11. April 2014

Wiedervereinigung Ein Haus über dem Rhein

Die zweitschönste Folge der Revolution

Einen passenderen, vor allem schöneren Ort für die erste Lesung meines neuen Buches, „Tagebuch der Friedlichen Revolution“ hätte ich mir nicht aussuchen können.

Das Günderodehaus in Oberwesel hoch über dem Rhein, mit dem Siebenjungfrauenblick, gäbe es ohne den Mauerfall nicht.

Am 9. November war der Regisseur Reitz, bekannt durch seine Heimatfilme zufällig zu Dreharbeiten in Berlin. Er wies seinen Kameramann an, die Freudenszenen auf den Straßen zu filmen. Kurz darauf entstand die Idee zum Film „Heimat 3“.

Es sollte eine Ost-West-Geschichte werden und ihr Mittelpunkt ein altes, verfallenes Fachwerkhaus, das westdeutsche Liebende erwarben und von ostdeutschen Handwerkern zu neuem Leben erwecken ließen.

Nachdem lange kein passendes Haus gefunden werden konnte, entschlossen sich Edgar Reitz und sein Co-Autor Thomas Brussig, ein in Seibersbach abgebautes Fachwerkhaus aus dem Jahre 1780 an dieser besonderen Stelle für die Dreharbeiten wieder aufzubauen. Im selben Jahr, in dem das Haus erbaut worden war, wurde die Dichterin Karoline von Günderode geboren, die sich mit sechsundzwanzig Jahren in Winkel am Rhein erdolchte.

Vielleicht war das der Grund, warum Edgar Reitz die Legende spann, in diesem Haus hätte die Günderode gelebt. Es sollte sich zeigen, dass gute Legenden stärker als die Wirklichkeit werden.

Wer heute das Haus zum ersten mal sieht, wobei jedem ob der überragenden Aussicht auf das Weltkulturerbe Mittelrheintal der Atem stockt, glaubt sofort, dass Günderode hier gewesen sein muss.

Der Eindruck wird noch verstärkt durch die wunderbare Atmosphäre, die durch Originaltapeten, Möbel aus der Romantikzeit und passenden Gemälden erzeugt wird. Ergänzt wird das Ganze mit Set-Fotos von „Heimat 3“ und einigen Kostümen und Requisiten aus dem Film.

Gastronomin Petra Litz, die Haus und Hof liebevoll in Szene setzt und eine hervorragende Küche bietet, erinnert mit ihrer schlanken, energischen Gestalt, den braunen Haaren und den feinen Zügen selbst etwas an Günderode, wenn die älter geworden wäre. Damit ist die Magie perfekt.

Wer es heute sieht hat das Gefühl, das Haus müsste schon immer an diesem Ort gestanden haben. Ein unerwartetes Wunder, wie die deutsche Einheit.

Der Ort ist ein Muss, nicht nur für Edgar-Reitz-Fans und Rheinwanderer, sondern für alle, die Deutschland von seiner schönsten Seite genießen möchten. Wer unter der Kastanie vor dem Haus, in deren Schatten man den besten Blick auf das Tal hat, noch ein Gedicht von Günderode liest, der wird dem Zauber des Ortes vollständig erliegen und immer wiederkommen wollen.

„Das geliebte, süße Leben,
Dieses Nehmen und dies Geben,
Wort und Sinn und Blick,
Dieses Suchen und dies Finden
Dieses Denken und Empfinden Giebt kein Gott zurück.” (Schreibweise Günderode)

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von Vera Lengsfeld

Über Vera Lengsfeld

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige