13. Mai 2014

Gescheiterte Anti-UKIP-Kampagnen „Plötzlich ist nichts mehr rassistisch.“

Die britischen PC-Brigaden haben den Bogen überspannt

An den weißen Klippen von Dover führt eine Rolltreppe vom Strand nach oben. Was sich wie die Installalation eines absurden – zum Beispiel weil staatlich in Auftrag gegebenen – Kunstwerks anhört, ist das Bild, mit dem die United Kingdom Independence Party im Europawahlkampf auf ihren Standpunkt zur Einwanderung aufmerksam macht. Das höchst geschickt gestaltete Plakat – eine widersprüchliche Kombination zweier Bilder mit jeweils hohem Wiedererkennungswert und Symbolgehalt – ist mit dem Spruch garniert: „Keine Grenzen – Keine Kontrolle“, darunter die Erklärung: „Dank Öffnung unserer Grenzen durch die EU kommen pro Woche 4000 Menschen zu uns.“

Einwanderung ist das große Thema der UKIP in diesem Wahlkampf. Wofür sie vielfach der Fremdenfeindlichkeit und des „Rassismus“ bezichtigt worden ist. Doch die Wirkung der Kritiker ist gleich Null gewesen. Die meisten jüngsten Umfragen zeigen die UKIP weiterhin in Führung, die einzige Ausnahme zeigt die Euro-Rebellen an zweiter Stelle nur einen Punkt hinter den Konservativen. Die linke Journalist Dan Hodges warnte deshalb in der vorvergangenen Woche, dass diejenigen recht haben, die behaupten, mit dem Wort „Rassismus“ werde versucht, die Debatte abzuwürgen. „Es ist eine Katastrophe“, schreibt Hodges im „Daily Telegraph“. „Wir haben die Debatte abgewürgt, und damit ein politisches Vakuum geschaffen.“ Nicht nur das. Nun sei das Pendel sogar zurückgeschwungen: „Plötzlich ist nichts mehr rassistisch.“ Das sei die Folge davon, dass „legitime Fragen über die Einwanderungspraxis rituell als niederträchtige Vorurteile abgewiesen wurden.“

Dies ist ein weiteres Beispiel dafür,dass der Aufstieg der UKIP ein Zeichen dafür ist, was die „Daily Bell“-Plattform seit langem die „Internet-Reformation“ nennt. Es ist nicht länger möglich, dass einige wenige Medien Inhalt, Verlauf und Ergebnis öffentlicher Debatten definieren, steuern und bestimmen. Auch deswegen ist die UKIP derzeit auf dem besten Weg, ein politisches Erdbeben auszulösen, an dessen Ende in wenigen Jahren der Austritt Großbritanniens aus der EU und somit das Ende des Großstaatprojektes stehen könnte.

Der instinktsichere und ambitionierte Politiker Boris Johnson hat die Zeichen der Zeit erkannt: Selbst Margaret Thatcher, gesteht der konservative Bürgermeister Londons, habe die Bevölkerung im Hinblick auf die EU „ausgetrickst“. Oft genug habe die Eiserne Lady vor den Zentralisierungsbetrebungen der Union „kapituliert“ berichtet jetzt Johnson, der von 1989 bis 1995 Brüsseler Korrespondent des „Daily Telegraph“ war.

Selbst wenn die EU in welcher Form auch immer erhalten bleibt: Das Schwächeln der „political correctness“ ist ein davon unabhängiger Trend. In England gibt es zwar – noch – kein dem Pirinçci-Buch „Deutschland von Sinnen“ vergleichbares Phänomen. Aber die Wirkungslosigkeit der zahlreichen Rassismus-Vorwürfe gegen die UKIP in den vergangenen Wochen zeigt, dass sich in der britischen Bevölkerung eine gewisse allgemeine Resistenz gegen die Kampagnen der Gedankenkontrolleure ausbreitet. Zwei Beispiele aus den letzten Tagen untermauern diese Behauptung.

Jeremy Clarkson, ein bekannter und beliebter Moderator des BBC-Automagazins „Top Gear“, hatte bei Proben einen alten Kinderreim aufgesagt – oder eher gemurmelt. Darin kommt auch das berüchtigte N-Wort vor. Diese Probeaufnahmen gelangten an die Öffentlichkeit und ein Sturm der Entrüstung der professionell Entrüsteten brach los. Clarkson, der sich gerne als machohafter Liebhaber schneller Autos präsentiert, wirkt ohnehin wie ein Fremdkörper in der hyperhysterischen PC-Sphäre der BBC. Normalerweise hätte ihn dieser „Ausrutscher“ den Job gekostet. Der oberste Leiter der TV-Sparte wollte ihn bereits entlassen. Dank Intervention des Generaldirektors durfte er bleiben – wenn auch nur nach einer unterwürfigen Entschuldigung.

Noch interessanter ist der Fall des BBC-Lokalradiomoderators David Lowe. Der 67-jährige Lowe hatte Ende letzter Woche ein Lied aus dem Jahr 1932 eingespielt: „The Sun Has Got His Hat On“. In diesem heiter-peppigen kleinen Song aus einer Zeit der Weltwirtschaftskrise heißt es in einem Vers ungefähr: „Die Sonne hat die N****r in Timbuktu gebräunt, jetzt kommt sie hierher und bräunt auch uns.“ In vorauseilendem Gehorsam vor den modernen Hexenverbrennern wurde Lowe kurz darauf von seinen örtlichen Vorgesetzten entlassen. Höhere Chargen der BBC aber witterten, dass sie damit zu weit gegangen waren. Sie wollten Lowe zurückholen, doch der weigert sich bislang: Seine Gesundheit habe unter dem Vorgang gelitten.

Auch hierzu hat sich Johnson im „Daily Telegraph“ geäußert, dabei die heimische PC-Brigade mit den nigerianischen Boko Haram Terroristen verglichen und der BBC-Führung eine kollektive Selbstauslöschung nahegelegt: „In einer logischen und konsistenten Welt würden die Führungskräfte der BBC gebeten werden, Harakiri zu begehen.“ Die Äußerungen Johnsons sind vor dem Hintergrund zu sehen, dass der Londoner Bürgermeister der größte innerparteiliche Rivale des Premierministers ist. Er weiß genauso gut wie die BBC-Führung, dass die Angriffe auf Clarkson und Lowe derzeit Wasser auf die Mühlen der UKIP sind. Und eine starke UKIP wiederum könnte den Sieg der Konservativen bei der nächsten Unterhauswahl in einem Jahr gegen die schwächelnde Labour-Partei vereiteln – und ist damit auch eine Gefahr für die Ambitionen von „Boris“, wie ihn jeder auf der Insel nennt.

Wenn beliebte langjährige Identifikationsfiguren wie die beiden genannten Moderatoren von ihrem eigenen Arbeitgeber, der zwangsgebührenfinanzierten BBC, wie Aussätzige behandelt werden, weil sie einen nach jedem normalen Maß verzeihlichen Fehler begangen haben, dann bestätigt sich in den Augen der Öffentlichkeit der Vorwurf: Hier will eine abgehobene Elite Denkvorschriften machen und die Massen einschüchtern. Die Gegenöffentlichkeit des Internet ermutigt die Menschen, ihrer Wut darüber Ausdruck zu verleihen. Und der für sie einfachste Weg, dies zu bewerkstelligen, ist eine Stimmabgabe  für das große Angriffsziel der selbsternannten Elite: UKIP. Die Eigendynamik dieser Entwicklung lehrt diesem Establishment nun das Fürchten. 

Information:

Das UKIP-Plakat mit der Rolltreppe

Dan Hodges: Jeremy Clarkson and ‚n****r‘, Ukip and Romanians: is this really 2014?

Margaret Thatcher was ‘tricksy about EU’ says Boris Johnson

Boris Johnson: In our own modest way, we are living in a Boko Haram world


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