10. Januar 2014

Thomas Hitzlsperger Dayna Morales und die Pointe

„Ich wollte nach ihr keine andere Frau…“

Ein Leser schrieb: „Das Thema Homosexualität wird seit etlichen Jahren zu hoch bewertet, jedes Outing wird auf den Altar gelegt wie eine Opfergabe.“

Erinnern Sie sich an Dayna Morales? Sie war, wenn auch nicht tagelang auf den Titelseiten, sowas wie der kleine Thomas Hitzlsperger vom letzten November. Ihre Geschichte ging durch alle Medien. Als Kellnerin in einem asiatischen Restaurant in Bridgewater im US-Bundesstaat New Jersey wurde ihr, so sagte sie, das Trinkgeld von einer Familie verweigert, nur weil sie lesbisch sei. Zum Beweis kopierte sie einen Kassenbon mit der Notiz des Kunden, in dem „der Lebensstil“ der Kellnerin bemängelt wurde und man ihr deshalb das Trinkgeld strich.

Weltweit war Dayna Morales nun ein Medienstar und auch ganz Deutschland – sogar der Autor dieser Zeilen in einem Videokommentar, siehe unten – empörte sich über die unverschämte Familie. Wobei wir noch die Frage hinzufügten: „Hätten die deutschen Medien auch über die Kellnerin aus Bridgewater berichtet, wenn sie zum Beispiel eine nicht-lesbische Kellnerin wäre, wenn sie zum Beispiel als katholische Kellnerin von einem Kunden beleidigt worden wäre?“

Die Pointe kam zwei Wochen danach, als sich die angesprochene Familie ebenfalls in der Öffentlichkeit meldete – mit dem Originalkassenbon! Sie hatten darauf nichts zum Lebensstil notiert, dafür aber satte 18 Dollar Trinkgeld gegeben. Morales hatte die Kopie des Bons manipuliert. Einige amerikanische Medien fassten daraufhin nach und fanden zahlreiche ehemalige Bekannte und Freunde, die Dayna Morales als ausgewiesene „pathologische Lügnerin“ beschrieben. Unter anderem hatte Morales ihnen vorgegaukelt, sie leide an einem schweren Gehirntumor im Endstadium. Und: Aufgrund ihrer notorischen Lügengeschichten war diese Dayna Morales bereits vor Jahren unehrenhaft aus der US-Marine entlassen worden.

Und die deutschen Medien, die die Kellnerin aus Bridgewater so unpassend wie unkritisch als Moralapostel gepriesen hatten? Null Kommentar. Sie verschwiegen im Stile sowjetischer Nachrichtenagenturen die peinliche Pointe.

Wie sagte doch unser britischer Freund und Autor Theodore Dalrymple alias Anthony Daniels: „Politische Korrektheit ist kommunistische Propaganda im Kleinen.“ Dalrymple fand bei seinen Studien der kommunistischen Gesellschaften heraus, dass es nicht das Ziel kommunistischer Propaganda war, zu überzeugen. Ziel war es vielmehr, zu demütigen. Deshalb galt, so Dalrymple: „Je weniger die Propaganda mit der Realität übereinstimmte, desto besser.“

Was das alles mit Thomas Hitzlspergers „Outing“ zu tun hat? Hitzlsperger Antrieb war vermutlich nicht der billige Applaus und sicher ist er kein pathologischer Lügner. Seine Kritik an Häme und Hass gegenüber Homosexuellen ist sogar – im Gegensatz zum überzogenen „Outing“-Hype und der Politisierung des Intimen in den Medien – aller Ehren wert. Und doch könnte es auch bei seiner Geschichte noch eine Pointe geben, von der wir dann allerdings kaum etwas erfahren werden.

Der erst 31-Jährige Thomas Hitzlsperger lebte acht Jahre mit seiner Geliebten Inga Totzauer zusammen. Am 7. Juli 2007 wollte das Paar schließlich heiraten, die Hochzeit am Starnberger See war fest geplant. Dann die plötzliche Trennung. Hitzlsperger heute: „Sie blieb die einzige Frau für mich. Ich wollte nach ihr keine andere.“ Und: „Erst in den letzten Jahren dämmerte mir, dass ich lieber mit einem Mann zusammenleben möchte.“

Ob auch diese Story noch eine Wendung bekommt? Was, wenn der schwule Vorzeige-Fußballer dann nicht nur gar kein Fußballer mehr wäre?

Internet

efTV Übergeschnappt: Umerziehung mittels Boulevard-Nachrichten (Das Beispiel Dayna Morales)


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