18. August 2014

Dokumentation Was heißt „unsere Kinder“?

Offener Brief an einen SPD-Landesvorsitzenden

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Sehr geehrter Herr Dulig,

Sie machen mir Angst. Allerorten stellen Sie mir als entschlossen dreinblickender Wahlkämpfer derzeit plakativ die Frage, wie viel uns unsere Kinder wert seien.

Ich kann das nicht lesen, ohne panisch zu werden, ich fürchte nämlich, auch mein Kleiner könnte inbegriffen sein, wenn Sie von „unseren Kindern“ sprechen – ein grauenhafter Gedanke; zumal dieser possessivpronominale Einbruch ins Kinderzimmer im Zusammenhang eines Wahlprogramms als Versuch verstanden werden muss, nun endlich gesetzeskräftig festzustellen, dass Elternhäuser zur Kindertagesstätte untauglich seien, Kindern also nur noch als Nachtasyl und – mit Abstrichen versteht sich – als Ferienaufenthalt zugemutet werden dürften. 

Weil es zu den Geburtsfehlern der Sozialdemokratie gehört, bei der Unterscheidung von Mein und Dein etwas  zu schielen (was zuweilen und immer wieder zu Schwindel führt, der die  „Fähigkeit“ halluziniert, einen Plural des Wortes „Gerechtigkeit“ zu formulieren, der dann von „sozialer Gerechtigkeit“ zu schwärmen erlaubt), muss man hellhörig werden, wenn ein Sozialdemokrat ein besitzanzeigendes Fürwort im Munde führt.

Also drum, was heißt „unsere Kinder“?  Da Sie und die Ihren das Menschengeschlecht für das Gemächte einer sozialen Konstruktion, also eine irrsinnige Kopfgeburt, halten, werde ich mit der natürlichen Antwort auf diese Frage nicht mehr rechnen dürfen; genau darum stelle ich sie auch so verzagt und ängstlich. 

Während Sie nun nach einer passenden Antwort suchen, will ich Ihnen sagen, was mir mein kleiner Sohnemann wert ist. Also, der ist – zumindest in meinen Augen – gar nichts wert. Er ist völlig wertlos, ich freue mich ganz einfach seines Daseins.

Lieber Herr Dulig, Kinder, die etwas wert sind, wären verwertbar, als Stimmvieh etwa, welches sich für das Versprechen, auf Kosten anderer leben zu können, in die Krippe stecken und ausnehmen lässt. Wer vom Wert der Kinder spricht, beäugt sie mit der Absicht des Gebrauchs, im Blick auf den Menschen aber ist Gebrauch allemal und unvermeidlich Missbrauch.

Dass mein Sohn wie jedes Kind in Ihren Augen sehr wohl wertvoll ist, versteht sich indes. Wer gewerbsmäßig Politik treibt, verhält sich zu seiner Kundschaft wie die Anbieter gewerbsmäßiger Unzucht auch: berechnend und selbstverständlich völlig lieblos!

Sie wissen, ich kann meinem Kind keine Jacke kaufen, ohne 19 Prozent in die Staatskasse zu zahlen; ich darf meinem Sohn kein Geburtstagsgeschenk machen, ohne auch den Staat zu bedenken, ich kann meinem Sohn kein Stück Brot auf den Tisch legen, wenn ich nicht auch diesem – wie Nietzsche sagt –  kältesten aller Ungeheuer etwas in seinen Rachen stopfe.

Was, meinen Sie, wie hoch müsste der Mindestlohn sein, wenn der Staat seine Pfoten aus den Taschen der Geringverdiener ließe und sie nicht mit all diesen Mitessern überzöge, die von ihren Ernährern auch noch verlangen, die staatliche Bevormundung als Rechtfertigung der Steuerpflicht gutzuheißen?

Herr Dulig, schon weil ich die Verantwortung für das Wohl meines Sohnes niemals an den Staat abzugeben bereit wäre, wähle ich weder SPD noch CDU (eine SPD, die vorgibt, keine zu sein) noch irgendeine andere Partei, die androht, sich um mein Kind zu kümmern.

