20. Juli 2015

Deutschlands Kriegsschuld Eine Frage der Biographie

Nazi Fischer schuf ein Klima der Heuchelei

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Bildquelle: shutterstock Opfer der Betroffenheitsathleten: Nachfahren am Pranger

Der Unterschied zwischen Ludwig Dehio und Fritz Fischer? Der eine, Dehio, war „Vierteljude“, musste sich im Dritten Reich sehr unauffällig verhalten und verfasste unmittelbar danach eine historische Studie, in der er beschrieb, wie die europäische Mächtekonstellation – unter anderem – zur NS-Herrschaft führte. Das heißt, er betrachtete die Geschichte als Historiker, nicht als Ideologe, und hielt es für selbstverständlich, dass auch eine extreme Diktatur wie jene Hitlers im Kontext des gesamten Mächtespiels und keineswegs als so ursachenloser wie unvergleichbarer Einbruch des Bösen in die Welt zu verstehen sei. Der andere, Fischer, war bereits in der Weimarer Republik ein Nazi, hatte als SA- und NSDAP-Mitglied nach 1945 etwas gutzumachen und schrieb später eine Anklage gegen das Kaiserreich und dessen angebliche Haupt- wenn nicht Alleinschuld am Ersten Weltkrieg, den er im Kontext mörderischen deutschen Weltmachtstrebens quasi als Probelauf für den Zweiten darstellte, seinen nationalsozialistischen Milchbrüdern somit im nachhinein jedes Recht absprechend, das Diktat von Versailles revidieren zu dürfen.

Die persönliche und/oder familiäre Vorbelastung ist typisch für die erste Generation der exzessiven „Vergangenheitsbewältiger“. Sie schufen jenes Klima der Heuchelei und jedes bekannte Maß sprengenden „Selbst“bezichtigung, in dem bis heute Karrieristen, Betroffenheitsathleten und Lippenbekenntnisautomaten in der Baumschulenschlichtheit von Reichsparteitagsmarschblöcken gedeihen.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta diurna.


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