14. Juli 2014

DDR Die Feigheit der Täter

Herr Gysi, übernehmen Sie!

Brandenburg war jahrelang das Bundesland, in dem die DDR fortbestand, auch optisch. Noch Ende der 90-er Jahre sahen seine Straßendörfer aus, als wäre die Zeit stehen geblieben. Erst mit dem neuen Jahrtausend änderte sich das allmählich.

Wer heute durch Brandenburg fährt, kann sich außer an traumhaften Landschaften auch an aus Ruinen auferstandenen Bauten erfreuen.

Brandenburg-Stadt erinnert am Bahnhof und seinem Umfeld an Hamm, folgt man aber dem Wegweiser in die Altstadt, kommt man aus dem Staunen nicht heraus. Der Dom, Kirchen aus dem 11. Jahrhundert und Lofts am Fluss mit dazugehöriger Bootsanlegestelle – alles nur 50 Minuten vom Berliner Zentrum entfernt.

Zu früheren Zeiten war Brandenburg berüchtigt für sein Zuchthaus, das so berühmte Gefangene wie Erich Honecker und Robert Havemann beherbergte. Heute gibt es einige Aktivisten, wie den Noch-Intendanten des Theaters, Christian Kneisel, die sich bemühen, der Stadt ein neues Image zu verpassen. Kneisels Verdienst ist es nicht nur, das Theater wieder zu einer gut besuchten Spielstätte gemacht zu haben, er hat es auch geschafft, in einem aufgegebenen Industriebau, den ehemaligen Brennabor-Werken, eine Kunsthalle zu etablieren.

Am vergangenen Freitag gab es in dieser Kunsthalle eine spektakuläre Vernissage. Der deutsch-amerikanische Künstler Stefan Roloff, über dessen Installation im Stasigefängnis Potsdam auf der Achse des Guten kürzlich berichtet wurde, eröffnete seine Ausstellung „Chairing the Meeting“ zum zweiten Mal. Der erste Termin war aus unerfindlichen Gründen auf einen Tag gelegt worden, an dem der Künstler sich noch in Washington befand, wo er für das Holocaust- Memorial eine Dauerausstellung über die „Rote Kapelle“, der sein Vater angehörte, aufbaut.

Obwohl im offiziellen Veranstaltungskalender nicht ausgewiesen, kamen doch sehr viele Neugierige zu diesem Termin, die wissen wollten, was sich hinter der neuen Aktion von Roloff verbarg und warum sie offenbar von einigen Leuten gefürchtet wurde.

Die Besucher empfing eine leere Halle. Lediglich ein roter Teppich war ausgerollt, auf dem zwei leere Stühle standen.

Erst bei der Eröffnung erfuhren die Besucher, was es damit auf sich hatte. Roloff hatte in Brandenburg, das für seinen fortbestehenden SED-Filz eine traurige Berühmtheit erlangt hat, namhafte Personen mit SED- oder Stasivergangenheit aus Wirtschaft, Verwaltung und Politik eingeladen, sich auf einen der beiden leeren Stühle zu setzen und mit ehemaligen politisch Verfolgten des SED-Regimes zu sprechen.

Seit 20 Jahren verweigern die Täter, von wenigen Ausnahmen abgesehen, dieses Gespräch. Die veröffentlichte Meinung macht es ihnen leicht. Von Anfang an waren nicht die Revolutionäre von 1989, die erst die Mauer zum Einsturz gebracht, die Vereinigung möglich gemacht und Europa sein heutiges Gesicht gegeben haben, gefragte Interviewpartner, sondern die SED-Funktionäre, allen voran der letzte SED-Vorsitzende Gysi.

Gysi war mehr als zwei Jahrzehnte der meistgefragte Talkshow-Gast, bis er von der bekennenden Ulbricht-Verehrerin und heimlichen Hummer-Liebhaberin Sahra Wagenknecht abgelöst wurde.

Gysi, darauf habe ich in meiner Eröffnungsrede noch einmal nachdrücklich hingewiesen, scheint sich sogar aussuchen zu können, mit wem er diskutiert und mit wem nicht. Leute, die ihm Paroli bieten könnten, werden wieder ausgeladen, sobald Gysi bei einer Sendung zugesagt hat. Mir ist das mehrere Male passiert.

Auf Anfrage haben alle öffentlich-rechtlichen Intendanten zwar beteuert, dass es eine solche Praxis, dass ein Talkshowgast sich seine Mitdiskutanten aussuchen kann, nicht gebe und sie es eine reizvolle Idee fänden, den kleinen Mann mit der großen Klappe mal mit seinen Kritikern diskutieren zu lassen.

Das ist Jahre her und nie ist es dazu gekommen. Die Aktivisten der SED-Diktatur sind die Feiglinge von heute. Sie scheuen sich auch nicht, die Mittel des von ihnen bekämpften und verachteten Rechtsstaates einzusetzen, um die Verfolgten des SED-Regimes in ihrem Bemühen, die Vergangenheit aufzuklären, zum Schweigen zu bringen.

Roloffs Installation ist ein origineller Versuch, die Schweigespirale der Täter zu benennen und damit ins öffentliche Bewusstsein zu bringen.

Weil am Eröffnungsabend niemand von den Eingeladenen SED- und Stasi-Kadern den Mut hatte, zu erscheinen, haben politisch Verfolgte, ein Homosexueller, ein schon mit zwölf Jahren wegen seiner unangepassten Mutter von der Stasi Traktierter und ein widerständiges Pastorenehepaar mit Kopien aus ihren Stasiakten die nackten Wände dekoriert. Die Besucher halfen dabei eifrig mit.

Statt Smalltalk gab es viele Gespräche. Ein leitender Mitarbeiter des Brandenburger Theaters, der dem Unternehmen erst skeptisch gegenübergestanden hatte, war so angetan, dass er anbot, Blätter aus der Akte seines Großvaters beizusteuern. Wenn er das tut und seinem Beispiel noch weitere folgen, wird der eine Zweck der Kunstaktion erfüllt: die Öffentlichkeit mit den diversen Verfolgungspraktiken der Staatssicherheit und dem Schweigen der dafür Verantwortlichen bekanntzumachen.

Vielleicht finden ja einige Täter doch noch den Mut, sich der Diskussion zu stellen.

Bis zum 29. August gibt es die Gelegenheit dazu. Gysi, übernehmen Sie!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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