Ästhetische und – zugegeben – sentimentale Gründe vermöchten es vielleicht, mich zur Wahl einer Partei zu verlocken, die unwiderruflich verspräche, in vier Jahren die Staatskanzlei besenrein zur weiteren Verfügung an die Wettiner zu übergeben.  Im Ernst, deren Regiment wäre präsentabler, preiswerter und kulturell fruchtbarer als die nicht unzutreffend „Demokratie“ genannte Ausdehnung des Bereichs der Res publica in die Privatsphäre derer, die vom Staate weder rundfünklich informiert, politisch willensgebildet, gesundheitlich aufgeklärt, verbrauchergeschützt, gleichgestellt, eingegliedert, noch gefördert oder bezuschusst werden wollen.

Nichts ist abscheulicher als die Vorstellung, meine Souveränität als Bürger und Vater an die Mehrheit der Stimmberechtigten zu verlieren. Der Genosse Steinbrück hat aber ganz genau das zum Programm Ihrer Partei gemacht: DAS WIR ENTSCHEIDET! Ein Alptraum, dass der Genosse Steinbrück offenbar keine Veranlassung sieht, dem Grenzen zu setzen,  worüber das WIR, dieses furchtbare Über-Ich, diese seelenlose Unperson, entscheiden kann und soll.

Guter Mann, ich habe Ihrem Kanzlerkandidaten meine Stimme nicht vorenthalten, weil ich Zweifel an seinem Vorsatz gehabt hätte, seine Wahlversprechen zu halten, sondern weil ich ihm auf‘s Wort glaubte, dass er tun würde, was er androht.

Das WIR, das ist, anders als das Geschlecht eines Menschen, tatsächlich eine soziale Konstruktion, eine kreuzgefährliche übrigens – die Nationalsozialisten haben den Anspruch des  WIR als Enteignungsvorbehalt auf die Münzen meiner Großeltern geprägt: „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“, stand da zu lesen.

Herr Dulig, ich habe keinen Zweifel an der Bereitschaft einer demokratischen Mehrheit, dieser Maxime gegenüber dem letzten wirklich Werktätigen stimmgewaltig Geltung zu verschaffen, ist das nicht traurig?

Nun also heraus damit, wer sind Ihrer Meinung nach „unsere Kinder“? Sie kommen mir mit dieser unklaren Rede bedenklich nahe. Sie stehen auf der Schwelle zum Kinderzimmer, und sollten nicht versuchen, auch nur einen Schritt weiter zu gehen.

Aus meinem Jungen soll ein ganzer Kerl werden, ein unabgenderliches Mannsbild, mit dem Bewusstsein, dass seine Freiheit nie aus einer Staatsverfassung resultiert, dass vielmehr die Behauptung,  seine Freiheit würde vom Grundgesetz gewährt, nichts anderes ist als ein erster, grundlegender Akt der Exekution eines jederzeit von der Staatsgewalt zu gewärtigenden Freiheitsentzuges. Mein Sohn soll wissen, dass „Freiheit“ nur ein Synonym für das durch und durch bürgerliche Bewusstsein ist, verantwortlich nur auf eigene Kosten und eigenes Risiko leben zu können. Mein Sohn soll wissen, dass der Staat zwar beliebig viel Papier zu Geld erklären, aber keine Werte schaffen kann. Mein Sohn soll wissen, dass der Staat nur auf Kosten der wahrhaftig Werktätigen bestellen und bezahlen kann. Seine Manneswürde soll sich vor dem unsittlichen Angebot des Staates sträuben, auf Kosten Dritter, ganz oder teilweise von der öffentlichen Hand im Munde leben zu können. Mein Sohn soll wissen, was die Väter des Grundgesetzes bewog, statt nur von einer „demokratischen“, von einer „freiheitlich-demokratischen“ Grundordnung zu sprechen: Die Zusammenrottung einer Mehrheit zur Ausplünderung der Minderheit oder der nächsten Generationen – heute wahlweise „Umfairteilung“ oder „soziale Gerechtigkeit“ genannt – kann demokratisch sein; Freiheit und Demokratie sind durchaus nicht gleichbedeutend, und man kann, darf, ja muss skeptisch sein, wenn einem ein vorbehaltloses Bekenntnis zur Demokratie abverlangt wird. Mein Sohn soll sich in guter Gesellschaft wissen, wo Menschen sich auf Grundlage wohlgesetzten Rechts in Freiheit gut und verlässlich vertragen; er soll Selbständigkeit gepaart mit Barmherzigkeit und Rücksichtnahme als höchste Stufe seiner Gesellschaftsfähigkeit anstreben. Er soll wissen, dass die Kreditwürdigkeit eines Staates nicht in erster Linie von der Leistungskraft seiner Bürger, sondern vielmehr von dem Glauben an die Fähigkeit der Staatsgewalt abhängt, die Bürger zu enteignen, und er soll ferner verstehen, dass die Einrichtung von Zentralbanken, einhergehend mit dem Zwang, den Lohn seiner Arbeit im Tausch gegen bloßen GeldSchein dem Staat auszuliefern, genau diese Fähigkeit garantiert. Er soll wissen, dass es wider alle Vernunft ist, den Preis seiner Arbeitsleistung gesetzlich zu bestimmen und von dem Preis zu entkoppeln, den das Produkt seiner Arbeit auf dem Markt erzielt.

Er soll überdies... ach Gott, Herr Dulig, das alles werden die Erzieher und Lehrer, die Sie sich wünschen, meinem Sohn sicherlich nicht zu lernen helfen.

Herr Dulig, was soll man von Leuten halten, die meinen, Bildung beginne in der Kita – Ihre Genossin Kraft hat das von sich gegeben? Was heißt da „Bildung“? Wie weit es unsere Lehrer damit gebracht haben, sieht man an der Ministerpräsidentin von Rheinland-Pfalz und ihrer Schwäche bei der Rechtschreibung ihrer Muttersprache.  Freilich zeigt deren Exempel, dass gewerbsmäßige Politiker, was Bildung anbelangt, Ansprüche zu haben scheinen, denen zu genügen in der Tat in einer Kita Grund gelegt werden kann. Mehr zu verlangen werden die auf die Bereitschaft zur Stimmabgabe angewiesenen Angestellten des Politikbetriebes sich wohlweislich hüten. Die seit spätestens 1968 als fortwährende Bildungsreform im Menschenversuch praktizierte Abrissunternehmung liefert besagtem Politikbetrieb ja das passende Menschenmaterial; um den Preis freilich, dass unsere Volkswirtschaft mit einem Mangel an ausbildungsfähigen Schulabgängern zu Rande kommen muss. Lässt Sie das nicht daran zweifeln, ob es gut ist, die Erziehungskompetenz der Eltern auf den Staat zu verlagern? Und genau das wollen Sie doch, oder verlangt Ihr Parteichef Gabriel nicht, die  Hausaufgaben abzuschaffen, weil nur so unterbunden werden könne, dass Akademiker ihren Bildungsvorsprung bei der Förderung ihrer Kinder sozial ungerecht zur Geltung bringen? (Übrigens: Dem könnte auch mit der Einführung einer Erbschaftssteuer auf Intelligenz abgeholfen werden.)

Dass Sie sich um unsere Kinder kümmern wollen, mag sich gefallen lassen, wer will. Ich will Ihnen und Ihren Wählern  dabei auch keineswegs in die Quere kommen, solange Sie das Recht der Eltern achten, ihren Kindern Zugang zu einer Kultur zu eröffnen, auf deren Höhe sie freilich der Verdacht anwandeln mag, auch die Demokratie könne tatsächlich und in des Wortes schlechtestem Sinne zu einem Gemeinwesen verkommen.

Mit freundlichem Gruß

Dietel


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