29. August 2014

In Kiew und um Kiew und um Kiew herum Gold, Falschgeld und Kriegsgottspieler

Das Maß ist nicht nur randvoll, es ist längst übergelaufen

Ach du mein Schreck! Russland kauft Gold! In rauhen Mengen! „Experten vermuten einen geheimen Plan“, orakelte ein Verschwörungstheoretiker aus den Reihen der Lachend-in-die-auf-Hochtouren-laufende-Propagandakreissäge-Springer. Ob es sich um dieselben Experten von unserer kleinen Falschgeldfarm handelt, die sich nach jeder Konfrontation mit Meldungen aus der ökonomischen Erwachsenenwelt in die Fed-Ecke stellen, allerdings nicht etwa zum Schämen, sondern um weiteren Stimulus-Stuss und Blasenkonjunktur-Kokolores zum Schlechteren zu geben? Höchstwahrscheinlich. Und wie der Ochs vorm Fiatberg blinzeln sie nun abermals verwirrt in Aktuelle Kameras und können oder wollen nicht begreifen, warum überhaupt irgendjemand auf die Idee kommen könnte, echte Werte anzuschaffen. Haben ungedeckt-unbeleckte Finanzphilister doch immer wieder bekräftigt: Konfetti is‘ sischa! Das Russland in den letzten Jahren zunehmend Gold hortet, ist allerdings schon lange kein Geheimnis mehr, daher kann auch von einem „geheimen Plan“ eigentlich nicht die Rede sein. Auch China soll sich das sonnig glänzende Edelmetall tonnenweise zugelegt haben. Aber warum denn? Gibt es dafür nachvollziehbare Gründe? Sollte es doch ein heimtückisches Komplott der bestwährungsskeptischen Wirklichkeit gegen die Insassen der globalen Gummizelle für manisch-obsessive Druckmaschinisten geben und falls ja, welches?

Um das evaluieren zu können, muss man nur ein wenig Mut aufbringen, die bereits viele Kilometer tiefen Spurrillen des konventionellen fiatökonomischen und systemvertrottelten Alsbishergedacht-Denkens zu verlassen und sich einmal in die von angsteinflößend kruden Geistesbelebungsimpulsen durchwaberten Gefilde scheinwertskeptischer Gesundgeldpopulisten wagen,  dann könnte es unter Umständen klingeln. Also, wie könnte der Plan lauten? Möglicherweise, eine Weltleitwährung loszuwerden, deren federführende Machteliten die Scheinchen mit dem allsehenden Auge über ihrer Ponzipyramide – Big Monetary Brother is watching you! – immer wieder gerne dazu missbraucht haben:

- andere Länder durch rücksichtslose Eingriffe in deren Finanzmärkte zwecks Erzeugung gigantischer Blasen, die bald darauf angestochen und zum Kollaps gebracht werden, zur Akzeptanz ihrer, sagen wir mal, „geschäftlichen Konditionen“ zu zwingen, diesen also daraufhin selbstverständlich aus keinem  anderen Grund als christlichem Turbo-Altruismus gnädigerweise großzügige „Hilfskredite“ zu gewähren (vulgo zur Aufnahme neuer Schulden in Schuldgeldwährung zu bewegen), aber nur, wenn sie bestimmte Objekte der Begierde, beispielsweise natürliche Ressourcen oder Vorstandsposten in den größten Banken und Konzernen des jeweiligen Landes, zu, ja also, Vorzugspreisen rausrücken, ihnen ansonsten bei allzu selbstdenkerischer Abtrünnigkeit von diesem liebenswürdig mafiosen System zum Beispiel durch Streuen terroristischer Viren humanitäre Hustenanfälle zu bescheren, durch Sponsoring garantiert total unabhängiger Nichtregierungsorganisationen Ventriloquisten-Puppen ans Lenkrad zu putschen oder, sollte all das noch immer kein dollardemokratisches Umdenken bewirkt haben, mit Hilfe ihres Angriffsbündnisses die Flausen rauszubomben;

- fröhlich an Zinssätzen herumzumanipulieren, um sich auf unlautere Weise Vorteile zu verschaffen und die globale Dominanz der Monopoly-Spielgeldwährung so lange wie möglich zu gewährleisten (siehe auch „Wie man einen Leprapatienten heidiklumisiert“);

  - munter an Rohstoffmärkten zu drehen, bevorzugt an denen für obsolete Edelmetalle, pah, welcher Idiot kauft denn bitte Gold, wir haben Ihnen doch schon hundertmal gesagt: Konfetti is' sischa!;

  - seit Bestehen ihres „Geldsystems auf wissenschaftlicher Basis“ mehr als 90 Prozent des Währungswertes zu vertüddeln und seit einigen Jahren durch quantitative Lockerung sämtlicher Regeln wirtschaftlicher Vernunft dem Planeten das größte geldholographische Hühnerauge der Geschichte anzuhexen.

