14. Februar 2015

Dokumentation Weder Romeo noch Julia in Nordkorea

Eine Rede über den dunkelsten Platz der Welt

Park Yeon-mi (Yeonmi Park) ist eine Menschenrechtsaktivistin, die im Jahr 2007 aus Nordkorea flüchtete und nun in Südkorea lebt und dort als Reporterin arbeitet. Am 19. Oktober 2014 hielt sie eine Rede bei dem One-Young-World-Treffen in Dublin. Der Schauspieler Gerd Buurmann hat die Rede übersetzt und bittet um rege Verbreitung:

„Nordkorea ist ein unvorstellbares Land. Es gibt nur einen Fernsehsender und kein Internet. Wir sind nicht frei zu singen, sagen, tragen und denken, was wir wollen. Nordkorea ist das einzige Land in der Welt, in dem Menschen hingerichtet werden, wenn sie unerlaubte Ferngespräche am Telefon führen. Nordkoreaner werden terrorisiert.

Als ich in Nordkorea aufwuchs, sah ich niemals etwas über Liebesgeschichten zwischen Männern und Frauen, keine Bücher, keine Lieder, keine Presse, keine Filme über Liebesgeschichten. Es gibt kein ‚Romeo und Julia‘in Nordkorea. Jede Geschichte ist nur Propaganda der Diktatorenfamilie Kim.

Ich wurde im Jahr 1993 geboren und schon bei meiner Geburt verschleppt, um nie die Worte ‚Freiheit‘ und ‚Menschenrechte‘ kennenzulernen. Nordkoreaner streben verzweifelt nach Freiheit und sie sterben dafür, auch in diesem Augenblick.

Als ich neun Jahre alt war, sah ich die öffentliche Hinrichtung der Mutter von Freunden. Ihr Verbrechen: Sie hatte einen Hollywoodfilm geschaut. Die Äußerung von Zweifel an der Größe des Regimes kann drei ganze Generationen einer Familie ins Gefängnis bringen oder den Tod bedeuten.

Als ich vier Jahre alt war, warnte mich meine Mutter, ich solle nicht mal flüstern, weil die Vögel und Mäuse mich hören könnten. Ich gestehe, ich dachte, der Diktator könne meine Gedanken lesen.

Mein Vater starb in China, nachdem wir aus Nordkorea flüchten konnten. Ich musste ihn heimlich um drei Uhr morgens begraben. Ich war 14 Jahre alt. Ich konnte nicht einmal weinen. Ich hatte eine zu große Angst, nach Nordkorea zurückgeschickt zu werden.

An dem Tag, an dem ich aus Nordkorea flüchten konnte, sah ich, wie meine Mutter vergewaltigt wurde. Der Vergewaltiger war ein chinesischer Makler. Er nahm auch mich ins Visier. Ich war 13 Jahre alt. Es gibt ein Sprichwort in Nordkorea: „Frauen sind schwach, aber Mütter sind stark.“ Meine Mutter ließ sich vergewaltigen, um mich zu beschützen.

300.000 nordkoreanische Flüchtlinge befinden sich zur Zeit ungeschützt in China. 70 Prozent aller Frauen im Jugendalter in Nordkorea werden Opfer sexualisierter Gewalt. Manchmal werden sie für gerade mal 200 Dollar verkauft.

Wir gingen durch die Wüste Gobi, stets den Kompass im Blick. Als der Kompass versagte, folgten wir den Sternen zur Freiheit. Ich hatte das Gefühl, nur die Sterne seien mit mir.

Die Mongolei war unser Augenblick der Freiheit. Tod oder Würde. Mit Messern bewaffnet waren wir bereit, uns selbst zu töten, wenn wir nach Nordkorea zurückgeschickt worden wären. Wir wollten leben wie Menschen!

Ich werde oft gefragt: Wie können wir den Menschen in Nordkorea helfen? Es gibt viele Möglichkeiten, aber ich möchte hier nur drei nennen.

Erstens: Informieren Sie sich, damit Sie Aufmerksamkeit schaffen können für die humanitäre Katastrophe in Nordkorea.

Zweitens: Helfen und unterstützen Sie die nordkoreanischen Flüchtlinge, die versuchen, in die Freiheit zu fliehen.

Drittens: Ersuchen Sie China, die Rückführung von Flüchtlingen nach Nordkorea zu stoppen.

Wir müssen Licht streuen über den dunkelsten Platz der Welt.

Es sind nicht nur die Menschenrechte der Nordkoreaner betroffen. Unser aller Menschenrechte werden von den nordkoreanischen Diktatoren seit sieben Jahrzehnten geschändet.

Wir brauchen die Regierungen der ganzen Welt, um China dazu zu bringen, die Rückführung der Flüchtlinge nach Nordkorea zu stoppen.

Nordkorea ist unbeschreiblich. Kein menschliches Wesen verdient es, unterdrückt zu werden, nur aufgrund seines Geburtsorts. Wir müssen uns weniger auf das Regime konzentrieren und dafür mehr auf die Menschen, die vergessen wurden.

Ich bin eine Frau, die das Regime unsichtbar machen wollte. Als ich die Wüste Gobi durchquerte, in Todesangst, da dachte ich, niemand würde sich kümmern. Ich dachte, nur die Sterne seien bei mir.

Sie haben mir heute zugehört. Sie haben sich gekümmert.

Danke.“

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