16. Januar 2015

Lügenpresse Das Wort des Jahres

Über Hetzer und Verhetzte

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„Ein Lügenstaat mit seiner Lügenregierung und seinen selig-einmütigen Lügenparteien und seinen Lügengewerkschaften und seinen Lügenmedien und seinen Lügenkirchen und seinen Lügenislamverbänden und seinen Lügenkapitalisten und allen seinen kleinen Für-dies-und-das-Lügengesellschaften beschließt selig-einmütig ruckzuck das neueste Unwort. Klar, dass das ‚Lügenpresse‘ heißt“, schreibt an mich (und sicherlich nicht nur an mich) „Karl Kraus per himmlischer E-Mail“, um als sanfte Korrektur noch anzufügen, natürlich sei „Lügenpresse“ nicht das „Unwort“, sondern das „Wort des Jahres“.

Ja was denn sonst!

Lügenpresse, zum zweiten: Aus dem Kastell Peripheria am Rande der Hauptstadt der DDR schreibt mir heute Freund F. folgende Zeilen: „Vorgestern rief mich die Mitarbeiterin einer Regional-Tageszeitung an, die wir per Zufall für zwei Wochen kostenlos bezogen. Sie wollte wissen, ob ich sie weiter lesen möchte. Mein klares Nein und ihre Frage ‚warum?‘ beantwortete ich unter anderem mit der einseitigen Berichterstattung über Pegida. Eisige Reaktion der bisher Scheißfreundlichen: ‚Wir haben da unsere klaren politischen Richtlinien.‘“

Lügenpresse, zum dritten: Wenn ein komplexer Sachverhalt durch ein unterkomplexes Medium wie eine Zeitung oder einen TV-Sender dargestellt wird, sind Einseitigkeiten, Weglassungen und Halbwahrheiten auch im Falle seriösester Bemühungen seitens des Verfassers unvermeidlich. Das passiert sogar dem Cristiano Ronaldo des deutschen Journalismus und Verzapfer dieses Diariums gelegentlich. Aber dieses Welt- oder zumindest Genregesetz steht bei den Bezichtigern auch gar nicht in Abrede; was die Leute zum Schmähwort „Lügenpresse“ treibt, sind wahrscheinlich nicht einmal die immer gleichen Kommentare, es dürfte vielmehr die tendenzielle Berichterstattung sein, die zum Beispiel in der Ausländer- und Einwanderungsthematik seit Jahrzehnten beharrlich zugunsten der Zuwanderer und zuungunsten der Einheimischen ausfällt, was ich einmal in die Sottise gekleidet habe: „Wenn sich ein Deutscher und ein Immigrant prügeln und der Immigrant gewinnt, handelt es sich um ein Integrationsproblem; gewinnt der Deutsche, ist es Rechtsextremismus.“ So werden etwa unentwegt von staatlich alimentierten Instituten Studien herbeigewuchtet und von den Leitmedien willig verbreitet, die „den“ Deutschen außer den Grünen- und Links-Wählern irgendwelche Phobien unterstellen, neuerdings eine mangelnde „Willkommenskultur“ (als ob man jemanden in einem sogenannten demokratischen Staat dazu verpflichten dürfte, Fremde willkommen zu heißen, als ob das nicht seine Privatangelegenheit wäre), während auch noch die anpassungsunlustigste fremdstämmige Community Verständnis für besagte Unlust verbuchen kann, da sie wahrscheinlich nicht hinreichend bewillkommnet wurde. 

Lügenpresse, zum vierten: In den Online-Ausgaben der meisten Zeitungen sind die unter besagtem Begriff zusammenzufassenden Beiträge dankenswerterweise markiert; man erkennt sie an der deaktivierten Kommentarfunktion. Zum Beispiel unter dem Spiegel-Online-Text: „Forsa-Umfrage: Das deutsche Volk mag den Islam“, dessen lyrische Überschrift hergeleitet wurde aus den beiden Umfrageergebnissen, dass 82 Prozent der Deutschen die Aussage verneinen, Muslime seien „grundsätzlich gewaltbereiter“ als andere Religionsgruppen, und 79 Prozent erklärten, dass ihnen der Islam „kein Unbehagen“ bereite. 99 Prozent aller Menschen bereiten mir kein Unbehagen, und doch mag ich keinen einzigen davon. Von wegen und apropos Tendenz.

