17. März 2015

Medien Die Vergewaltigung des Wahrheitsbegriffs in der Mitte seines Ministeriums

Ist es „bösartige Ignoranz“ oder nur Inkompetenz?

Dossierbild

In Amerika haben Kommentatoren des außenpolitischen Geschehens einen schönen Begriff für Faktenresistenz und Tatsachentwist der korporatistisch-oligarchisch kontrollierten US-Vermassungsmedien geschaffen: „vicious ignorance“, bösartige Ignoranz. Sie meinen damit, dass man erwachsenen Menschen, erst recht solchen, die im Journalismus tätig sind, doch eigentlich zutrauen können sollte, sich mit allen vorliegenden Informationen zu einer bestimmten Sache unter Einsatz des eigenen Verstandes (Betonung auf „eigenen“) halbwegs unvoreingenommen und kritisch beschäftigen zu können, statt stets nur als „Presstitutes“ aufzutreten, wie es dort heißt, also als „Journutten“, wie ich sie auch gerne nenne, und machtelitär erwünschte Meinungen nachzuquäken. Leider kann man das heutzutage aber nicht mehr voraussetzen, im Gegenteil. Was beispielsweise alleine die verlorene „Zeit“, eine wöchentlich erscheinende Fachzeitschrift für publizistische Escort-Dienstleistungen im Hotelgewerbe, in den letzten Tagen an flottem Tatsachentwist und Lügenlambada auf den Nasen der Leser tanzte, war in seiner „vicious ignorance“ – oder ist es tatsächlich nur unschuldige Insuffizienz? – einer der Gipfelpunkte einer Berichtbestattung, die den Presseskandal zum Extremsport erhoben zu haben scheint. Den Chartbreaker der Woche lieferte Matthias Naß ab, als er mit stupender, schlicht fassungslos machender, an Respektlosigkeit  gegenüber der Leserschaft unüberbietbarer Rotzdreistigkeit  behauptete, die NATO sei „zufällig“ (Atom-sic!) in den Ukraine-Konflikt geraten. Damit wurde in Sachen Echtzeit-Geschichtsfälschung zweifellos eine neue Stufe gezündet. Ich bin mir jedoch sicher, dass es nicht mehr lange dauern kann, bis andere skrupellose Schmierfinken noch ein paar Scheite Unverschämtheit nachlegen.

Am 13. März versuchte Alice Bota vom selben Blatt sich an einer Selbstverteidigung bezüglich ihrer Verklärung des Ukraine-Konflikts – und scheiterte grandios an genau derjenigen Einäugigkeit und Realitätsleugnung, die sie den wütenden Kommentatoren ihrer verblüffenden Geschichtsvergessenheit vorwirft. Daran, dass sie die Beteiligung, Mitverantwortung und -schuld des Kreml an der Situation hervorhebt, ist ja nichts auszusetzen. So weit, so faktisch richtig. Man muss schon sehr unbedarft sein, zu glauben, ein Machtmensch wie Putin pfiffe däumchendrehend der Weltgeschichte hinterher, statt seine Vorstellungen eines Russlands als bedeutender geopolitischer Spieler höchst aktiv in die machtbewusste Tat umzusetzen. Es wird nur langsam arg doof, suggerieren zu wollen, er sei der einzige. Ich verstehe immer noch nicht ganz, warum sich Alpha-Märchenerzähler an solche Dummheiten klammern. Bota brachte außerdem – wie so viele ihrer Kollegen – die Tragödie des Fluges MH17 ins Spiel. Auch sie stützt sich dabei auf angebliche Beweise für einen Abschuss durch prorussische Kräfte. Gut, aber dann legt sie doch BITTE ENDLICH MAL VOR. Ja, ist es denn so schwierig? Stattdessen bekommt man nur Andeutungen, Behauptungen, Verdachtsmomente und Spekulationen vorgesetzt. Wo bleiben die HARTEN BEWEISE, meine Herrschaften? Ich dachte, ihr wolltet Verschwörungstheorien vermeiden?

Werte Kollegin, sie werfen den Lesern, die sich all das völlig zu Recht nicht mehr bieten lassen wollen, Amateur-Schopenhauerei vor: Die Welt als russischer Propagandawille und Verschwörungswille. Sie kritisieren die Manipulationen der russischen Staatsmedien. Ich kann Ihnen ja noch folgen, wo es um die bloße Tatsache geht: Ja, natürlich betreiben Staatsmedien auch Staatspropaganda. Die russischen Medien „lügen“, so behaupten Sie. Ach was. Allerdings suche ich immer noch nach wesentlichen Unterschieden zwischen dem russischen und deutschen Staatsfunk, denn auch aus den Volksempfängern der Sowestunion schallt gerne mal die Unwahrheit. Wenn das russische Staatsfernsehen seine Zuschauer betuppt, finden Sie das empörend. Wenn das deutsche durch suggestive Schnitte, tendenziöse Off-Kommentare, handverlesene „Experten“ aus, sagen wir mal, interessierten Denkfabriken oder gefälschte Kriegsbilder Agitation und Propaganda betreibt, ist das für Sie wohl völlig normal und in Ordnung.

An einem Dugin, Putins geopolitischem Chefdenker, hängen Sie und Ihre Kollegen sich seit Wochen auf. Dass ein Brzeziński genau diejenige Strategie entworfen hatte, die nun auch in der Ukraine und gegenüber Russland Punkt für Punkt umgesetzt wird, ist für Herrn Naß und andere Mietmäuler „Zufall“. Dass derselbe Geostratege bereits selber zugab, er habe zusammen mit dem US-Auslandsgeheimdienst CIA eine Terrorgruppe namens „al-Qaida“ organisiert, finanziert und bewaffnet, gilt selbst heute noch – obwohl erwiesen – als „Verschwörungstheorie“. Dass dieselbe Gruppe, ein Frankensteinmonster aus der geopolitischen Hexenküche der unleugbar Guten, dann die Anschläge in New York verübt haben soll, nun, dazu kann ich leider nur noch sagen: Dann spielt halt nicht mit Schmuddelkindern. Wenn Moskau Separatisten in der Ostukraine mit Waffen beliefert, läuft euch das Moralin aus Nase, Ohren und Mund. Wenn eure Transatlantik-Luden Terrori ... moderate Rebellen mit Waffen bestücken, um andere Länder zu destabilisieren – siehe Libyen, siehe Syrien –, dann haben Putin-Trolle das natürlich alles nur geträumt. Wenn aus denselben geostrategischen Go-Go-Tänzern später eine Mörderbande namens „IS“ hervorgeht, die munter Menschen köpft – Shit happens, solange es kein russischer ist. Wenn das Council on Foreign Relations nun schon zum zweiten Mal vorschlägt, eben diese al-Qaida zu bewaffnen (Warp-sic!), dieses Mal für den Kampf gegen den IS (das erste Mal zur „Stärkung der Kampfmoral“ der Rebellen in Syrien vor einigen Jahren), dieselben Spaßmacher also, die je nach aktuellem Ziel auf dem großen Schachbrett offensichtlich mal Partypooper, mal Partylöwen sind: ach egal, solange es nicht auf der Krim passiert. Wenn skrupel- und rücksichtslose Destabilisierungsversuche und völkerrechtswidrige Angriffskriege unfassbares menschliches Leid verursachen, zahllose Menschen aus ihrer Heimat vertreiben und für Flüchtlingsströme sorgen, die dann hierzulande irgendwie „bewältigt“ werden müssen – solange sie nicht aus dem Donbass kommen, war's nur'n dummer Zufall. Wenn Putin über die Annexion der Krim spricht, wird jedes Wort auf die Goldwaage gelegt. Wenn ein US-General offen zugibt: Wir sind für den Aufstieg des IS mitverantwortlich – der spricht doch eindeutig mit russischem Akzent!

Geehrte Kollegin Bota, ich weiß nicht, wie viele Stangen Dynamit, nein, taktische Nuklearwaffen in ihren und den Ohren ihrer entweder „bösartig ignoranten“ oder aber schlicht unfähigen Kolleg_Innen*hohl hochgehen müssen, bis ihr euch eventuell mal dazu durchringen könnt, erstens zu guten journalistischen Tugenden zurückzukehren, zweitens euch selbständig zu informieren und weiterzubilden (statt nur Pressemitteilungen aus dem NATO-HQ abzupinnen), wovor ihr übrigens keine Angst haben müsst, Selberdenken ist wirklich kein russischer Trojaner, glaubt's mir, drittens euch von Kriegstreibern  (egal welcher Seite!) nicht mehr als willige Maulhuren und Wichstaschentücher für Machtmasturbation missbrauchen zu lassen, viertens damit aufzuhören, Deutschland und Europa durch eure mittlerweile schon kriminelle Ignoranz und Faktenleugnung in einen möglichen Krieg hineinzuhetzen, -schmieren und -lügen und fünftens euch bitte nicht mehr zu wundern, wenn Leser dieses unerträgliche Fehlverhalten adäquat honorieren, nämlich durch deftige Beschimpfungen.


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