28. Januar 2015

Khaled B. Es tut uns leid

Es ist entscheidend, wer von wem umgebracht wird

Dossierbild

Lieber ermordeter Asylbewerber Khaled B.,

es tut uns sehr leid, dass deine Beerdigung (wir Linken duzen uns vor und nach dem Tod) nicht so spektakulär verlaufen ist, wie wir erhofft, ja erfleht hatten, aber nachdem sich herausgestellt hat, dass du von einem anderen Asylbewerber erstochen worden bist, mussten wir weiter gegen diejenigen kämpfen, die Schuld tragen an der miserablen Unterbringung von Flüchtlingen – kein Mensch ist illegal! –, welche letztlich zu Taten wie deiner Ermordung zwangsläufig führen muss. Allerdings reden wir in Deutschland nicht über die Opfer von Migrantengewalt, weil erstens die Täter nicht die eigentlichen Täter sind, sondern die sozialen Ursachen sie zu Tätern machen, und wir zweitens verhindern müssen, dass Neonazis und andere Katholiken und Spießer die Tat instrumentalisieren, um vor angeblich kriminellen Zuwanderern zu warnen und Menschen, die aus Verzweiflung mit Drogen handeln oder gegen Rassisten zurückschlagen, leichter abschieben zu können. In Deutschland ist es entscheidend, wer von wem umgebracht wurde, auch rückwirkend, und da hast du jetzt einfach ganz schlechte Karten, nicht so schlechte wie ein Deutscher, der ermordet wird, denn immerhin haben wir eine Demonstration mit mehreren Tausend Teilnehmern für dich organisiert, wo sogar dein Mörder mitlief, und die Dresdner Bürgermeisterin kam vorbei, damit sie, falls ein Deutscher als Täter ermittelt worden wäre, stolz hätte sagen können: Ich war da! Damals dachten wir noch, wir könnten mit deinem Tod etwas gegen diese Pegida-Nazis anfangen, die dich ja im Grunde auf dem Gewissen haben, wie es der „Stern“ recherchiert hat und auch die weithin berühmte Menschenrechtsorganisation Human Rights Concern Eritrea, die an den Bundesjustizminister schrieb, „angesichts der ständigen Drohungen gegen Asylbewerber in der Gegend“ gebe es „nur wenig Zweifel daran“, dass du Opfer von Extremisten geworden bist. Ach, warum bloß nicht! Dann wärest du nicht umsonst gestorben!

Offen gesagt interessieren uns nämlich Ausländer, die von Ausländern umgebracht werden, noch weniger als Deutsche, die von Ausländern umgebracht werden, wobei wir an dieser Stelle betonen müssen, dass die Einteilung von Menschen in Deutsche und Ausländer rassistisch und diskriminierend ist, aber wir mussten an dieser Trennung festhalten, falls der Täter ein Deutscher gewesen wäre. Also versteh‘ das bitte nicht falsch, die deutschen Opfer kümmern uns noch weniger, aber wenn ein Deutscher von einem Ausländer umgebracht wird, dann interessieren wir uns schon dafür, indem wir nämlich umgehend den Kampf gegen rechts verschärfen, damit Neonazis, Pegida, AfD und CSU solche Einzelfälle nicht für ihre miesen rassistischen und diskriminierenden Zwecke ausnutzen können.

Lieber Khaled B., wärest du von einem Deutschen ermordet worden, wofür wir, wie gesagt, gefleht haben, der Volker Beck von den Grünen hat sogar Strafanzeige gegen die Polizei gestellt, weil er – nun, lassen wir das; also dann gäbe es heute schon eine Khaled-B.-Stiftung, und Gauck wäre mit dem halben Kabinett und dem gesamten Dresdner Landtag zum Begräbnis gekommen, und die Kanzlerin hätte gesagt, dein Tod sei „eine Schande für Deutschland“, ganz so wie alle diese Pegida-Hetzer und -Mordanstifter, die man dann ruck-zuck wie Anfang Oktober 1989 in Mannschaftswagen... – äh, nun, jedenfalls hättest du ein Staatsbegräbnis bekommen, mit Trauermusik, Beethoven oder so was, und ein bisschen afrikanischer Folklore, und du wärest in den Symbolkanon dieses Landes aufgenommen worden. Und wenn du meinst, die Pegida-Leute hätten deinen Mörder gar nicht erst einwandern lassen – die hätten auch dich nicht einwandern lassen. Diese Schweine!

Dieser Artikel erschien zuerst auf Acta diurna.

Fanden Sie diesen Artikel interessant?

Dann werfen Sie einmal einen Blick in die aktuelle eigentümlich frei 149. In ef 149 schreibt der Fondsmanager Ronald-Peter Stöferle über erfolgreiche Strategien der „Austrians“. Jörg Guido Hülsmann veranschaulicht den permanenten Schuldenschnitt, und Bruno Bandulet analysiert den Machtkampf in der EZB und dessen Auswirkungen auf den Goldpreis. Daneben erwarten Sie viele weitere tiefgründige Analysen, hintergründige Recherchen, knackige Meinungen und kenntnisreiche Empfehlungen, die Sie andernorts vergeblich suchen werden.

Als ef-Abonnent profitieren Sie zusätzlich vom erweiterten Online-Angebot, können das Heft auch digital lesen, erhalten Zugang zu neuen und älteren Ausgaben im Archiv und können Online-Artikel im Leserkreis kommentieren.

Einzelhefte und Abonnements finden Sie hier:

eigentümlich frei bestellen


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Pegida

Mehr von Michael Klonovsky

Über Michael Klonovsky

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige