens, wieder der Sowjetunion als autonome Republik, seit 1990 ein eigener Staat. Traditionell wurde das Gebiet von vielen Völkern bewohnt: Moldawiern, Russen, Ukrainern, Bulgaren, Deutschen, Juden. Letztere stellten bis 1941 die Hälfte der Bevölkerung von Kischinau. Man lebte in weitgehend autonomen Dörfern problemlos nebeneinander. Deutsche und Juden gibt es heute kaum noch. Auch das hat mit dem Hitler-Stalin-Pakt zu tun.

Bessarabien und die Bukowina erlebten seit 1941 drei große und mehrere kleine Deportationswellen. Als die Sowjets infolge des Hitler-Stalin-Paktes Moldawien wieder in die SU eingliederten, begann umgehend die Sowjetisierung. Im Juni 1941 wurde die rumänische politische Elite, Abgeordnete, Bürgermeister, Beamte, Lehrer, Intellektuelle samt Familien nach Sibirien deportiert. Die Männer wurden abgetrennt und verurteilt, erschossen oder in den Gulag gesteckt. Frauen und Kinder wurden zu sogenannten „freien“ Ansiedlern in Gebieten, die sich möglichst weit weg vom Lager ihrer Männer befanden. Die Familien hatten 15 Minuten Zeit gehabt, zu packen. Dann kamen gemäß der Vereinbarung des Hitler-Stalin-Paktes deutsche Beamte in die deutschen Dörfer und forderten die Bewohner auf, heim ins Reich zu kommen. Eine Wahl hatten sie nicht. Nach dem Überfall auf die Sowjetunion waren die Juden dran, die mit Hilfe der rumänischen Polizei erst in Ghettos gepfercht, dann nach Auschwitz transportiert wurden. Im Juli 1949 wurden die wirtschaftlichen Eliten enteignet und deportiert. Fast über Nacht verschwand die gewachsene ökonomische Struktur und mit ihr fast alle traditionellen Berufe. Das Gebiet hat sich bis heute nicht davon erholt.

Heutige Umverteilungsfans könnten aus der Geschichte lernen, was Enteignung im großen Stil anrichtet und dass sie nicht alle reicher macht, sondern eine Gesellschaft ins Elend stürzt. Zwar wurde Moldawien auf sowjetische Weise industrialisiert – es entstanden Rüstungszulieferer mit bis zu 20.000 Mann Belegschaft – diese Betriebe haben den Zusammenbruch der Sowjetunion aber nicht überlebt. Geblieben sind nur die Plattenbaubezirke neben den ehemaligen Fabriken. Vom Werk getrennt durch eine überbreite Straßenschneise, in deren Mitte ein mit Bäumen und Sträuchern bepflanzter endloser Spazierweg für die Erholung der Werktätigen war. Das Werk selbst ist immer hinter einer dichten Reihe Bäume versteckt und durfte nur mit Spezialausweis betreten werden. Vor den Wohnblöcken befindet sich die übliche Ansammlung von Einkaufsbuden, heute stehen in den Lücken Supermärkte. In einem englischen Reiseführer wird Kischinau als schönste Sowjetstadt gepriesen, wegen des vielen Grüns. Auf mich wirkt sie eher deprimierend.

Fliegt man auf den Hauptstadt-Flughafen zu, hat man das Gefühl, auf einer verlassenen Baustelle zu landen. Immerhin ist das Flughafengebäude neu, von westlichem Standard, allerdings ohne die Ladenzeilen. Man ist in zehn Minuten draußen, denn das Gepäck ist schon auf dem Fließband, wenn man die Halle betritt. Wir sind mit der moldawischen Fußballnationalmannschaft geflogen, die am Vorabend in Wien sich ganz unerwartet mit 1:0 geschlagen geben musste und darüber immer noch ganz glücklich ist. Die auffallend gut aussehenden Jungs fliegen übrigens Economy.

Auf dem Weg nach Kischinau hatte ich das Gefühl, der Maler Wolfgang Mattheuer müsste hier gewesen sein. Diese schnurgeraden, aber durch Hügel gewellten Straßen kenne ich aus seinen Bildern. Kischinau liegt wie Rom auf sieben Hügeln – der Vergleich unserer Reiseführerin kommt uns allerdings angesichts des postsowjetischen Flairs beinahe obszön vor. Vom Stadtzentrum sehen wir auf unserer Stadtrundfahrt vorerst nichts. Vor dem Regierungsgebäude findet an unserem Ankunftstag eine Demonstration mit geschätzten 100.000 Teilnehmern statt. Es geht um einen Korruptionsskandal, den die Bevölkerung nicht hinnehmen will. Moldawien ist dabei, sich von seinem Ruf als korruptester Staat Europas zu befreien. Dass es auch der ärmste Staat sein soll, ist nicht unmittelbar sichtbar. Die Menschen sind gut und sehr viel sorgfältiger gekleidet, als wir es gewohnt sind. Die Autoflottille ist überwiegend modern. Im Supermarkt gibt es alles, was es auch bei uns gibt. Es wird viel gebaut, vor allem Eigentumswohnungen, die sich die Leute kaufen, um als Rentner darin zu leben. Warum nicht gleich?

Ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung ist im Ausland. Trotzdem sieht man auf den Straßen viel mehr junge Menschen als bei uns. Bei drei Millionen Einwohnern hat Moldawien 30 Universitäten, die, wie wir uns in der größten überzeugen konnten, gut ausgestattet sind. Die schweren Schicksalsschläge haben den Lebenswillen der Bevölkerung nicht gebrochen. Die Menschen wirken entspannt und freundlich. Dennoch gibt es jede Menge Probleme.

Fortsetzung folgt

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Vergangenheits-bewältigung

Mehr von Vera Lengsfeld

Über Vera Lengsfeld

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige