24. März 2014

Rezension Thilo Sarrazin: Der neue Tugendterror

Die Religion der Gleichheit

Dossierbild

Thilo Sarrazin, Ökonom, Politiker und antiegalitärer Publizist ist nach „Deutschland schafft sich ab“ (2010) und „Europa braucht den Euro nicht“ (2012) mit einem weiteren konsequent „politisch unkorrekten“ Buch hervorgetreten. Diesmal geht es um den Kern dessen, was hinter der umlaufenden Gleichheitsideologie steckt: seine Träger, deren Ideenwelt und politischen Strategien. Er erkennt eine meinungsprägende „Medienklasse“, welcher eine geistig unsichere Politikerklasse fast widerstandslos folgt. Nach dem Ende des Marxismus ist als dessen Residuum ein unbedingter Gleichheitsglaube übrig geblieben und hat überall im Westen einen überraschenden Siegeszug angetreten. Gleichheit wird hier nicht mehr als die liberale Gleichheit und Gleichbehandlung vor dem Gesetz verstanden, sondern als faktische Gleichheit in sozialökonomischer Hinsicht und vor allem in sozialer Geltung: „Ungleiches wird verneint, heruntergespielt oder ins Bedeutungslose verschoben. Für alles Ungleiche sind entweder Ungerechtigkeiten oder äußere Umstände ursächlich, die niemand zu verantworten hat.“ Als Diskriminierung wird hier nicht mehr nur die Ungleichbehandlung durch das Gesetz (im öffentlich-rechtlichen Bereich) verstanden, sondern jede gruppenbezogene Bewertung und Präferenz im Privatleben. Sie wird als „Rassismus“ gebrandmarkt und betrifft alle differenzierende Bewertung von Geschlecht, Alter, Glauben, Kultur, Völkern, sozialer Stellung, auch Schönheit oder Intelligenz. Es wurde durch die Medienklasse – „linke“ Intellektuelle in Presse und Funkmedien – mehr und mehr erfolgreich ein neuer sprachlicher Code aufgerichtet, der alle nichtegalitären Bewertungen brandmarkt und deren Träger sozial zu isolieren sucht. Menschen, die Loyalität zu traditionellen Lebensformen oder zur eigenen Kultur oder Nationalität äußern, geraten in die Defensive ... Die Formel heiße mit St. Just: Freiheit ist Gleichheit und diese ist mit Gerechtigkeit identisch. Und Gerechtigkeit wiederum mit einer unfassbaren Verteilungsgerechtigkeit, die Sarrazin ähnlich wie F.A. von Hayek aufs Korn nimmt. Sarrazin sieht diese Gedanken in einer geistesgeschichtlichen Linie, die mit dem Wohlfahrtsausschuss der Französischen Revolution und seinem „Tugendterror“ beginnt und in den Totalitarismen des 20. Jahrhunderts (vorläufig) endet. Verbunden ist mit dieser Bewegung auch eine Sprachkorrektur – die Elimination vermutet diskriminierender, bis dahin wertfrei gebrauchter Begriffe, der Ansatz zu einer Sprachreinigung selbst in der Literatur: das Programm eines Orwellschen „Neusprechs“. Am Ende steht das Ideal einer Weltgesellschaft der entindividualisierten Gleichen – die „inklusive Gesellschaft“, ohne Differenzen und damit ohne Wettbewerb, in einer spannungslosen Harmonie.

Dies ist der Kernteil des Buches. Im ersten Teil befasst sich der Autor mit der Reaktion der Medien auf seine ersten „unkorrekten“ Bücher, als Beleg für die herrschsüchtige Unduldsamkeit der Egalitären. Im letzten – didaktisch besonders eindrucksvollen – Teil stellt der Autor 14 Axiomen der Gleichheitsbewegung die Wirklichkeit gegenüber.

Dieses Buch von Sarrazin ist ein weiterer präziser und nüchterner liberaler Beitrag zu einer verwirrenden Debatte, die wohl erst am Anfang steht, aber dringend auch von liberaler Seite geführt werden muss. Das Buch ist eine Schatzkammer an klugen Argumenten und Analysen und von erstaunlich intellektuellem Mut.

Thilo Sarrazin: Der neue Tugendterror, 397 Seiten, München (DVA) 2014.

Der vorstehende Artikel erschien zuerst als „Kommentar aus Berlin“ für die Familienunternehmer (ASU).


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Dossier: Literatur

Mehr von Gerd Habermann

Über Gerd Habermann

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige