19. August 2014

Tipps für Berufseinsteiger Wie Sie mit Prognosen gutes Geld verdienen können

... indem Sie einfach das zusammentragen, was im Mittelrinnsal verschwiegen wird

Leiden Sie manchmal unter dem „Kassandra-Syndrom“? Erleben auch Sie in letzter Zeit immer öfter diese Tage, an denen Sie es hassen, richtig gelegen zu haben und von der Geschichte bestätigt zu werden? Kennen Sie dieses bisweilen sehr unangenehme Gefühl, aufgrund von Informationen, die zu einem bestimmten Zeitpunkt vorliegen, eine Abschätzung zukünftiger politischer Entwicklungen vorzunehmen, um nur wenige Tage oder Wochen später von der historischen Wirklichkeit  dafür auch schon auf tragikomische Weise auf die Schulter geklopft zu bekommen, obwohl sie eigentlich das Gegenteil hofften? Empfinden auch Sie es als schmerzhaft fest zubeißende Ironie, wenn das Eintreffen der einen oder anderen Prognose in ihrer Umgebung nicht etwa zu heftigem Stirnrunzeln, vertieftem Nachdenken und gesteigerter Ursachenanalyse führt, sondern nur zu den üblichen und – um die Tragikomik noch zu steigern – nicht minder erwartbaren Abwehrreflexen sowie aus der Geschichte auf verhängnisvollste Art wohlbekannten Schuldprojektionen, die nicht das Geringste zur Klärung der Situation beitragen, sondern höchstens noch zu ihrer Eskalation? Sind Sie es auch leid, immer dasselbe dumpfe Lagerdenken um die Ohren gepfeffert zu bekommen statt redlicher Aufklärung und Information?

Dann dürften Sie sich in diesem Kommentar zum aktuellen Weltgeschehen sicher gut aufgehoben fühlen. Denn die zwischen manchen Vorhersagen und ihrer dicke Gänsehaut verursachenden, surrealen Bestätigung verstreichenden Zeiträume scheinen in letzter Zeit wirklich immer kürzer zu werden.

Beispiel Ukraine: Neben den geostrategischen und energiepolitischen Hintergründen (Erdgas), die bereits zuhauf diskutiert wurden, speist sich diese Auseinandersetzung, wie auch auf ef-online bereits dargelegt wurde, aus Motiven, die in der gegenwärtigen Situation im Finanzsystem und der wirtschaftlichen Entwicklung der EU zu suchen sind. In einem meiner letzten Artikel zum Thema prognostizierte ich, dass man sich diesen Konflikt wahrscheinlich „warmhalten“ wird – was angesichts der zahlreichen Toten, die er bereits verursachte, schon pervers genug ist –, bietet er doch machtelitärerseits höchst willkommene Gelegenheiten, von eigenen Fehlentwicklungen abzulenken, indem die Schuld einfach einem mittels massenmythomedialer Dauerpropaganda überlebensgroß aufgestellten und grell ausgeleuchteten Feindbild im Äußeren zugeschoben wird.

