23. April 2014

Filmkritik „Sabotage“ – und zwar des Sprachzentrums

Wie man aus geplatzten Verdauungstrakten oder einem Müllcontainer voller Windeln einen Film macht

Wie lange brauchen Sie jeden Morgen? Ich weiß nicht, wie lange es bei Ihnen dauert, lieber Leser, aber mein morgendlicher Defäkationsprozess nimmt schätzungsweise fünf bis zehn Minuten in Anspruch. Sollte ich mal unter Verstopfung leiden oder eine bestimmte Speise nicht vertragen, vielleicht auch etwas länger. Schwer zu sagen. Allerdings kam es noch nie vor, dass ich länger als 20 bis 30 Minuten auf der Schüssel saß. Sie werden sich jetzt gewiss fragen, was das soll. Wie geschmacklos! Welcher Kritiker beginnt die Besprechung eines Filmes mit einer kurzen Erläuterung seiner Gewohnheiten beim Kacken? 

Gegenfrage: Welcher Mensch, knallharte Drogenfahnder eingeschlossen, überanstrengt sein Sprachzentrum alle ein bis zwei Minuten  mit hochkreativen Schöpfungen wie „beschissener, verfickter Wichser“, oder, um die Grenzen seines Intellekts auszureizen und dem Variantenreichtum die Ehre zu geben, „verfickter, beschissener Wichser“, „verficktes Arschloch“, „verfickte Scheiße“, „verfickte Kacke, Mann!“, „Kacke, Mann, verfickt!“ oder „Mann, kacke, verfickt!“? 

Sollten Sie bereits jetzt die Schnauze voll haben oder mit ihrem Brechreiz kämpfen, lösen Sie lieber keine Karte für Prekariatskino wie „Sabotage“, den – jetzt hätte ich beinahe geschrieben „neuen Actionkracher mit Arnold Schwarzenegger“ – geplatzten Verdauungstrakt eines Elefantenbullen im Filmformat, durch dessen Ergüsse ein sichtlich gealterter „Arnie“ bis zum Kragen watet. Drehbuchautor Skip Woods und Regisseur David Ayer lassen nämlich nicht nur fünf bis zehn Minuten, sondern fast zwei Stunden lang die Hosen herunter, um ihre Notdurft in Augen und Ohren des Zuschauers zu verrichten und Preise für das schlechteste Machwerk des Jahres zu verdienen, die erst noch erfunden werden müssen. Die Goldene Himbeere wäre um Welten zu gut. Führen wir also die „Kotige Stachelbeere“ ein oder – wir wollen schließlich kreativ sein – die „Beschissene und verfickte Kokosnuss“. 

Wenn in einem bluttriefenden Genrefilm über eine Spezialeinheit der Drogenfahndung, deren männliche Mitglieder reden, als würden sie jeden Morgen eine Klobürste zum Zähneputzen verwenden und die so hoffnungslos überzeichnet sind, dass Klischees sich krümmen vor Lachen (die duschen statt mit Waschlappen bestimmt nur mit Stahlwolle, Schleifmaschinen oder Bimsstein), und deren einziges weibliches in einer Szene des Films durchaus treffend als „Crackhure“ charakterisiert wird, pausenlos mit Verbalkot randvoll gefüllte Windeln geworfen werden, dürften nicht wenige Zuschauer sich nach spätestens 15 Minuten fragen, ob die Schauspieler das Geld tatsächlich so bitter nötig hatten.

Dass in Filmen dieser Art hin und wieder geflucht wird, kein Problem – wer US-Actionthriller jüngeren Datums mit Fokus auf spätmoderne Grenzgebietpendler zwischen den einstmals so klar getrennten Reichen des Guten und Bösen kennt, oder vielleicht besser, ethisch Heimatlose und Wertesystemwaisen, denen die kulturgeschichtlichen Nachbeben des bluttriefenden Irrglaubens an die unbefleckbare Überlegenheit der reinen Ideologie das Dach der politischen Kirche im weltbildlichen Dorf weggesprengt haben (auch bekannt als Postmoderne),  Werke, in denen zwischen Cops und Kriminellen nicht mehr zu unterscheiden ist, weiß, dass darin ab und an charmante Schmeicheleien fallen wie „Go fuck yourself!“, „Fucking asshole!“, „Shut the fuck up, asswipe!“ und so weiter, kurz, gerne kräftig ins Knierohr gegriffen wird. Das ist auch völlig in Ordnung, da durchaus die Realität spiegelnd, außerdem kann selbst die übelste Beschimpfung – stimmt das Timing und wird sie dramaturgisch geschickt plaziert – manchmal sogar ganz amüsant sein. Hin und wieder, wohlgemerkt. Ab und an. An EINZELNEN Stellen, mkay?

Woods und Ayer – bei „Sabotage“ müsste man eigentlich „Wutz und faule Eier“ schreiben – verwechseln jedoch alberne Splattereffekte sowie sich in Dialoge entleerende, überlaufende Abwassersysteme mit möglichst authentischer Milieuzeichnung. Sollten sie für diesen Film tatsächlich recherchiert haben, kann man sich auch schon gut vorstellen, wo: auf dem Boden eines Dixi-Klos vor einer Großbaustelle. So viel Kot ganz ohne Not.

Die Story ist also im doppelten Wortsinn notdürftig: Alternder Chef einer Sondereinsatztruppe der Drogenfahndung (Schwarzenegger) vergreift sich mit seinen Jungs an Drogenmillionen, woraufhin sein Team nach der nicht mehr ganz taufrischen Genreformel „Zehn kleine Menschen nichtkaukasischer Hautfarbe“ auf grausige Art dahingerafft wird, begleitet von einem verbalen Spucken, Kratzen, Kotzen, Beißen, festem Drücken und Treten, das selbst RTL2 schamvoll errötet nicht ins Programm nähme. Das war‘s. Ach ja, kurz vor Ende dieser Achterbahnfahrt durch Verdauungsabfälle gibt‘s noch einen kleinen „Twist“, der für Zuschauer, die zu diesem Zeitpunkt noch nicht in den kotig-vulgärzotigen Sintfluten von der Tonspur qualvoll ertrunken sind, allerdings so überraschend kommt wie der beschleunigte Gang zum Örtchen nach Einnahme einer Zweiliterflasche Leinöl auf ex. Eine echte Herausforderung selbst für die leiderprobtesten Filmkritiker. 

„Sabotage“ – US-Actionthriller (streitbare Genreklassifizierung, die eigentlich einer Erweiterung um das neue Subgenre des „Durchfallthrillers“ bedarf), läuft seit dem 10.4.2014 aus städtischen Kläranlagen in Kinosäle.

Drehbuch für WC-Putzkolonnen nach einem Rockkonzert im Olympiastadion: Skip Woods.

Regie des Rudels unter Verstopfung leidender Nashörner: David Ayer.

Freigabe: Für jeden gut trainierten Dickdarm geeignet. 

Im Dixi-Verleih von Splendid (Sony Pictures).


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