24. April 2014

Medien Entwestlichung Marke Eigenbau

Unvorstellbar, aber wahr: Nicht alles ist Putins Schuld!

Die Springer-Junta, journalistische Söldnerarmee des nackten Kaisers, stiert weiter mit starrem Blick wie ein überzüchteter Jagdhund auf den patentiert bösen Iwan und knurrt sich um Kopf und Kragen. „Putin treibt das konfliktscheue Europa vor sich her“, „Der verhängnisvolle deutsche Russland-Komplex“, „Deutschland verabschiedet sich langsam vom Westen“ und ähnliche demagogische Salven werden Tag für Tag und Woche für Woche verschossen, um vor lauter Verzweiflung ob des im eigenen Wohnzimmer drohenden wertesystemischen Offenbarungseides ein dringend benötigtes Feindbild herbeizuschreiben.

Das allseits bekannte „Triumvirat des Propagandaterrors“ – Wergin, Herzinger, Posener –, auch bekannt als „Tick, Trick und Track des Transatlantiks“ oder „die drei Kriegsmuskeltiere“, haben sich so tief in den „Feind“ verbissen, dass selbst eine Brechstange aus Industriekeramik an ihren Kiefern wie ein Strohhalm abknicken würde. Man scheint im Hause Springer noch nicht bemerkt zu haben, welche gewaltige Blöße man sich damit gibt. Denn wache Leser könnten irgendwann fragen, was die Herrschaften von „Bild“ und „Welt“ (eine Art „Bild“ für Abiturienten) eigentlich dazu antreibt, derartig um sich zu böllern. Normal ist das nun wirklich nicht mehr. Überzeugungs-Schreibtischtäter? Wie dem auch sei: Natürlich kann ein solches Verhalten nicht durch Hysterie oder Affekt erklärt werden. Es steckt eindeutig eine Agenda dahinter, soviel dürfte in den letzten Wochen deutlich genug geworden sein. Niemand haut aus Jux und Dollerei dermaßen auf den Putz.

Was also treibt sie an, man möchte fast schon sagen: peitscht die Herrschaften unter ohrenbetäubendem Knallen so hart aus, dass sie glauben, ohne einen neuen Kalten Krieg nicht leben zu können? Die Ursache dürfte in der Unfähigkeit zur Akzeptanz und sturen Leugnung des eigenen politischen Sittenverfalls zu finden sein. In „Deutschland verabschiedet sich langsam vom Westen“ von Jacques Schuster heißt es: „Ob bei Snowden oder in der Ukraine-Krise – viele Äußerungen in Deutschland künden von der allmählichen Entwestlichung des Landes. Ob sie sich aufhalten lässt? Viele stört die Entwicklung gar nicht.“

Es handelt sich dabei um eines jener Propagandaphantome und Schreckgespenster, wie sie wohl wirklich nur durch die Flure im Hause Springer geistern können. Denn es gibt keine „Entwestlichung Deutschlands“ – zumindest nicht im Sinne der auch von Bernd Ulrich, Chefredakteur der offiziellen deutschen Fanpostille der Atlantikbrücke, der „Zeit“, unter dem irreführenden Titel „Wie Putin die Deutschen spaltet“ scheinheilig herbeiphantasierten „Zersetzung“ der patentiert Guten durch patentiert Böse.

Was es gab und gibt, ist eine sträfliche Vernachlässigung des westlichen Wertesystems beziehungsweise „Wertgefüges“ durch seine politischen Eliten, vor allem auch durch diejenigen des Bündnispartners USA. Was es gab und gibt, ist die bedenkliche Aufgabe einiger der größten Errungenschaften der westlichen Zivilisation durch eine Außenpolitik, die schon seit geraumer Zeit ohne direkten Befehl Putins an den humanistischen Idealen der westlichen „Wertegemeinschaft“ sägt – sei es durch eine neusprachlich so genannte „europäische“ (in Wahrheit EU-bürokratische und planwirtschaftlich-technokratische) „gemeinsame“ Finanzpolitik, sei es durch das fatale geldpolitische Vorgehen ihres Pendants auf amerikanischer Seite durch die  Fed, sei es durch „präemptive“ Kriege oder die Beteiligung daran. Wir können gerne weiter so tun, als sei „Russland“ für jedes Übel unserer Breiten verantwortlich – und gäben uns damit einer gefährlichen Selbsttäuschung hin. Es nützt nichts mehr, sich in die Tasche zu lügen.