Et voilà, die „Welt“, 14. August 2014: „Russland vernichtet Wohlstand in Deutschland“. Einleitungstext zum Gähnen: „Die deutsche Wirtschaftsleistung ist geschrumpft. Die Konfrontation mit Russland belastet die Firmen besonders und wird in den nächsten Wochen und Monaten zu einem großen Problem.“ Dass sich die vom Kreml verhängten Sanktionen natürlich auch auf die deutsche Wirtschaft auswirken könnten – geschenkt. Das war von vornherein klar. Erstens sind sie aber nicht die Hauptursache, sondern eine lange Kette vor allem währungs-, finanz- und wirtschaftspolitischer Fehlentscheidungen im Euro-Raum, die über den Beginn des Konflikts in der Ukraine zeitlich sehr weit hinausreichen. Von den fatalen Langfristfolgen eines Fiat-Kreditbetrugs-Geldsystems, dessen Advokaten und Profiteure sich vor allem in Gestalt des weltweit berühmt-berüchtigten Bankhauses Goldman Sachs in der EU strategisch geschickt aufstellten – bis hinein in die höchsten Regierungsebenen einiger Euro-Länder – und der griechischen Regierung gewiss nicht aus reiner Nächstenliebe beim Fälschen der Bilanzen halfen, um das kriselnde Land in die Zone schmuggeln und sich an den daraus hervorgehenden „Turbulenzen“ dank verlogener, kruder „Moral Hazard“- beziehungsweise „Too big for jail“-Theorie auf Steuerzahlerkosten kräftig laben zu können, ganz zu schweigen. Die meisten Kommentatoren des Mittelrinnsals mit dem Blubb scheinen das ganz schnell „vergessen“ zu haben. Die gesamte Vorgeschichte wird – wie auch bei manch anderen aktuellen Konflikten – einfach komplett ausgeblendet. Zweitens: Niemand zwang die deutsche Bundesregierung dazu, auf Basis unbewiesener Behauptungen über höchst ominöse Flugzeugabstürze sowie in jüngster Zeit inflationär verwendeter „Zuschreibungen“ von Schuld überhastet Sanktionen zu verhängen. Die Verantwortung dafür liegt definitiv nicht allein beim russischen Machthaber. Und auch dazu sei angesichts der Vorwürfe gegenüber eigentümlich frei, zu den „Putin-Verstehern“ oder „-Flüsterern“ zu gehören, sogleich angemerkt: In einem Kommentar zum Ukraine-Konflikt schrieb ich erst vor wenigen Wochen, dass die Vorstellung, in Moskau lehne man sich entspannt zurück und beobachte das Geschehen nur aus der Entfernung, ziemlich naiv sei. Man solle getrost davon ausgehen, dass der Kreml in dieser Auseinandersetzung selbstverständlich auch seine Finger mit im Spiel habe. Von „Russenpropaganda“ kann also keine Rede sein, auch nicht von einseitigem „Anti-Amerikanismus“.

Das Problem liegt vielmehr in der deftig schlagseitigen Berichtbestattung des Mittelrinnsals, das die Alleinschuld im Osten sehen will. Ständig heißt es, es handele sich um einen Konflikt zwischen „Kiew und Russland“, wobei gerne verschwiegen wird, dass „Kiew“ hier als Chiffre verstanden werden muss für ein Stellvertreter-Regime Washingtons sowie der EU. Es scheint sich immer mehr zu offenbaren, dass diese „russophobe Hysterie“ eben keine ist, sondern eine wohlüberlegte Propaganda-Taktik mit dem Ziel, eventuell noch kommende wirtschaftliche Unpässlichkeiten dem neuen alten „Feind“  an der Ostfront 2.0 anlasten zu können. Weshalb hiermit die Prognose gestellt sei, dass es in naher Zukunft – je nachdem, wie schwer die ökonomischen Erschütterungen im Einzelnen noch ausfallen werden – auch genau in diesem Stil leider noch geraume Zeit weitergehen wird. Kurz: „Salami-Taktik“. Die Hoffnung, der ganze Irrsinn könne sich schon bald in reines Wohlgefallen auflösen, wird sich höchstwahrscheinlich nicht erfüllen. Indiz dafür: Schon tauchten Meldungen auf, weitere Sanktionen des Kreml, dieses Mal gegen westliche Autohersteller, könnten für weiteren volkswirtschaftlichen Schaden sorgen. Auch das aber lässt sich keinesfalls Moskau alleine aufladen, sondern hat sehr viel mehr mit den schon seit längerer Zeit bekannten, besorgniserregenden weltwirtschaftlichen Entwicklungsdaten im Allgemeinen zu tun. Es ist geradezu grotesk, Moskau als alleinigen Verursacher dieser Entwicklungen hinzustellen. Oder wie der jüngst verstorbene Peter Scholl-Latour so schön sagte: „Wir leben im Zeitalter der Massenverblödung.“