Lügenpresse, zum fünften: In der „FAZ“ versucht sich Rainer Blasius an der Genese des Begriffs und schreibt: „Schon Ende 1914 erschien ein Buch mit dem Titel: ‚Der Lügenfeldzug unserer Feinde: Die Lügenpresse‘. Der Autor hieß Reinhold Anton, vielleicht ein Pseudonym. Im Jahr darauf legte er nach mit ‚Aus der Lügenwerkstatt. Der Lügenfeldzug unserer Feinde‘, bis dann 1916 das Pamphlet ‚Die Lügenpresse. Der Lügenfeldzug unserer Feinde: noch eine Gegenüberstellung deutscher und feindlicher Nachrichten‘ erschien, das sich mit den Telegrammen der Nachrichtenagenturen über den ‚Weltkrieg 1914/16‘ befasste und dabei stets der eigenen Seite das Monopol auf die Wahrheit bescheinigte.“

Blasius, zuständig für politische Bücher, kommt freilich nicht auf den naheliegenden Gedanken, dass Herr Anton recht gut ins Schwarze getroffen hatte (jedenfalls spricht er ihn nicht aus), denn wenn die Lügen- oder „schwarze“ Propaganda größten, schamlosesten und perfidesten Stils irgendwo ihren Ursprung hat, dann bei den Entente-Staaten während des Ersten Weltkriegs, voran England. Später zogen die Kommunisten nach, dann die nationalen Sozialisten, aber es ist unfair, immer auf Goebbels zu zeigen, ohne seine wahren Lehrmeister zu nennen. Dass die Angelsachsen neben Lügenpropaganda außerhalb der Kriegszeiten auch so etwas wie eine halbwegs freie Presse auf die Beine stellten, wollen wir gleichwohl nicht verschweigen.

Eine Rüge verdient Blasius ferner wegen seiner quintessentiellen Bemerkung: „Der Schmähbegriff wird immer dann aus der Mottenkiste geholt, wenn es darum geht, der jeweils anderen Seite die Legitimation zu entziehen. Wer sich selbst im Besitz der absoluten Wahrheit wähnt, bezichtigt schnell diejenigen, die anderer Auffassung sind, der hinterhältigen Lüge beziehungsweise der Meinungsunterdrückung.“ Der Mann hat nie in einer Diktatur gelebt. Als ob es jedem, der sich gegen‘s Belogenwerden oder auch nur gegen die Verleugnung des für ihn Offensichtlichen wehrt, um die Durchsetzung einer Weltsicht ginge! Und natürlich haben diejenigen, die der Presse Verlogenheit vorwerfen, speioft recht, 76,45 Prozent von ihnen meinen keineswegs, sie besäßen die absolute Wahrheit, sie läsen nur gern die relative zuweilen dort, wo man sie teils aufs Platteste und Plumpeste, teils halbwegs smart, aber allzeit vorsätzlich (sofern Meutenfeigheit als Vorsatz durchgeht) tendenziell desinformiert.

Lügenpresse, zum sechsten: Eine Studie der TU Dresden ergab, dass für mehr als drei Viertel der Dresdner Pegida-Leute die Themen Islam, Islamismus und Islamisierung keine hervorgehobene Rolle spielen. (Obwohl ich nie dort war und keinen der Demonstranten kenne, war mir das schon vorher klar.) Man geht aus genereller Unzufriedenheit mit der Politik auf die Straße. Jeder Fünfte will mit seiner Teilnahme Medienkritik signalisieren. 20 Prozent sind unzufrieden mit der Asylpolitik, 18 Prozent mit dem politischen System an sich. (Das wird nicht näher erläutert, ich insistiere: diese 18 Prozent votieren überwiegend für Volksabstimmungen.) Wäre ich Lügenpresse, ich vermeldete jetzt flugs: „Fast jeder fünfte Pegida-Demonstrant hegt (gegebenenfalls: dumpfe) antidemokratische Vorbehalte (besser: Vorurteile, steigern auf: Ressentiments) und lehnt das politische System der Bundesrepublik ab.“ Na los doch!

Lügenpresse, siebtens und einstweilen letztens: Wir wollen nicht die führende Rolle der Parteien und ihrer gesellschaftlichen Agitprop-Ableger kleinreden, aber ohne den nimmermüden Einsatz engagierter Lügenpressevertreter hätte man aus den vor allem Dresdner Demonstranten niemals jenen Popanz konstruieren können (Schande, Nazis in Nadelstreifen, Ausländerfeinde), als der er fortan zur allgemeinen Eindreschbarkeit freigegeben ist, niemals hätte man das veritable Kunststück fertiggebracht, Gegendemonstranten auf die Beine zu bringen, von denen mindestens zwei Drittel dasselbe wollen wie zwei Drittel der Pegidisten, die aber wähnen, dem Bösen entgegenzutreten, weil sie am Ende noch eine beachtliche Nuance verhetzter sind als ihre vermeintlichen Antipoden auf der Gegenseite.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Michael Klonovskys Blog „Acta diurna“.


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