Angriffskriege können nicht gerade als Ausweis eines gefestigten Verständnisses von Werten wie „Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit“ herhalten, erst recht nicht von „Frieden“, „Demokratie“ oder ähnlichen Begriffen, die gerade aufgrund eines skrupellosen Dampfhammer-Interventionismus westlicherseits stark erodierten. Sie wurden nicht durch sauren „Meinungsmorast“ angeätzt, nicht durch „friedensverwöhnten“ („Welt“) Populismus und ähnliche abwehrreflexhafte Wadenbeißervokabeln schizophrener Journalisten, die, wahrscheinlich ohne in vielen Fällen selber genau zu wissen, warum, „ihren“ politischen Eliten immer noch hündisch hinterlaufen zu wollen scheinen und sie auch um den Preis eines bereits jetzt irreparablen Glaubwürdigkeitsverlustes mit Zähnen und Klauen zu verteidigen bereit sind (wovor eigentlich? Vor den Folgen völlig unnötiger und barbarischer Kriege, die Chaos und Leid nur vermehrt haben? Vor den Konsequenzen einer verfehlten „Rettungspolitik“?), sondern durch die Lügen und Manipulationen, die Rücksichtslosigkeiten gegenüber anderen Ländern, die man sich dank der Überlegenheit des eigenen Militärapparats, der – laut Obama – „Ausnahmestellung“ („exceptionalism“) einfach herausnahm. All das ist längst offensichtlich – umso verwunderlicher muss erscheinen, dass man sich mancherorts noch immer nicht zur längst überfälligen und dringend nötigen Revision des Bildes vom uneingeschränkt guten „Freund“ in Washington durchringen kann. Wo man doch sonst sofort aufjault schon beim kleinsten Verdacht auf gedankliche Nähe zum „Recht des Stärkeren“.

Wen soll es vor diesem Hintergrund der verbissenen Verteidigung längst verlorenen moralischen Bodens eigentlich noch wundern, dass laut eines „Welt“-Artikels urplötzlich auch „russische Kinder“ zu den Problemfällen an deutschen Schulen gehören sollen (merkwürdig, dass sie erst während der Ukraine-Krise in diese Gruppe rutschten ...) oder dass russische Geheimdienste „uns“ ausspionieren und zur größten Bedrohung des Westens mutieren, worüber die merkwürdigen Schnüffelgewohnheiten patentiert guter Dienste erstaunlich schnell in Vergessenheit gerieten. Ich meine mich zu erinnern, dass da mal irgendwas vorgefallen war. Moment bitte, ich hab's gleich ... irgendwas mit drei Buchstaben ... KFC? Nee, die machen ja in Hühnchen. Und was auch immer man nun von Snowden halten mag: Die gesamte Debatte über die aberwitzige Milliardensummen verpulvernde Späheritis Marke NSA, die Waffenlieferungen an Terrorgruppen und andere Friedensstifter oder deren finanzielle Unterstützung natürlich trotzdem nicht zu verhindern vermag, als russophile „Entwestlichung“ hinzustellen, dazu muss man entweder auf einem weit entfernten Planeten leben oder ganz einfach nur auf ein möglichst kurzlebiges Gedächtnis der Leser hoffen.

In manch anderen Blättern, die weniger verhaltensauffällig argumentieren, wird immerhin wahrheitsgemäß berichtet, dass die Lage in der Ukraine noch lange nicht so klar sei, wie von gewissen Claqueuren herbeikrakeelt und noch lange nicht ausgemacht, wer da nun eigentlich ständig Stinkbomben wirft und an der Situation unnötig weiter herumkokelt. Fest steht nur, dass mit Jazenjuk ein lupenreiner Washington-Büttel in die Ukraine gepflanzt wurde.

In einem anderen Artikel der fröhlichen Welt-Jagdgesellschaft aus dem Hause „Bild dir des Kriegsgottes Meinung“ hieß es: „Die Nachsicht der Deutschen gegenüber Wladimir Putin und seiner Politik speist sich aus traditionellen Sehnsüchten und Minderwertigkeitsgefühlen.“ Na toll. Wieder so ein Satz, der sich mühelos in sein Gegenteil verkehren ließe: Und die Nachsicht hiesiger Politik gegenüber völkerrechtswidrigen Kriegen speist sich dann wahrscheinlich aus ähnlichen Minderwertigkeitsgefühlen gegenüber dem nassforsch auftretenden Besatzer sowie traditionellen Sehnsüchten nach dem starken Maxe, oder wie? Mann, Mann, Mann. Jetzt holt doch bitte mal Luft und denkt erstmal nach, bevor ihr schreibt. Ihr macht es den „neurechten Verschwörungssümpflern“ aber auch sehr leicht, euch  kunstgerecht auseinanderzunehmen.

Apropos, liebe Kollegen der verlorenen „Zeit“: Mag sein, dass es in euren Kreisen als intellektuell gilt, bei unerwarteten Konfrontationen mit geopolitischen Realitäten und historischen Fakten in eine Art geistige Schockstarre zu verfallen und den Kopf in verstaubten Regalsystemen abzulegen. Es ergibt aber keinen Sinn, von „rechtslibertär“ nur deshalb zu sprechen, weil man‘s gedanklich nicht bis drei schafft. Ach ja, und bevor ich‘s vergesse: Verratet mir doch bitte mal, was genau einen „Klimaskeptiker“ eigentlich ausmacht. Soll das ein Mensch sein, der dem Klima skeptisch gegenübersteht? Aber welchem? Dem arktischen? Dem in der Sahel-Zone? Oder in einer Sauna? Oder was eigentlich so schlimm sein soll an „Papiergeldkritikern“ und warum ihr nachts immer von braunen ef-Whirlpools träumt.


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