10. Februar 2014

Eröffnungsfeier in Sotschi Yin und Yang

Wenn Pop-Propaganda auf Kultur und Realität trifft

Haben Sie sich durch all die bedenkenschweren Warnungen in den Wochen zuvor abhalten lassen? Oder haben Sie dennoch das Fernsehen eingeschaltet zur Eröffnungsfeier von Sotschi am Freitag? Was für ein Schauspiel!

Natürlich, es war eine staatliche Veranstaltung. Nicht anders als jede Oper, jedes Theaterstück, jede ARD-Sendung und dank üppiger Förderprogramme auch fast jeder Film in unseren Kinos. Aber es gibt auch unter diesen Voraussetzungen gute und schlechte Inszenierungen.

Der deutsche Fernsehzuschauer hatte am Freitag das Vergnügen, gleich einer Doppel-Präsentation beiwohnen zu dürfen, der russischen Aufführung im Fischt-Stadion und den ZDF-Kommentar daruntergelegt, quasi Yin und Yang.

Was bekam er geboten? Vorneweg die Nationalhymne: Man kennt sie ja sonst nur aus dem Fußballstadion, gegrölt von ein paar tausend Betrunkenen, pantomimisch begleitet von sich mehr oder weniger regenden Gesichtszügen sexuell toleranter deutscher Balltreter. Ein Männerchor aus dem Sretensky-Kloster zeigte hier, dass man selbiges auch mit gänsehautinfizierender Würde und Perfektion a cappella darbieten kann.

Dann die riesigen vorbeirauschenden russischen Landschaften mit echten Kühen und Pferden – wo war PETA, haben die keine Tierschützer im Kaukasus? Im Mittelpunkt von allem ein elfjähriges Mädchen namens Ljubov (russisch für Liebe). Hatte nicht Wladimir Putin im Vorfeld auch alle homosexuellen Gäste herzlich willkommen geheißen, wenn sie doch nur bitte die Kinder in Frieden ließen? Und schließlich der grandios inszenierte musikalische und tänzerische Streifzug durch die russische Geschichte. Zarenzeit – da zelebrierten die Ausnahmekünstler vom Bolschoi-Theater das Leben und Schicksal Einzelner. Dann der Kommunismus – präsentiert als blutrotes maschinelles Räderwerk, mit bedrohlichen Tönen hinterlegt, in dem unkenntliche Massen gebückt und im Laufrad umher rannten. Hier haben Russen ihre Geschichte verstanden, können richtig und falsch, gut und böse scheiden. Im Kontrast dazu der deutsche Kommentar, ein Singsang immer wiederkehrender Nörgelei. Der Höhepunkt hier wie dort: Anna Netrebko – „musste wohl aufgefahren werden, weil die Russen gerade keinen Popstar haben.“

Blöde Russen: Kein Dschungelcamp? Da geriet der Einmarsch der Sportler beinahe zur Nebensache. Fast alle wurden von ihren Staats- oder Regierungschefs empfangen. Angesichts des merkelschen Mangels und der gauckschen Nullstelle wurde das ZDF verlegen: Der Holländer habe „zuhause viel Kritik einstecken müssen“. Der Italiener auch. Die Athleten liefen maßgeschneidert und meist sportlich-dezent gekleidet – am elegantesten, wie konnte es anders sein, die russischen Damen im langen, engen Mantel mit Pelzkragen – in den Nationalfarben drapiert ein. Auch die Deutschen in den Regenbogenfarben. Nur ihre Mützen passten nicht. Es hätten Narrenkappen dazugehört.

Wofür sollte man sich nun mehr fremdschämen? Für die deutschen Oberlehrer auf der Reporterbank? Die kennt man weltweit seit Anke Engelkes Fingerzeig beim Eurovision Song Contest im aserbaidschanischen Baku. Klar, Musik- und Sportveranstaltung werden im Vorfeld auch in anderen westlichen Ländern politpropagandistisch missbraucht. Aber an der Front, live geschaltet und vor aller Augen, sind die Deutschen dann immer die Einzigen, die ohne jede Scham an ihrem Wesen die Welt genesen lassen wollen. Jetzt also im Clownskostüm, der Botschaft wegen. Arme deutsche Sportler, dass sie für diesen Affront benutzt wurden und nun mehr als zwei Wochen lang der warmherzigen russischen Gastfreundschaft ausgesetzt sind.

Wie anders die Japaner und Chinesen, die historisch und geopolitisch eher keine traditionellen Freunde Russlands sind: Jeder von ihnen lief jubelnd mit zwei Fähnchen ins Stadion, dem eigenen und dem russischen. Asiaten wissen, wie man sich als Gast benimmt.

Und die deutschen Journalisten? Die hatten, na klar, in Sotschi erst einmal die örtliche Schwulenbar aufgesucht. „Skandal!“: Man residiert dort „in einer Nebenstraße und hat kein Klingelschild“. Ansonsten fanden sie im Etablissement verblüffend wenig Diskriminierung. Nur die übliche „Homophobie“ auch bei Russlands Schwulen selbst, von denen viele die Jugendschutzgesetze Putins für vollkommen richtig halten. Und die im Übrigen vom Bohai des Westens noch mehr genervt sind als die regenbogendeutschen Leser und Zuschauer zwischen Hitzlsperger-Hype und olympischem Kalten Krieg.

Diesseits der hyperaktiven Lobbyverbände wissen auch viele Homosexuelle hierzulande, dass sie ohnehin nur politisch benutzt werden im internationalen Kräftemessen, das längst wieder begonnen hat, seitdem Putin nach Libyen sagte „Schluss jetzt!“ und in Syrien erstmals dagegenhielt. Das war ungefähr vor drei Jahren, als deutsche Medien plötzlich ihr Herz für russische Schwule entdeckten. „Skandal“ schreien sie seither pausenlos und schelten so penetrant wie arrogant die „kranken“ („homophoben“) Russen, weil deren Kinder nicht mehr unbehelligt die Schönheiten schwuler Pornografie genießen dürfen. Die Gleichorientierten in Saudi-Arabien, vor deren Clubs nicht alleine das Klingelschild fehlt und die, wenn sie erwischt werden, so sehr lebendig nicht davonkommen, haben leider Pech gehabt – ihre Peiniger sind Freunde des Westens.

Und die Moral von derer Geschichte? Das ZDF hatte zunächst nur Ausschnitte aus der Eröffnungsfeier in seine Mediathek eingestellt. Ohne Männerchor. Ohne deutschen Narreneinlauf. Doch es muss Zuschauer gegeben haben, die vom klassischen russischen Kontrastprogramm derart beeindruckt waren, dass der Sender kurzzeitig nachgab und die Eröffnungsfeier am Samstag Mittag in voller Länge einstellte. Heute Morgen ist sie dann wieder verschwunden zugunsten einer knappen neuen Zusammenfassung, die den eigenen hämischen Kommentar etwas retouchiert und – na klar – eine kleine Panne in den Mittelpunkt rückt. Irgendwie sowjetisch, unser Fernsehen.


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