23. März 2015

Blockupy und 68er Nicht aus der Geschichte gelernt

Die Schreibtischtäter am Tag danach

Dossierbild

Die Feuer in Frankfurt waren gerade gelöscht, die Zahl der verletzten Polizisten auf 150 gestiegen, da begannen die Beschwichtiger und Terror-Versteher den Gewaltexzess in Frankfurt zu verniedlichen.

Allen voran Jakob Augstein, der in seiner Kolumne sich nicht entblödete zu behaupten, dass die Polizei sich zum „Schutz des Kapitalismus“, nicht des Staates, berufen sah. Sein „Beweis“: Im Jahr 2013 hätten die Beamten als Grund ihrer Maßnahmen gegen die Proteste der Blockupy-Bewegung „Antikapitalismus“ angegeben. Man muss diese gewundene Herleitung nicht verstehen, die auch nur den Zweck hat, die Antikapitalismus-Philippika des Millionärssöhnchens zu rechtfertigen.

Bezeichnend ist, dass Augstein Blockupy mit der Studentenbewegung von 68 gleichsetzt und zeigt, dass er nichts aus der Geschichte gelernt hat.

So wie 68 über den Krieg in Vietnam „informiert“ wurde, ohne die Verbrechen der Kommunisten an der südvietnamesischen Bevölkerung auch nur zu erwähnen, um die Gewaltaktionen zu legitimieren, wird heute von Blockupy und den Augsteins die Austeritätspolitik der EU für die Toten im Mittelmeer verantwortlich gemacht, ohne über die afrikanischen Diktatoren und die kriminellen Menschenhändlerbanden auch nur ein Wort zu verlieren.

Dann versteigt sich Augstein gar zu einer Rechtfertigung des RAF-Terrorismus. „Herbert Marcuse hatte schon 1964 geschrieben, dass die ‚traditionellen Mittel und Wege des Protests‘ unwirksam geworden seien, weil der moderne Kapitalismus gelernt habe, auch den Protest zu integrieren. Marcuse sagte, wer in der Gesellschaft der ‚repressiven Toleranz‘ seine Rechte ausübt – das Recht der Wahl, der freien Rede, der unabhängigen Presse –, trage allein dadurch zum Anschein bei, dass es noch demokratische Freiheiten gebe, die in Wirklichkeit jedoch längst ihren Inhalt verloren hätten: ‚In einem solchen Fall wird die Freiheit zu einem Instrument, die Knechtschaft freizusprechen.‘ Das waren außerordentlich gefährliche Gedanken. Der Terrorismus der 70er Jahre dachte sie nach.“

Da ist es nur logisch, dass er am Ende die Frage stellt, was wohl mehr wert sei, ein Polizeiwagen oder ein griechischer Rentner. Bezeichnend, dass er die Frage nicht in Bezug auf deutsche Polizisten stellt, denn dann wäre die Absurdität seiner Gedanken zu offensichtlich geworden.

Weniger intellektuell verschwurbelt kam die jüngere Generation der Terror-Versteher daher. „Es sind doch nur brennende Autos: Beruhigt euch mal wieder“, schrieb ein grüner Stadtrat aus Bochum in seinem Blog. Die verwundeten Polizisten sind keine Erwähnung wert. Gewalt gegen Sachen ist im antikapitalistischen Kampf legitim. Die Blockupy-Organisatoren sehen keinen Grund, sich von ihren Verbündeten zu distanzieren. Sie werten den Protesttag lieber als Erfolg: „Ich distanziere mich nicht von der Gewalt“, sagte ein Sprecher, man sei aber „traurig über einige Aktionen“, sagte ein anderer.

Eine Frau von der „Interventionistischen Linken“  freute sich, dass der politische Widerstand in Deutschland angekommen sei. Die 20.000 Demonstranten hätten gezeigt, „dass viele Menschen sich nicht mehr von der Krisenpolitik terrorisieren lassen“. Dass die Frankfurter terrorisiert wurden, stört sie nicht. Der Attac-Koordinierungskreis ließ verlauten,  einige Akteure hätten sich nicht an den vereinbarten Konsens gehalten. Jedoch verwüste die Gewalt, die von Regierungen ausgehe, ganze Länder.

„Der Widerstand geht weiter“, sagte der Blockupy-Sprecher. Es sei notwendig, weiter mit zivilem Ungehorsam gegen eine „menschenverachtende Politik“ vorzugehen. Dass diese Art von Protest menschenverachtend ist, scheint den Verantwortlichen nicht in den Sinn zu kommen. Wer so weitermachen will, nimmt mögliche Tote beim nächsten Mal in Kauf. Mir graut vor diesen Schreibtischtätern.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.

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