18. Juli 2014

Fußball-WM Deutschland, mach dich locker!

Die Argentinier stören sich nicht am Gaucho-Tanz

Die deutsche Nationalmannschaft hat in den letzten Wochen nahezu alles richtig gemacht. Sie glänzte in sportlicher Hinsicht – der Lohn: die Weltmeisterschaft. Dabei spielte sie nicht nur gut, sondern auch fair. Ein seine unterlegenen Gegner tröstender Bastian Schweinsteiger wurde zum Sinnbild des Fair Play. Und auch außerhalb der Stadien verhielt sich das DFB-Team professionell: Nach dem fulminanten 7:1 gegen Brasilien bedankten sich Neuer & Co. in deutscher und portugiesischer Sprache bei den Gastgebern für ihre Gastfreundschaft, besuchten zudem örtliche Schulen und hielten Kontakt zu den ansässigen Indianerstämmen. Das brachte dem DFB-Team im In- und Ausland große Sympathien.

Eigentlich ein Grund zur Freude, wären da nicht die notorischen Nörgler, die alle zwei Jahre zur Fußballwelt- oder Europameisterschaft hervorkriechen: Fußballallergiker, häufig mit zwei linken Beinen zur Welt gekommen und deshalb mit einem natürlichen Groll gegen alles, was mit Ball und Leder zu tun hat; und Antideutsche mit linkem Hirn, bei denen sich im Laufe einer WM Minderwertigkeitskomplexe und Wut ansammeln, da sich keine Sau für deren Geschwafel, das sie selbst für hyperintellektuell erachten, interessiert.

Wie die Geier sehnten sich beide – Fußballallergiker und Antideutsche – ein schnelles Ausscheiden des DFB-Teams herbei, damit die WM-Euphorie, von der sie ausgeschlossen waren, endlich ihr Ende nimmt. Nun ja: dumm gelaufen! Das DFB-Team legte sportlich und menschlich einen tadellosen Auftritt hin.

Und dann das: Auf der Siegesfeier mit 500.000 Fans am Brandenburger Tor geben die neuen Weltmeister Weidenfeller, Mustafi, Schürrle, Klose, Götze und Kroos den „Gaucho-Tanz“ zum Besten: Die unterlegenen Argentinier veralbern sie mit buckligem Gang und Gesang – „Die Gauchos, die gehen so“ –, um daraufhin dann aufrecht zu gehen und „Die Deutschen, die gehen so“ zu singen. Fußball-Folklore halt, die man witzig finden kann, oder auch nicht. In jedem Fall sollte man da drüber stehen.

Den Fußballallergikern und Antideutschen ist das freilich egal. Sie wittern ihre große Chance, um die WM-Euphorie zu kippen. Der „Gaucho-Tanz“ sei eine „kriegergleiche Überhöhung des eigenen Selbst“, so die „taz“. Spiegel Online ist über die „Verhöhnung“ empört und selbst die „FAZ“ schließt sich dieser Kritik an. Die BestmenschInnen bezeichnen den „Gaucho-Tanz“ sogar als rassistisch.

Dies zeigt nur, wie weltfremd die meinungsbildenden Medien in diesem Land sind. Niemand, der jemals einen Fußballplatz betreten hat, wird sich über diesen Singsang ernsthaft aufregen können. Er gehört zum Fußball fast genauso wie das Amen in die Kirche. Wenn aber politisch korrekte und weichgespülte Journalisten, die offensichtlich noch nie einen Fußballplatz betreten haben, plötzlich über Fußball schreiben, kann nur Mist dabei rauskommen.

Die Argentinier stören sich jedenfalls nicht am „Gaucho-Tanz“. Sie haben während des Turniers selbst ordentlich ausgeteilt, feierten etwa das Ausscheiden ihres Erzrivalen Brasilien und die Verletzung des brasilianischen Starspielers Neymar. Wer austeilt, muss auch einstecken können. Wie die Argentinier.

Ein aufmerksamer Facebook-Nutzer fragte bei einem Argentinier nach, was seine Landsleute denn so vom „Gaucho-Tanz“ halten. Die Antwort:

„Die Deutschen haben ein Lied für uns gemacht. Das bedeutet, dass sie uns als starke Gegner ansehen, ähnlich wie wir die Brasilianer. Wir singen doch selbst Lieder über alles mögliche. Wir empfinden das nicht als beleidigend, sondern als ausgelassen und witzig. Die Deutschen werden sonst als nicht besonders lustig und als etwas phantasielos wahrgenommen. Es fehlt ihnen an echter Leidenschaft. So gesehen wird es hier sicher vereinzelt als abwertend betrachtet. Aber es ist egal, weil wir halt verloren haben und das jetzt aushalten müssen. Es wird die Gelegenheit kommen, da wird es genau anders herum sein und wir werden Lieder über sie singen, die sie dann aushalten müssen. Es sind sie selbst, die sich – wohl aus kulturellen Gründen – als aggressiv betrachten. Vielleicht wegen ihrer historischen Bürde oder weil sie normalerweise sehr höflich und gefasst sind, der „Gaucho-Tanz“ hingegen eher etwas war, was wir Latinos normalerweise machen. Er war lustig. Wir lachen uns über alles schlapp: über alles und jeden und über uns selbst. Zusammengefasst: Da ist nichts Schlimmes dran. Das Einzige, was die Deutschen noch lernen müssen, ist, mehr Spaß und Leidenschaft zu haben.“

Die Spaßbremsen versuchen dagegen anzukämpfen. Erfreulich ist, dass es ihnen scheinbar nicht (mehr) gelingt. Die Menschen haben Spaß – trotz der Spaßbremsen. Gut so.

Dieser Artikel erschien zuerst auf Freitum.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Tomasz M. Froelich

Über Tomasz M. Froelich

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige