07. Januar 2014

Von wegen humanitäre Hilfe Worum geht es im Sudan wirklich?

Regionaler Konflikt mit Fernheizung und Schachbrettmuster

Da es ja ein wenig spannend bleiben soll, werde ich nicht schon zu Beginn verraten, welche Motive tatsächlich hinter dem „jüngsten“, in Wahrheit mehr als ein Jahrzehnt zurückreichenden Konflikt im Südsudan stecken. Der – so viel sei jetzt schon verraten – auch hier mal wieder fernbeheizte Bürgerkrieg dreht sich nämlich nicht nur um mehr Freimenschendemokratur und humanitäre Hilfe für die Opfer einer blutigen Auseinandersetzung, sondern vor allem um afrikanische Rohstoffe, die den Ressourcenhunger und Energiedurst großer Industrienationen stillen sollen, in diesem Fall denjenigen Chinas und der USA. Es ist also im Wesentlichen eine Auseinandersetzung zwischen zwei „Großmächten“. Das übliche Gesülze von einem naturbelassenen Krieg, in den God's Own Empire aus philanthropischen Gründen nun eingreifen müsse, kann man wie immer gleich dem Altpapier anvertrauen und den Wegseher zum Sperrmüll stellen.

Zunächst sei ins Jahr 2007 zurückgespult, in dem die chinesische Führung ein Treffen zwischen einigen ihrer ranghöchsten Vertreter und den Staatschefs von 43 afrikanischen Ländern organisierte (darunter zum Beispiel Algerien, Mali, die Zentralafrikanische Republik und Südafrika) – eine Konferenz, auf der über eine engere wirtschaftliche Kooperation zwischen China und den konferierenden Ländern diskutiert wurde. In Washington zog man darob natürlich beide Augenbrauen hoch: Wie jetzt? Versuchen die etwa, uns das Wasser abzugraben? Schließlich haben auch wir Pläne für die weitere Entwicklung des Kontinents; die dort lagernden Ressourcen könnten wir eigentlich auch ganz gut gebrauchen. Zu diesem Zeitpunkt bezog China bereits circa 30 Prozent seiner Mmhm-Importe aus Afrika. Jetzt müssen wir uns aber sputen, muss George W. Bush wohl gedacht haben, als er bald darauf, nämlich 2008, das AFRICOM gründete (African Command, mit Sitz in Stuttgart), eine zentrale Koordinierungsstelle für Aktivitäten der US-Streitkräfte in Afrika.

Klick, sssst. Einige Jahre zuvor, 2004. Der damalige US-Außenminister Colin Powell spricht von „Genozid“ in der Region Darfur im Südsudan, schweren Verbrechen wider die Menschlichkeit, die man aus humanitären Gründen unbedingt beenden müsse. Unterstützt von Hollywood-Größen wie Cary Grant 2.0 (George Clooney) und Konsorten wurde die geneigte Weltöffentlichkeit über die dringende Notwendigkeit amerikanischen Eingreifens im Sudan aufgeklärt, schließlich habe man eine Verantwortung zur Sicherung des Friedens in der Welt! Was man dabei verschwieg, sowohl seitens der US-Politik als auch der Vermassungsmedien und worüber auch Cary Grant, Jr. kein Wort verlor (vielleicht aus Unkenntnis, in Hollywood gab‘s bekanntlich schon immer viele nützliche Idioten, die auch noch den dicksten Lügen bereitwillig ein Colgate-Lächeln verpassten und mimischen Nachdruck verliehen): Bemerkenswerterweise gab die sudanesische Regierung in Khartoum ganz kurz vor Powells und Grants hochmoralischem Wachrüttel-Boogie bekannt, in der Region Darfur seien nicht unbeträchtliche Mengen an Mmhm entdeckt worden – in Zusammenarbeit mit chinesischen Mmhm-Konzernen, konkreter dem staatlichen chinesischen Mmhm-Konzern CNPC (Chinese National Putin Company). Bereits 1999 investierte dieser Konzern stattliche Geldsummen in die Entwicklung der Region, circa fünf Milliarden Dollar. Bis heute hat China schätzungsweise 15 Milliarden Dollar insgesamt in den Sudan gesteckt. Gebaut wurde eine Mmhm-Pipeline, die das – okay, Schluss mit dem Quatsch – ERDÖL aus dem südlichen Sudan zu einem neu gebauten Hafen („Port Sudan“) an der Küste des Roten Meeres transportierte, wo es die dicken Bäuche von Supertankern füllte und Richtung China geschippert wurde. Ach ja, und „CNPC“ steht natürlich nicht für „Chinese National Putin“, sondern „Chinese National Petroleum Company“. Ich bitte für die medienfreudsche Fehlleistung um Entschuldigung.

Außerdem verschwieg man dabei ein weiteres pikantes Detail: Ein gewisser Herr John Garang (verstorben im Juli 2005), Führer der SPLA (Sudan People's Liberation Army), genoss seine militärische Spezialausbildung wo? An der berüchtigten „School of the Americas“ in Fort Benning, Georgia, einer Ausbildungsstätte für „US Special Forces“, konkreter: Aufmischer, Gewalttäter, Putschisten, Agents Provocateurs, „Death Squads“ (Todesschwadronen) und ähnliche Charmbolzen.

Zur Erinnerung: Auch ein gewisser Captain Amadou Haya Sanogo, der freundliche Beihilfeleister in Mali, wurde in den USA militärisch gedrillt, worüber unter anderem die „New York Times“ berichtete. Und nun erinnere man sich außerdem daran – siehe oben –, dass auch Mali auf der Liste der von China umworbenen Länder für wirtschaftliche Zusammenarbeit stand.

