18. Juli 2014

1989 Tagebuch der friedlichen Revolution

Der Mühlstein am Halse Halles

15. Juli 1989

Auf ihrem Weltwirtschaftsgipfel verweigern die G-7-Staaten China neue Weltbankkredite wegen der Niederschlagung der Demokratiebewegung. Das ist mal ein deutliches Zeichen gegen Gewalt. Aber in den Medien spielt das Thema keine Rolle mehr.

16. Juli 1989

Der Staatschef der Sowjetunion Gorbatschow gerät in immer größere Schwierigkeiten. Während er Reformen durchzusetzen versucht, versinkt das Land in Unruhen, ausgelöst durch die sich immer mehr verschlechternde Versorgungslage. Es gibt Streiks und Demonstrationen in Sibirien und in allen größeren Städten des europäischen Teils. Selbst in Wolgograd, dem ehemaligen Stalingrad, stehen alle Räder still. Die Arbeiter verlangen höhere Löhne, mehr Lebensmittel und bessere Trinkwasserversorgung.

Gorbatschow sieht keine andere Möglichkeit, als den ehemaligen Klassenfeind um Hilfe zu bitten. Er wendet sich an die G7-Staaten wegen finanzieller Hilfe zur Unterstützung des Reformprozesses. Sie wird ihm gewährt.

17. Juli 1989

Das „Neue Deutschland" berichtet über die Grundsteinlegung für Halle-Neustadt vor 25 Jahren. Die Entwicklung von Halle-Neustadt spiegele die „erfolgreiche Politik der SED“ wider. Das ist Realsatire. Auch nach 25 Jahren ist „Haneu“, wie es im Volksmund genannt wird, eine reine Schlafstadt geblieben. Genormtes Einerlei, soweit das Auge reicht. Untergebracht sind hier vor allem Chemiearbeiter, manche stammten aus den Dörfern, die abgerissen werden mussten, damit die sozialistische Stadt entstehen konnte. Diese Bewohner hielten anfangs Kaninchen, Hühner oder sogar Schweine auf dem Balkon, bis das verboten wurde. In Teilen von Haneu ist das Trinkwasser so schlecht, dass strikt untersagt wird, Kinder davon trinken zu lassen. Für sie wird kostenlos in Flaschen abgefülltes Wasser zur Verfügung gestellt. Nachdem die ersten Bewohner an Quecksilbervergiftung, verursacht durch kontaminiertes Trinkwasser, gestorben waren, wurde der Ortsteil Silberhöhe im Volksmund in Silberhölle umbenannt.

Nach dem Mauerfall und dem Verschwinden der DDR wird Haneu ganz schnell zum Mühlstein am Halse Halles.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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