03. April 2014

„Deutschland von Sinnen“ Kaum erschienen, schon vom ZDF bewiesen

Aufdrehen! Aufdrehen! Aufdrehen!

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Kaum erschienen, kletterte Akif Pirincçis neues Buch „Deutschland von Sinnen“ auch schon auf die vordersten Plätze. Wie kaum anders zu erwarten – schon wegen der Themen, die Pirincçi sich vornimmt und seiner Vorliebe für deftige Formulierungen –, jammerte es schnell aus manchen Besprechungen, der Autor wolle sich wohl durch Deutschland „prügeln, boxen und beleidigen“ (Sülzdeutsche). Akif Pirincçi, der Krawallmacher? Ein tumber Prol, der verbal wahllos um sich schlägt und gerne mit Dreck wirft? Tiefste Gosse? Und ist das alles nicht irgendwie dumpf und rechts? Ach, wir sind heute mal milde gestimmt und klauben wieder unser Lieblingswort vom Standstreifen der Sesamstraße: Määäh, populistisch? Mitnichten.

Nach der Lektüre hatte ich eher das Gefühl, dass dieses Buch an einem Ort geschrieben wurde, an  den Matrixbewohner nicht schauen können oder wollen: Im Kellerloch bei einigen Gläsern Bukowski und mit einer Heidenlust am Salzstreuen in offene Wunden. „Akif, der Laubbläser“ würde mir schon besser gefallen: Er pustet die vom Glauben an Seriosität abgefallenen Blätter, die sich über Jahre sachte auf diversen Problemen häuften, mit frechem Grinsen fort und zeigt die fauligen Tümpel darunter, egal ob‘s um Integrationsprobleme mancher zugewanderten Kulturschätze geht, die eine Bereicherung für das Arbeitspensum von Notärzten auf Intensivstationen sind, oder um Feminismus (das ist diese Ideologie, die endlich mit dem unerträglichen Missstand aufräumen will, dass 95 Prozent der deutschen Frauen in Pappkartons auf der Straße hausen müssen), kümmert sich um den fortgeschrittenen Schwachsinn des Vonallenseiten- und Inallelöcherkultes, findet deutliche Worte für die Sexualtaliban vom Toleranzkundus und so weiter und so fort.

Warum aber flegelt Pirincçi nun sprachlich so gerne? Ist das nur Selbstzweck? Spekuliert er einfach nur auf den „Roche-Effekt“, also darauf, mit pubertärer Pimmel- und Mösenmeierei oder sehr detaillierter Beschreibungen von Gerüchen und Gelüsten, Körperöffnungen und -säften in U-Bahnen zusammengetretene Komapatienten oder bedrohnte jemenitische Kinder darüber aufzuklären, dass die Realität mitunter schlüpfrig sein kann? Doch nicht ernsthaft, oder? Nein, eigentlich nicht.

Ich glaube eher, dass Pirincçi die feuilletonistisch frisierte, seifig-glitschige Klassensprecherrhetorik, das oberseminaristische Heititei-, Hyperkorrektheits-, Gouvernanten- und Gluckengewäsch mit picobello zusammengerollter Wochenzeitung in der Armbeuge, den blasierten Besserwissertonfall, der Espressos im Einstein mit Erkenntnis verwechselt, das ganze ranzige Selbstbespiegelungs-Ejakulat  von Politik und ihren Presstituierten gründlich satt hatte und das oftmals krasse Missverhältnis zwischen Form und Inhalt durch Verkehrung ins zwar äußerlich Grobe, dafür aber inhaltlich Pointierte bloßzulegen versuchte. Während er sich einer mitunter sehr derben Genital- und Fäkalsprache bedient, in seinen gesellschaftlichen und politischen Zustandsbeschreibungen und Analysen bestehender Probleme aber meistens zielsicher ins Mark trifft, ist es in der leidmedialen Schönschreiberei oft genau umgekehrt: Dort parfümiert man gerne Denkdung mit akadämelnder Philologisterei und lässt im journaluftigen Wellness-Warmwortgebläse prosawettbewerblich vorbildlich geknüpfte Wortgirlanden um die Probleme sanft herumwehen (dazu im Hintergrund Fahrstuhljazz wie aus einer Werbung für Pickelcreme), statt sie sprachlich zu sezieren. Man kann dort ganz nett sprechen und schreiben, jaja. Es besteht also dringender Preisverdacht. Man differenziert und differenziert, übersieht dabei allerdings, dass allzu viel Differenzierung nicht unbedingt zu inhaltlicher Verdichtung, sondern auch Zerfaserung bis zur Unkenntlichkeit führen kann.