Also nochmal: Warum sollte denn irgendein Land dieser Welt irgendetwas gegen den Dollar als Leitwährung haben? Sich gar davon lösen wollen? Oder gar geheime Goldpläne schmieden? Untersucht das FBI derzeit deshalb mögliche russische Angriffe auf maximalstabile Wall-Street-Banken, statt sich erstmal um die Riesenschweinereien in den eigenen Reihen zu kümmern und den Giftschlangen und Dieben aus der korporatistischen Kloake endlich den Marsch zu blasen?

Der bekannte Investor Marc Faber äußerte sich dazu vor kurzem ganz dezidiert. In einem Interview mit dem Online-Magazin The Daily Bell antwortete er auf die Frage, was er denn von der Occupy-Wall-Street-Bewegung halte: „Im Grunde denke ich nicht, dass diese Leute die Wall Street besetzen sollten. Sie sollten losziehen und die Federal Reserve in Washington niederbrennen und die ultra-laxen Fed-Direktoren aufhängen, die sich für noch mehr Geldschöpfung aussprechen. Das sollten sie mal machen.“

Da man über solche Themen aber nur schwer sprechen kann – zumindest auf unserer kleinen Fiatfarm und in den auf ihr sprießenden volksversaudummungsmedialen Kifferblättchen –, ohne sich dafür sogleich anhören zu müssen, man ginge nachts wohl nur mit Aluhut schlafen, müssen die Hirnweichschlagzeilen eben anders lauten. Zum Beispiel so:

„Russische Truppen stehen schon tief in der Ostukraine. Sie zeigen, dass der Kremlchef den Westen immer wieder belogen hat. Nun wird es Zeit für eine starke Antwort. Die kann nur die NATO geben.“ Solche und ähnlich geisteskranke Tiraden aus der alleruntersten Schublade der Demagogie und menschenverachtenden Kriegshetzerei müssen die Bürger dieses Landes tagtäglich über sich ergehen lassen, weil erwachsene Menschen in diversen Redaktionsbüros nicht in der Lage sind oder sein wollen – sei‘s aus weltbildlicher Verblendung, bündnispolitischer Borniertheit, transatlantisch-institutioneller Vernetzheit oder in manchen Fällen zweifellos auch aus Angst vor beruflichen Konsequenzen bei Abweichung von der vorgegebenen Propagandalinie –, die Leserschaft endlich mal etwas ausgewogener und fairer über die finanzsystemische beziehungsweise wirtschaftliche und mit ihr eng zusammenhängende geopolitische und -strategische Situation in der Ukraine aufzuklären. Und nicht nur dort.

Es geht selbstverständlich völlig in Ordnung, über das Vorgehen Moskaus in der Ostukraine kritisch zu berichten. Es ist selbstverständlich völlig okay, dem russischen Machthaber gegenüber skeptisch zu sein; niemand hat etwas dagegen, die Einmischung des Kreml beim Namen zu nennen. Es ist aber absolut nicht in Ordnung, die westlichen Schmutzfinger, die im Rücken des Handpuppenregimes in Kiew stecken, unter Missachtung aller journalistischen Regeln ständig zu leugnen; es ist absolut nicht okay, auf nur noch unerträglich heuchlerische Weise dem Kreml pausenlos bösartige Täuschungs- und blutrünstige Eroberungsabsichten zu unterstellen, während man mehr als ein Jahrzehnt brutalster militärischer Überfälle und Angriffskriege mit mehr als zwei Millionen Toten, hegemonialer Drohgebärden und hochfinanzieller Erpressungs- und Raubmethodik vollständig unter den Redaktionstisch fallen lässt, eine unzivilisierte Praxis, die zur Entstehung der derzeitigen konfrontativen Spannungen zwischen „Ost und West“ maßgeblich mit beitrug; es geht überhaupt nicht klar, ständig nur über vom Kreml finanzierte und bewaffnete „pro-russische Separatisten“ zu sprechen, während auch von westlichen Geldern und Waffen gepäppelte, barbarische Halsabschneider auf unschuldige Menschen losgelassen werden, um andere Länder zu destabilisieren und mit weiteren verlogenen „humanitären Eingriffen“ in noch mehr Chaos und Elend zu stürzen. Es ist nicht in Ordnung, wenn die im Volk selbstverständlich äußerst beliebte Bundeskanzlerin mit angeblichen Zustimmungswerten wie einst Honecker 500 Millionen „Hilfsgelder“ für das Putschregime in Kiew ankündigt, während der dort residierende, niedliche Zivilistenmörder aus Schokolade, Petro Politpornoschenko, gleichzeitig (!) verlautbart, zwei Milliarden in die Aufrüstung der ukrainischen Armee stecken zu wollen. Nicht zu fassen, für wie bekloppt man die Leute offensichtlich hält. Das Maß ist nicht nur randvoll, es ist längst übergelaufen.

Und es ist auch nicht in Ordnung, einer zu leider nicht geringen Teilen nichtsahnenden Leserschaft mit Hilfe von Experten für wirtschaftliche Unbelecktheit und realpolitische Vollidiotie einreden zu wollen, wer in Gold investiere, könne eigentlich nur finstere Intrigen und Geheimpläne gegen absolut sischaräs Konfetti schmieden. Oder wie Dirk Müller unlängst über solche Schmierfinken so schön sagte: „Keine drei Haare am Sack, aber im Puff drängeln wollen.“


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