Auch der nun im Nahen Osten wieder aufflammende Terror ist eigentlich keine Überraschung, und auch hier gilt: Es war abzusehen. Es ging nie wirklich um „Demokratisierung“ oder „Befriedung“, sondern um das Heraufbeschwören eines Chaos, zu dessen vermeintlicher Bereinigung natürlich stets neue, sogenannte humanitäre Eingriffe und militärische Interventionen nötig sind. Die in der Region schon seit langer Zeit schwelenden Konflikte zwischen Sunniten und Schiiten beziehungsweise den Regierungen, die diese Glaubensrichtungen vertreten, dienen übrigens in vielen Fällen auch nur als Vorwand, um die dahinterstehenden, viel irdischeren Motive zu verdecken. So war beispielsweise  das saudische Königshaus nicht nur wegen religiöser Auseinandersetzungen an der Finanzierung der Mörderbanden des ISIS/IS beteiligt, sondern wegen viel handfesterer Gründe: Die sogenannte „Iran-Irak-Syrien“-Pipeline, die Gas aus einem der weltweit größten Vorkommen im iranisch-katarischen Pars-Gasfeld über den Irak und Syrien und über den wichtigen Mittelmeerhafen Ceylan in Richtung Europa transportieren sollte, ist der Monarchie in Riad ein Dorn im Auge. Und auch in diesem Fall sollte man sich hüten, nur die angloamerikanische Beteiligung an diesem geo- und energiepolitischen Hauen und Stechen, dem Kampf um natürliche Ressourcen und Einflusssphären, ins Visier zu nehmen – könnte dieses große Pipeline-Projekt doch auch die europäische Abhängigkeit von russischem Gas mindern, weshalb sich niemand wundern sollte, falls sich in naher Zukunft herausstellt, dass auch Moskau dabei mitmischt. Ähnliches gilt für das Vordringen Chinas auf dem afrikanischen Kontinent, das sich ebenfalls um einige der größten Rohstoffvorkommen der Welt rund um den „Großen Afrikanischen Grabenbruch“ beziehungsweise die entsprechenden Länder in seinem Umfeld dreht und den angloamerikanischen Machteliten wiederum unruhige Nächte bereitet.

Zu diesen aktuellen Entwicklungen sehr passend erschien auch gleich ein – und das ist noch milde formuliert – „einseitiger“, um nicht zu sagen bündnispolitisch stockblinder Artikel in der „Welt“, dessen Autoren, „Welt“-Herausgeber Stefan Aust und Claus Christian Malzahn, der Leserschaft so dreist die Hucke krummlügen, dass ganze Eichenwälder sich spontan entwurzeln: „Die neue Weltordnung der Krisenherde“. Essenz des Artikels: Washington geil, Restwelt doof. Oder auch: Putin böse, Westen gut. Ich Sandmännchen, du Schlafschaf.

Große Überraschung: Natürlich werden in diesem kleinen Propaganda-Bauernstück mit keinem Wort die finanziellen und waffenlogistischen Hintergründe der Schlächter von IS auch durch gewisse unleugbar Gute erwähnt, ebenso wenig die Einflussnahmen Washingtons und Brüssels auf das gerade vor dem Hintergrund recht deprimierender europäischer Erfahrungen mit zwei Weltkriegen schlicht skandalöse und menschenverachtende Treiben in der Ukraine. Das wäre schließlich verschwörungstheoretischer „Anti-Amerikanismus“. Oder „Europa-Hass“. Nicht weniger überraschend, dass man kein Sterbenswort darüber verliert, dass vieler dieser Krisen von eben jenen Machteliten der „Neuen Weltordnung inszenierter oder tatkräftig unterstützter Dauerkonflikte zur Zermürbung und Unterwerfung künftiger Weltregierungsuntertanen“ losgetreten werden, deren Existenz zu leugnen oder bestenfalls in Russland anzusiedeln heuer zu den ehrenwertesten Aufgaben des Mittelrinnsals mit dem Blubb gehört.