Aber was nützen Lesern und Zusehern bildungstouristische Kaffeedampfer-Rundfahrten durch die Lehrpläne literaturwissenschaftlicher, philosophischer, politologischer und sozialwissenschaftlicher Fakultäten, wenn es bei schwindelnden Karusselfahrten ums Wesentliche bleibt? Was haben Leser davon, wenn ein Redakteur ihnen in jeder Zeile mitteilt: „Schaunse ma, ich hab' studiert!“, aber nie zur Sache kommt? Das mag alles einen gewissen literarischen Reiz und Wert haben, man kann's mal lesen und an vielen Stellen schmunzeln, aber man löst Probleme ja nicht dadurch, sie mit Blümchen zu behängen. Pirincçisch ausgedrückt: Drauf geschissen. Nehmt mal das Hirn aus der Pralinenschachtel, ihr Traumschiff-Kulissenbauer, die Welt ist umstrittener, als ihr ständig  schreibt. Hört doch mal auf mit der diskursiven Verrosamundepilcherung von allem und jedem und redet wieder Klartext mit den Leuten! Ich krieg' noch das Kotzen!

Das gilt nicht minder für das politische Robbitobbisprech, dem nan nur immigrationsproblematisch, genderskeptisch oder sonstwie unsowjetisch auf den Bauch zu drücken braucht, schon krächzt es, XY habe auf unerträgliche Weise mit Parteiausschluss-Verfahrensanträgen und Zensurforderungen kunstvoll verziertes politisches Porzellan zerschlagen. Ja, all das scheint Pirincçi, daran lässt er nicht den leisesten Zweifel, überhaupt nicht zu gefallen. Nicht nur ihm, geht man nach dem Verkaufserfolg. Oder nach den Zuschauerreaktionen auf das merkwürdige Verhalten propagandabereiter Großinquisitoren zur Zensurzeit, die sich in Werbespots und auf Plakaten nicht umsonst ein Auge zuhalten. Einäugigkeit ist schließlich in Mode.

Nach seinem Auftritt im ZDF-Mittagsmagazin postete er eine Erklärung dazu, die auf Facebook und anderen Netzwerken schnell die Runde machte. Pirincçi: „Ich wunderte mich, weshalb das Interview so schnell vorüber war, da beugte sich Frau Conrad zu mir und sagte, dass sie währenddessen über den Mann in ihrem Ohr von der Regie ständig die Aufforderung bekam: ‚Abwürgen! Abwürgen! Abwürgen! …‘ Wenn es je eines Beweises bedurft hätte, wie sehr das Staatsfernsehen von diesen grün-rot versifften W... beherrscht wird, hier wäre er!“ Nun gut, das ist ja nicht nur ein rot-grünes Problem. Das ist bei den sozialgrünliberaldemokrakelnden Christendarstellern ganz allgemein so.

Schon für solche Sätze ist mir der Mann äußerst sympathisch: „Natürlich weiß ich, dass die Öffentlich-rechtlichen von der Politik jeden Tag durchgefickt werden wie eine Nutte in ihren besten Jahren.“

Und gleich noch einer:  „Es gibt bei den Öffentlich-rechtlichen also doch die hammerharte, primitive Zensur. Schämt euch! Als dann wohl das ZDF mit Protestmails und ‑anrufen zugeschissen wurde, stellte man das Interview doch wieder in die Mediathek – allerdings um die brisanten Stellen geschnitten (die ungeschnittene Version ist auf Youtube zu sehen). Man könnte sich kaputtlachen, wenn es nicht so traurig, ja auch bedrohlich wäre.“

Natürlich muss einem das sprachlich nicht gefallen, wie es wieder landauf und -unter hieß, ach nee, macht keine Witze: MUSS man etwas nicht mögen? Grandiose Erkenntnis, danke, dass ihr mir erlaubt, etwas nicht mögen zu müssen, darf ich jetzt lachen? Man kann sich an Pirincçis stellenweise wirklich sehr herber Sprache gerne stören, kann ihm aber keineswegs vorwerfen, es gehe ihm nur um gedanken- und rücksichtsloses Poltern. Kaum ist das Buch auf dem Markt, schon wird sein Titel vom ZDF bestätigt. Oh Mann.


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