03. Juli 2015

„The Railway Man“ Die vergessenen Kriegsverbrechen

Dank Filmen wie diesem gibt es noch Hoffnung

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Bildquelle: Eva Rinaldi/Wikimedia Commons Beeindruckt trotz Botox: Nicole Kidman

Hollywood ist immer wieder für eine Überraschung gut. Nach „Kind 44“ und „American Sniper“ kam mit „Die Liebe seines Lebens – The Railway Man“ der dritte Film in unsere Kinos, der sich mit Themen beschäftigt, die nicht im öffentlichen Bewusstsein sind. In diesem Fall ist es das Schicksal der englischen Soldaten, die in japanische Kriegsgefangenschaft gerieten.

Allerdings ist der deutsche Titel irreführend: Unter „Die Liebe seines Lebens“ hatte ich mir eine Herz- Schmerz-Schmonzette vorgestellt, in die ich nur meiner Freundin zuliebe mitgekommen war. Außerdem mag ich Colin Firth, der die Hauptrolle neben Nicole Kidman spielte. Leider hat Kidman, die in „Eyes Wide Shut“ Tom Cruise an jede erreichbare Wand spielte und sich als Virginia Woolf in „The Hours – Von Ewigkeit zu Ewigkeit“ selbst übertraf, inzwischen ein irritierend starres Gesicht – das ist aber meine einzige kritische Anmerkung.

Der Film begann dann auch wie erwartet. Ein älterer Herr, Eric Lomax,  trifft im falschen Zug auf die richtige Frau, Patti. Sie heiraten und alles deutet auf ein Happy End. Der Bruch kam für Uneingeweihte, wie mich, überraschend. Der Ehemann wird nachts von grässlichen Alpträumen geplagt, die ihre Ursache in seinen Kriegserlebnissen haben. Tagsüber kann er nicht darüber sprechen. Die Ehe steht bald auf der Kippe. Die Ehefrau lässt nicht locker, befragt alte Kriegskameraden und erfährt Bruchstücke aus der Vergangenheit.

Die Rückblenden sind beklemmend. Der Zuschauer wird nach Thailand unter japanischer Besetzung entführt und muss schreckliche Bilder ertragen.
Schon beim Transport zum Kriegsgefangenenlager, der tagelang in glühender Hitze erfolgt, möchte man die Augen schließen, um die Arme der halb verdursteten Soldaten nicht zu sehen, die sich den Wasserbechern der Thailänder, die zu helfen wagen,  entgegenstrecken, sie aber nicht erreichen, weil die japanischen Soldaten die Thais mit Gewehrkolben zu Boden schlagen.

Am Ziel angekommen, der Baustelle der Thailand-Burma-Eisenbahn, sehen die Ankommenden Szenen, die den Höllenkreisen Dantes zu entstammen scheinen. Völlig heruntergekommene, halb verhungerte Soldaten und Zivilisten sind dabei, mit primitivsten Mitteln das künftige Eisenbahnbett aus den Felsen zu hauen. Lomax und seine Kameraden aus der Nachrichteneinheit versuchen, sich nicht unterkriegen zu lassen. Sie stehlen sich von der Baustelle die Materialien für ein Radio zusammen und können schließlich den BBC-Worldservice empfangen.

Natürlich bekommen die Japaner Wind davon, finden das Radio und auch eine Landkarte, die Lomax von der Umgebung gezeichnet hat. Die ganze Gruppe wird vom Geheimdienst der Japaner verhaftet. Um seinen Kameraden die Folter zu ersparen, nimmt Lomax alle Schuld auf sich. Er wird furchtbar gefoltert. Wieder möchte man wegsehen. Ich musste mir klarmachen, dass Menschen so etwas wirklich erdulden mussten, also muss ich es mir wenigstens ansehen. Wie durch ein Wunder überlebt Lomax.

Auf Drängen seiner Frau fährt er Anfang der 80er Jahre nach Thailand, wo sein Folterer inzwischen im ehemaligen Militärgefängnis ein Museum betreibt.
Lomax ist anfangs fest entschlossen, seinen Widerpart umzubringen und ihm vorher etwas von dem zuzufügen, was er selbst erdulden musste.
Er muss erfahren, dass er dazu nicht in der Lage ist. Er sitzt auch keineswegs dem Mann von damals gegenüber, sondern einem, der seine Taten zutiefst bereut und seine Tätigkeit im Museum als Wiedergutmachung ansieht. Seine Wandlung sei durch Lomax in Gang gesetzt worden, der unter furchtbarster Folter nie aufgegeben habe.

Lomax lässt von seinem ehemaligen Peiniger ab und kehrt nach England zurück. Dort erreicht ihn ein Brief von Takashi Nagase, der ihn um Verzeihung bittet. Lomax vergibt ihm, und die beiden Männer werden Freunde bis zu ihrem Tod. Diese Geschichte ist wahr und zeigt, dass die eigentlichen Helden unerkannt unter uns leben. Lomax und Nagase sind ein Beispiel dafür, dass die tiefsten Wunden, die von einer unheilvollen Politik gerissen werden, geheilt werden können, wenn man darauf verzichtet, die alten Methoden anzuwenden. Nicht Rache hilft weiter, sondern nur ein Ausstieg aus der Gewaltspirale.

Solche Filme müssten Pflichtprogramm in Schulen werden. Leider werden sie vor leeren Kinos gezeigt. Es ist leichter, Geschichtslegenden am Leben zu erhalten, als der historischen Wahrheit zum Durchbruch zu verhelfen. Aber solange Filme wie dieser gemacht werden, gibt es Hoffnung.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

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