Meine persönlichen Favoriten, quasi die „Top-Hits“ aus betreffendem Schmiertikel: „Die Haltung der Obama-Administration, sich aus den Konfliktfeldern zurückzuziehen, hat nach Ischingers (Lobbyist Washingtons, der Autor) Überzeugung dazu geführt, dass andere Staaten und Gruppen nun ausloten, ‚welchen room for manoeuvre sie haben‘. Der Rückzug der U.S. Army von den Konfliktherden der Welt und die ‚reduzierte Bereitschaft der Amerikaner, militärisch zu intervenieren, verschärft diese Probleme‘, analysiert Ischinger kühl.“ Ja, offiziell sind sie aus manchen Kriegsgebieten abgezogen – inoffiziell aber wird fleißig weiter gezündelt, also auf verdeckten Wegen –, so zum Beispiel mittels der Bewaffnung von Al-Qaida-Kämpfern (!) in Libyen zum Sturz Gaddafis (hieb- und stichfest erwiesen), also einer Terrortruppe, die doch angeblich für eines der größten Verbrechen der Menschheitsgeschichte (11. September) verantwortlich sein soll. Könnten Sie sich vorstellen, jemandem eine Waffe in die Hand zu drücken, der nur wenige Jahre zuvor einige ihrer Familienangehörigen umbrachte? Ich auch nicht. Es handelt sich um dieselbe al-Qaida, die übrigens trotz ihrer Antipathie gegen „den Westen“ und ihrer blutrünstigen Aktivitäten auch in Syrien ein „willkommener Einfluss“ (CFR) war. Und aus der später ISIS/IS hervorging. Dazu kursierte vor kurzem ein Foto im Internet, das zu einiger Berühmtheit gelangen sollte. Es zeigte ausgerechnet einen der obersten Kriegshetzer Washingtons, Senator John McCain – dem zu Konflikten egal welcher Art immer nur eine Lösung einfällt: Draufhauen! –, zusammen mit den munteren Kopfabschneidern, Vergewaltigern und Brandschatzern von IS. Und wer stand auf diesem Bild direkt hinter McCain, gut erkennbar? Ein gewisser Abu Bakr al-Baghdadi, der heute als einer der Anführer des „Islamic State“ gilt. Oh wei. Wie erklärt man das den Lesern bloß? Ganz einfach: gar nicht.

Der zweite Chartbreaker ist mir allerdings noch lieber: „In den sozialen Netzen ist die Temperatur allerdings selten lau oder kühl. ‚Eine öffentliche Stimmung kann heute allein durch Kommunikation im Netz sehr schnell kippen. Wir haben das am Beispiel der Ukraine gesehen‘, warnt Tempel. Tatsächlich äußerten die Deutschen zunächst viel Verständnis für Putin, der seine Armee (sic!) auf die Krim geschickt hatte.“ Und jetzt rockt die Hütte, jetzt zerbeißen sie‘s: „Als dann prorussische Separatisten ein Verkehrsflugzeug abschossen und das mit Leichen übersäte Trümmerfeld von Rebellen gefleddert wurde, verkehrte sich die Stimmung ins Gegenteil.“ Als hätte es sämtliche anderslautenden Informationen zum Absturz der Maschine nie gegeben. Als bestünden nicht die geringsten Zweifel an der offiziellen und bereits einen Tag nach der Tragödie von einschlägigen Blättern eiligst verbreiteten offiziellen Darstellung der „russischen Schuld“. Sie werden einfach verschwiegen und ausgemachte Tatsachen behauptet, wo noch großer Aufklärungsbedarf besteht.

Seien Sie, liebe Leser, also schlau und eröffnen Sie möglichst bald irgendwo in der Innenstadt, wo kein Mangel potentieller Kunden besteht, ein Büro für Hellseherei. Glauben Sie mir: Auch in Ihnen steckt ein Wahrsager. Sie müssen nur alle Informationen, die im Mittelrinnsal mit pathologischer Sturheit totgeschwiegen werden, zusammentragen und daraus ihre Schlüsse ziehen. Der Markt wird für den Rest sorgen: Die treffsichersten Prognosen werden mit großer Kundschaft und satten Einnahmen belohnt. Und glauben Sie mir: Es wird auch in Zukunft an Konflikten, Krisen und Kriegen leider nicht mangeln.


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