22. September 2014

Buchvorstellung in Berlin Deutschland im Stau

Bestseller von Günter Ederer und Gottfried Ilgmann

Der bekannte Fernsehjournalist und Buchautor Günter Ederer hat zusammen mit dem Ingenieur Gottfried Ilgmann ein Buch über ein Riesenproblem verfasst, dass schon so lange in diesem Land ungelöst ist, dass wohl jedermann es für gottgewollt oder naturgegeben ansieht, obwohl es Jahr für Jahr kräftig steigende Milliardenbeträge verschlingt und uns alle regelmäßig an den Rand des Wahnsinns, mindestens aber unserer Geduld bringt. Die Rede ist von unserer Verkehrsinfrastruktur, deren maroder Zustand allen, die sie benutzen, immer klarer wird,  aber von vielen Politikern seit Jahrzehnten als „die beste der Welt“ schöngeredet wird. Damit wird nun Schluss sein, denn das Buch von Ederer und Ilgmann räumt gnadenlos, weil faktenreich, mit diesem Schönsprech auf.

In Berlin hatten die beiden Autoren nun Gelegenheit, ihr Buch vorzustellen. Der Herausgeber der „FAZ“, Holger Stelzner, ließ es sich nicht nehmen, die Einführung in die vom Buch beschriebene Problematik zu geben, der ZDF-Fernsehjournalist Wolfgang Herles führte souverän die Diskussion. Die Autoren standen Rede und Antwort.

Wie in einer selbst erfüllenden Prophezeiung kam fast ein Drittel der circa 60 geladenen Gäste zu spät, egal ob sie aufs Podium sollten oder im Publikum Platz nahmen. Die Begründung dafür war immer dieselbe: Stau! Egal ob sie mit der Bahn, dem Auto oder dem Flieger anreisten, sie kamen zu spät.

Unter den Gästen befanden sich profunde Experten insbesondere aus der Politik, wie der ehemalige Verkehrsminister Günter Krause oder der ehemalige Wirtschaftsminister Rainer Brüderle, aber auch der ehemalige Bahnchef Heinz Dürr. Sie alle mussten sich gewaltige Versäumnisse anhören, teilten aber ihrerseits in der anschließenden  Diskussion sachverständig und kompetent auch aus. In der Regel wurde der Schwarze Peter weitergereicht. Plausibel argumentiert, aber in der Sache unbefriedigend.

Denn die Autoren hatten es sich und den Lesern nicht leicht gemacht. Eine so große Faktenfülle muss erst mal erarbeitet und dann verdaulich aufbereitet werden. So hat es das Buch auf stolze, aber gut lesbare 360 Seiten gebracht. Bis zum Rand voll mit Fakten, Zahlen, Geschichten und Anekdoten. Insgesamt jedoch eine Historie des Scheiterns. Zuvörderst der Politik, aber auch der vielen Verwaltungen und noch mehr der abgeschotteten Interessengruppen, die es sich in diesem milliardenschweren Interessensumpf behaglich bequem gemacht haben. So durfte der Bauingenieur Manfred Adam sein ganzes Berufsleben lang nur an der Autobahn A 44 planen. Und die ist immer noch nicht fertig. Die Statistik zeigt, dass das typisch ist, gehören doch zu einem Kilometer Autobahn rund 17 Jahre Planfeststellungsverfahren und 194.000 Besprechungsstunden der Verwaltung, er kostet damit – ohne dass ein Spatenstich getan wurde – bereits zehn Millionen Euro.

Oder wussten Sie zum Beispiel, liebe Leser, dass jeder Handwerksbetrieb im Jahr durch Stau bedingte Kosten in Höhe von rund 78.000 Euro zu tragen hat? Jeder Handelsbetrieb um 60.000 Euro, jeder Industriebetrieb um 160.000 Euro? Vermeidbare Kosten, die wir alle tragen, denn sie werden auf den Preis umgelegt. Die Zahlen wurden von der Monopolregion Nürnberg erhoben, können aber durchaus als typisch für  ganz Deutschland angesehen werden.

Sicher wussten Sie, dass Hitler die Autobahn erfunden und gebaut hat. Doch das ist falsch. Im Gegenteil, die Nazis brachten 1930, in Zusammenarbeit mit den Kommunisten, einen Gesetzentwurf ein, der genau das – zum Schutze der Bahn – verbieten sollte. Auch mit diesem Mythos räumen die  Autoren auf, indem sie nachweisen, dass die Italiener 1924 die erste Autobahn planten und bauten und zwar – der Deutsche hört‘s nicht so gern – mit privatem Geld, das durch eine Maut wieder eingespielt wurde. Überhaupt räumen die Autoren auch mit dem Märchen auf, dass unsere Autobahnen und Straßen, weil hierzulande mautfrei, kostenlos seien. Allein die Mineralölsteuer zusammen mit den anderen verkehrsbedingt erhobenen Abgaben spült circa 60 Milliarden Euro jährlich in das Staatssäckel, von denen aber nur 5,1 Milliarden Euro für Erhaltung und Neubau ausgegeben werden. Zum Vergleich: Das kleine Dänemark hat dafür in seinem Verkehrsplan rund 4,5 Milliarden Euro jährlich vorgesehen. Das Ergebnis dieser – mit der Daseinsfürsorge, die vom Staat zu leisten sei, begründeten – rigorosen Zweckentfremdungs- weil Umverteilungspolitik sehen wir nicht nur am täglichen Stau, sondern  auch an maroden Brücken, Straßen, Schienen und Bahnhöfen. Vom Elend des Berliner Flughafens noch gar nicht geredet.

Eines wurde in der Diskussion aber auch klar. Nicht nur die Politik hat daran schuld, dass die Misere so groß ist, wie sie bereits ist, denn, wie Ex-Verkehrsminister Krause allen klarmachte, versuchen Sie mal – egal in welchem Parlament, ob im Land oder im Bund – für eine vernünftige Verkehrspolitik Mehrheiten zu organisieren. Sie werden an den Interessen derer, die sich an diesem Riesentopf gern und lange schon bedienen, scheitern. Immer wieder! Leider. Vielleicht hilft das Buch mit seiner schonungslosen Aufdeckung der Missstände, etwas daran zu ändern. Daher unbedingt kaufen und lesen.

Link:

Günter Ederer und Gottfried Ilgmann, „Deutschland im Stau“ (amazon.de)


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