Augenblick mal. Peking wurde schon in den 90er Jahren in Afrika aktiv? Aber das war ja noch vor der ärgerlicherweise an die Öffentlichkeit gelangten Liste des Pentagon, derzufolge nicht nur Länder des Mittleren Ostens, sondern auch einige afrikanische wie zum Beispiel der Sudan unter Kontrolle gebracht werden sollten. Das ist ja interessant. Na dann wollen wir doch mal sehen, wie lange es dauert, bis auch im Sudan die liebe al-CIAda auftaucht. Ach, die war schon da? Nee echt jetzt. Das „The Long War Journal“, ein stramm bellizistisch ausgerichtetes PR-Organ und laut eigener Aussage „A Project of the Foundation for Defense of Democracies“ („Ein Projekt der Stiftung für die Verteidigung von Demokratien“) in einem Artikel vom 3. Juli 2013, Schlagzeile: „US adds Sudanese al Qaeda operative involved in murder of diplomats to list of terrorists“ („Die USA setzen einen in die Ermordung von Diplomaten verwickelten sudanesischen Al-Qaida-Agenten auf die Liste der Terroristen“). Mal sehen, was steckt denn hinter der „Foundation for Defense of Democracies“? Aus der Selbstbeschreibung: „FDD is a non-partisan institution focusing on national security and foreign policy. FDD was founded by a group of former U.S. officials and visionary philanthropists shortly after the attacks of September 11, 2001 to help free nations defend themselves” (“FDD ist eine unparteiische Einrichtung mit Fokus auf nationaler Sicherheit und Außenpolitik. FDD wurde von einer Gruppe ehemaliger US-Beamter und philanthropischer Visionäre kurz nach den Angriffen des 11. September 2001 gegründet, um freien Nationen bei der Selbstverteidigung zu helfen.“) Die unüberhörbaren propagandistischen Fanfaren dieser Formulierung wecken erstens Erinnerungen an den „Ritt der Walküren“ und zweitens sogleich große Neugier auf die personellen Hintergründe der munteren Truppe. Also, Klick auf „FDD Team“. Na bitte: „Chairman“, also Vorsitzender der unparteiischen Demokratieschützer, ist ein Herr namens Robert James Woolsey – ehemaliger Direktor der CIA und Mitglied der „Falken-Fraktion“ in der US-Außenpolitik. Darauf ein unparteiisches Lölchen.

Mensch, das ist ja wieder einer dieser irren Zufälle. Da gibt es im Sudan also eine Menge zu holen, und kaum sicherte sich China dort Förderrechte und baute eine Pipeline und mithin seine Präsenz auf dem Kontinent kontinuierlich aus, steckte auch schon ein gesuchter Terrorist im Nikolausstiefel. Bitte vermeiden Sie Verschwörungstheorien!

Dass in der hiesigen freiesten Presse aller Zeiten fast die gesamte Vorgeschichte des Tauziehens um den Sudan in gewohnter Manier – wie schon zuvor bei vielen anderen Konflikten, Kriegen und Krisen – nahezu vollständig unter einer dicken Schicht humanitären Zuckergusses berichtbestattet wird: Geschenkt, so kennt und liebt man sie und wird sie wohl auch 2014 wertschätzen. Ich überlasse es den Kollegen vom Mainstream, ihren enormen Nachholbedarf in Sachen Geschichte der Geopolitik von 1900 bis heute durch eigene Neugier zu decken und vielleicht sogar ihren Bildungs- und Informationsauftrag zu reaktivieren. Die dazu nötigen Informationen sind schon seit langer Zeit frei verfügbar; die Agenda der verantwortlichen geopolitischen Meisterdenker, Populationskontrolleure und „War Hawks“ („Kriegsfalken“) ist beileibe keine Neuigkeit, weshalb ich Leser an dieser Stelle nicht mit ellenlangen Erläuterungen darüber langweilen möchte. Einfach mal selber graben und schnell fündig werden.

Fazit: Es handelt sich im Sudan um einen regionalen Konflikt, der ganz ohne Zutun ausländischer Kräfte entstand und unzählige Menschenleben vor allem unter der Zivilbevölkerung forderte, einen Konflikt, wie man ihn auch in vielen anderen afrikanischen Ländern findet – so weit, so richtig. Tatsache ist aber ebenso, dass auch dieser Krieg wieder einmal von außen manipuliert, „fernbeheizt“ und „nutzbar“ gemacht wurde, um einen Kampf zu führen, der sich leider weniger um aufrichtige Friedensbemühungen dreht, sondern um Energiepolitik und Rohstoffe (neben Öl auch Gold und Uran sowie diverse Metallerze) und damit natürlich vor allem um eines: geopolitische Einflussbereiche. Weshalb es eigentlich auch müßig ist, sich zu fragen, wer nun genau zu welchen eventuell nicht immer ganz koscheren Methoden griff, sei‘s nun Washington oder Peking. Geheimdienste gibt‘s schließlich nicht nur in Amerika, und man sollte sich lieber nicht der Illusion hingeben, die chinesische Führung sei gegen jedwede unlautere Anwandlung, ob nun verdeckt oder irgendwann vielleicht gar offen militärisch, vollständig gefeit.

Es geht im Sudan (nebst anderen afrikanischen, mittelöstlichen und eurasischen beziehungsweise zentralasiatischen Ländern) vorrangig darum, ob sich das leckgeschlagene „amerikanische Jahrhundert“ neben dem heraufdämmernden chinesischen behaupten kann. Das ist das „Leitmotiv“, an dessen Tonalitäten, so steht zu befürchten, sich auch in der nahen Zukunft nicht viel ändern wird. Die 14. Olympischen Machtspiele von Planetotschi sind eröffnet. Demokratie und Menschenrechte, seid doch bitte nicht so naiv.


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