06. April 2014

Deutschland von Sinnen, Nachschlag Geistige Hermaphroditen, verdurstet endlich!

Und sie fielen in eine tiefe Bescheuertnis ...

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Gleich zu Beginn ein heißer Tipp für alle, die meinen, über „Deutschland von Sinnen“ die krassesten Falschbehauptungen verbreiten zu müssen, egal wo und bei welcher Tätigkeit, ob nun beim öffentlichen gedanklichen Stuhlgang vor laufender Kamera in Halbkreisform, auf den Ichverstehnurbahnhofstoiletten parallelwelticher Feuilletons, in „Sozialen Netzwerken“ zum Zwecke vorauseilender, dicke Schleimspuren ziehender hyperkorrekter Bonusmeilensammlung oder schafskonformer Unterwürfigkeit gegenüber den utopischen sozialdemiurgischen Planzielen des politischen Kopfwäsche-, Umerziehungs- und Gleichschaltungs-Extremismus:  Vielleicht solltet ihr in Erwägung ziehen, das von euch unter größter Bachforellen-Empörung verrissene Werk erst einmal zu lesen – und zwar von der ersten bis zur letzten Seite, wenn’s denn nicht zuviele Umstände macht. Denn entgegen einer derzeit weit verbreiteten Irrmeinung ist es weder „homophob“ noch „frauenfeindlich“, auch betreibt Pirinçci keine „Hetze“ gegen Migranten.

Stattdessen werden weiterhin wie gewohnt kurze Zitate völlig aus dem Zusammenhang gerissen und zusammen mit einigen Tröpfchen künstlich hochgekochten Selberdenkenistmirlatte-Macchiato-Schaums vor dem Mund hingespuckt in der Hoffnung, es wohl hinter einem antirealistischen Schutzwall vor den Blicken potentieller Leser verbergen zu können. Oder etwa nicht? Denn es bestehen durchaus Verdachtsmomente der indirekten Förderung, die sich gewiss nicht verallgemeinern lassen, für deren real existierende Wahrscheinlichkeit sich aber in der Vergangenheit Belege finden lassen. Will sagen: Hat Pirinçci zumindest einigen Journalisten womöglich aus der Seele gesprochen, was sie natürlich nie öffentlich zugeben würden und oft auch gar nicht können, ohne berufliche Sanktionen fürchten zu müssen? Haben manche es vielleicht deshalb so wütend bekeift, damit es möglichst große Verbreitung findet? Undenkbar? Andreas von Bülow erzählte in einem Interview einmal eine diesbezüglich sehr aufschlussreiche Anekdote. Nach der Veröffentlichung seines Buches „Die CIA und der 11. September“ habe ein „Bild“-Redakteur ihm telefonisch mitgeteilt, eine Rezension verfassen zu wollen. Er sei darob etwas konsterniert gewesen und habe den Journalisten gefragt, welchen Sinn das denn hätte, schließlich sei die bündnispolitische Ausrichtung von Springer-Blättern doch hinlänglich bekannt. Die Antwort, so Bülow, habe ihn dann doch überrascht: „Ich überlege, wie ich ihr Buch so geschickt verreißen kann, dass möglichst viele Leute es lesen“. Pardauz!

Wie gesagt, verallgemeinern lässt sich das natürlich nicht. Mag sein, dass es Kollegen gibt, die tatsächlich nach der Devise „Von hinten durch die korrekt verklemmte Brust ins endlich geöffnete Auge“ trojanische Tiraden in Leserköpfe schieben wollen in der Hoffnung, es mögen zu später Stunde, wenn verhetzte Gesinnungsblockwarte ihre ideologisch ausblutenden Magengeschwüre in schicken Szenerestaurants mit Fernet Brancas behandeln, kleine Dissidentenarmeen heraussteigen, die dem grassierenden Irrsinn gesellschaftlicher Amorphisierung, Atrophierung und Anästhisierung (drei Fremdwörter auf einmal, es droht Ernennung zum Chef einer Qualitätszeitung) endlich die Kehle durchschneiden. Ganz ruhig, das mit dem Halsabschneiden war nur ‚ne Metapher – ich „hetze“ keineswegs gegen das geistige Hermaphroditentum, das sich nie für ein klar definiertes denkerisches Geschlecht entscheiden kann und deshalb orientierungslos durch unfruchtbare Wertewüsten stapft. Ich hoffe lediglich, dass es dort möglichst bald verdurstet.

Bei vielen anderen hingegen ist die Empörung echt – erschreckenderweise! Die Wichtigtuerei und Klugscheißerei, das hilflose Gefuchtel mit hyperinflationär gebrauchten, diffamierenden Totschlagvokabeln erinnerte mich an ein weltberühmtes Buch des amerikanischen Schriftstellers William S. Burroughs: „Naked Lunch“. Burroughs geizt darin nicht gerade mit vollmundigen Beschreibungen von allerlei Tätigkeiten des menschlichen Unterleibsbereiches, vorne wie hinten. Handelt es sich deshalb um ein „herabsetzendes, beleidigendes, dumpfes, primitives“ Werk? Ganz im Gegenteil. Burroughs liefert in „Naked Lunch“ nämlich auch einige der originellsten Allegorien, Parabeln und Metaphern über Politik, Machtmathematik und Herrschaftsmechanik der Literaturgeschichte, er schien über hochsensible Antennen dafür zu verfügen. Die Parallelen zu Pirinçci liegen darin, dass Burroughs, wäre er ein zeitgenössischer Schriftsteller, für seinen Roman exakt dieselben Vorwürfe ernten würde: „Naked Lunch“ sei homophob, frauenfeindlich, sexistisch, rassistisch, islamophob, ein unerträgliches Machwerk, das einfach nur wüst um sich boxt, kotzt, wütet, poltert, ätzt und beleidigt. Ist es aber nicht. Ebenso wenig wie „Deutschland von Sinnen“.

Bei anderen wiederum spielt sicher auch der Neid eine Rolle, weshalb sie auch gleich selbstentlarvend darauf hinweisen, es handele sich bei Pirinçci um einen – das kann ja nix Richtiges sein! – „Autodidakten“. Wie kann jemand, der „nur“ einen Hauptschulabschluss hat, es eigentlich wagen, bezüglich gewisser gerne verschwiegener Probleme pointierter, aufschlussreicher, informativer und obendrein auch noch witziger zu schreiben als einhundertfuffzich Elitefedern mit Aufbaustudium Journalistik? Und obendrein auch noch Bücher zu veröffentlichen, die in mehrere Sprachen übersetzt wurden und beim pfuideiwelpopulistischen Volk gut ankamen? Das ist der von schwerem Amts- und Redaktionsstubenstaub bedeckten Abschlusszeugnis-, Befugnis- und Bescheinigungsbesoffenheit natürlich zu nüchtern. Unter regelmäßig überraschten Experten machen die’s nicht.

Ihr Lieben, kommt bitte mal schnell wieder runter. Nix für ungut: Was ich in den letzten paar Wochen in diversen Restzeitungen im Rahmen der „Krim-Krise“ an übelster Meinungsmache, Aufwiegelungsversuchen bis ganz knapp an die Grenze zur Volksverhetzung, Lügen, Geschichtsklitterung, Dummheiten, Stockblindheiten bis hin zu intellektuellem Totalversagen gelesen habe – gerade vor diesem Hintergrund habt ihr nicht das geringste Recht, jetzt die Anstandsdamen zu spielen. Geht mal in Euch!


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