05. Dezember 2013

Peking und Washington Gemeinsam zur dritten Prom Night?

... so wie Großbritannien und Deutschland zur ersten?

Staaten, Reiche und Imperien schenken sich methodologisch bekanntlich nicht das Geringste, wenn es um die Durchsetzung ihrer jeweiligen politischen Ziele geht. Sei es gegenüber den büro- und technokratisch-sozialkybernetisch sowie steuersubmissiv verwalteten, zur leichteren Unterwerfung „sicherheits“-technisch in Dauerangst und allerlei diffusen, nicht selten in elitärzirkelschlüssigen Geheimschaukelstühlen gleich selbst gehäkelten Bedrohungslagen, Krisen- und Kriegs-„Szenarien“ (welch überaus treffender realtheaterwissenschaftlicher Begriff ...) gehaltenen und hofsängermedial denkungsartig gleichgeschalteten Bürgern (was allerdings immer weniger zieht), sei es im größeren geopolitischen und -strategischen Maßstab, also aus Revier- oder Rohstoffstreitigkeiten. Kläff!

Ausgetragen wurde und wird dieses wohl älteste, unkreativste und destruktivste, höchstens seinen eigenen Machtdurst stillende und sich an Hegemonial- und Dominanzgesöffen jedweder staatsphilosophischen, herrschaftslegitimatorischen oder partei-ideologischen Geschmackssorte hemmungslos besaufende Gesellschaftsspiel vorzugsweise auf dem Rücken des sogenannten „einfachen Mannes“, oder wie man heute sagen würde: Rechtspopulisten, bah. Wer die von menschlichem Blut verklebt-verrostete Mechanik dieser uralten, ganz „normalen“ Herrschafts- und Machtpraxis zu durchleuchten versucht, dem wird heuer nicht etwa ein aus freiheitlich-aufklärerischer Sicht höchst gesundes und lobenswertes gouvernementalmedizinisches Heilungsinteresse beschieden, sondern meist nur ein dreikäsehoch-mitleidig mundwinkelzuckendes, altväterliches Lächeln zuteil: arme, krude Spinner. Außerdem haben stark übergewichtete Wichtelmännlein und Gelegenheitsdenker der elaborierten Meinungssteuerung längst klargestellt, dass Machthaber doch nur spielen wollen: Es ist alles eine große „Spieltheorie“! Verantwortung existiert heute überwiegend verschwörungstheoretisch. Wir sind alle nur Opfer automatisch ablaufender weltsystemimmanenter Gesetzlichkeiten. Alles klar. Und jetzt spiel‘ weiter mit deinen Bauklötzchen.

Dieser kleine Vorlauf sollte verdeutlichen, warum man das aktuelle massenlobotomediale Geschrei in Richtung Chinas, das in den Kommentaren der einschlägig bekannten PR-Broschüren der Atlantikbrücke im Zeitungsformat natürlich besonders laut dröhnt und der chinesischen Führung nichts als dämonische Absichten bescheinigt, nicht allzu ernst nehmen sollte. Allerdings nicht, weil die Vorwürfe gegenüber der kommunistischen Regierung in Peking völlig unberechtigt wären, ganz im Gegenteil – sie tritt in zunehmendem Maße mit imperialer Hochnäsigkeit auf, keine Frage. Die jüngsten Rippenstöße  Chinas gegen Großbritannien, es handele sich um eine „verblichene Großmacht“, die heute mehr oder weniger bedeutungslos sei und „nur“ noch „zum Reisen und Studieren“ tauge, erklären sich gewiss nicht nur aus aktuellen geopolitischen Spannungen, sondern lassen sich zweifellos auch auf den gekränkten Imperialstolz des „Reiches der Mitte“ zurückführen, das die Animositäten und Demütigungen der einstigen Weltmacht Großbritannien (Stichwort Opiumkrieg) wohl noch nicht ganz verdaut zu haben scheint. „Früher war ich der Schüler, nun bin ich der Meister!“, scheint es angesichts der trotz aller Probleme von G wie Geisterstädten beziehungsweise I wie Immobilienblasen (allerdings kein rein chinesisches Problem...) bis S wie Schattenbankensystem (dito...) der britischen dennoch weit überlegenen Wirtschaftsmacht Chinas mit einiger revanchistischer Genugtuung aus den Verhöhnungen zu blitzen. 

Sondern vor allem, weil die gewohnt einseitige Darstellung in vielen hiesigen Laberblättchen das hochaggressive und alleine in den letzten zwölf Jahren historisch schwer schuldbeladene Auftreten des „Nachfolgers“ des britischen Empire, der Vereinigten Staaten, natürlich wieder nahezu vollständig übergeht und somit viele wichtige und leider auch sehr gefährliche Aspekte der aktuellen Auseinandersetzung ausblendet, die sich nur vordergründig um eine kleine, unbedeutende  Inselgruppe (Senkaku-Inseln) dreht, sondern selbstverständlich auch mit der wirtschaftlichen Situation der Vereinigten Staaten und ihrem Anspruch als „einziger verbliebener Supermacht“ beziehungsweise weltpolizeilichem Superhengst zu tun hat. Wenig überraschend dürfte sein, dass wieder einmal der falsche Eindruck erweckt werden soll, ein paar Gute reinsten Herzens (Amerika und Japan) „reagierten“ doch nur auf die Drohungen des hochkonzentrierten Bösen (China). Mehr noch: Es zeigen sich dabei – ohne deshalb gleich Teufel an die Wand malen und überdramatisieren zu wollen – einige nicht nur sehr interessante, sondern beängstigende Parallelen zur geschichtlichen Situation vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges zwischen Großbritannien und Deutschland, auf die deshalb im Zeitraffer kurz zurückgeblickt werden soll:

Erstens entwickelte sich Deutschland für den Hegemonialgeschmack des britischen Empire ein bisschen zu schnell. Es sah im rasanten, ja schlicht atemberaubenden industriellen Aufstieg des germanischen Konkurrenten vom Festland seine Vormachtstellung als zu diesem Zeitpunkt (noch) größte Wirtschafts- und Militärmacht des Globus bedroht. Deutsche Handelsflotte sowie Kriegsmarine vermehrten sich in kürzester Zeit wie Karnickel und stellten somit aus britischer Sicht die imperiale Dominanz über die Meere beziehungsweise Seewege zunehmend in Frage. Zweitens klang in den Ohren der britischen Führung der deutsche Schlager „Wir fahr‘n, fahr‘n, fahr‘n mit der Baghdadbahn“ etwas zu fröhlich, hatte man auf der Insel doch ein glasiges Auge auf die riesigen Erdölfelder des Nahen Ostens geworfen, und das aus gutem Grund: Beim „schwarzen Gold“ handelte es sich schließlich um den „Treibstoff der Zukunft“, der – gerade im Bereich der Seefahrt – Handels- und Kriegsschiffen einen viel größeren Aktionsradius und Einflussbereich erlaubte als die zum damaligen Zeitpunkt noch vorherrschenden mit Kohle befeuerten Vehikel. Von der allgemeinen Bedeutung des Öls als Schmiermittel der industriellen Entwicklung mal ganz zu schweigen. Wer es kontrolliert, hält ein gewaltiges Machtinstrument in Händen. Um es etwas abzukürzen: Die Folge waren diplomatische Verwicklungen, geheimdienstliche Nacht- und Nebelaktionen, Intrigen, politische Sabotagen und Täuschungsmanöver vieler beteiligter Parteien, kurz, ein heftiges Hauen und Stechen, das in den Ersten Weltkrieg mündete. Auch wenn man späteren Generationen in Schulbüchern einzutrichtern versuchte, Hauptauslöser sei die Ermordung Franz Ferdinands gewesen – LOL!

Nun vergleiche man die damalige mit der heutigen Situation, sich dessen wohl bewusst, dass beide natürlich nicht völlig deckungsgleich sind, es aber wie gesagt ganz interessante Parallelen gibt: Das amerikanische Imperium ist, darin dem damaligen britischen durchaus vergleichbar, mit einem exorbitanten, katastrophalen Schuldenstand belastet und vom wirtschaftlichen Niedergang bedroht. Es hat sich in den inszenierten Kriegen der letzten Jahre gehörig überdehnt, ist aber, wiederum analog zum britischen Empire zu Beginn des 20. Jahrhunderts, immer noch die dominante Wirtschafts- und Militärmacht des Planeten mit einer Kontrolle über die Ozeane, von denen ein Churchill bestenfalls träumen konnte. Es hat durch diese Kriege – sehr zum Unwillen anderer einflussreicher geopolitischer Spielkameraden – seinen Machtradius, seinen ökonomischen und politischen Einflussbereich höchst aggressiv und mit brutaler Gewalt auszudehnen versucht.

China, dessen ist sich die amerikanische Führung völlig bewusst, ist trotz aller Probleme eine äußerst ernstzunehmende Konkurrenz zur US-Wirtschaftsmacht. Sein rasanter Aufstieg dürfte Washington ebenso viele Kopfschmerzen bereiten wie damals der deutsche London, allerdings sollte man dabei nicht vergessen, dass die US-Eliten an diesem Aufstieg ja nicht ganz „unschuldig“ sind, im Gegenteil: Sie haben ihn durch massive Auslagerungen von Produktionskapazitäten gen Asien selber befördert, man könnte auch sagen: durch eine „De-Industrialisierung“ Amerikas zugunsten Chinas. Zweitens kommen auch die fortgesetzten Bemühungen Pekings, den vor sich hin modernden Ponzidollar loszuwerden, der schon seit  Jahren nur noch mittels Lug und Betrug, List und Tücke, kräftigen Zins- beziehungsweise Währungsmanipulationen sowie wirtschaftspolitischen Drohgebärden und Erpressungsversuchen internationalen Maßstabs und militärischer „Hau-den-Lukas“-Taktik am Leben erhalten wird, bei der US-Hochfinanz gar nicht gut an. Drittens, und damit dürfte China aus amerikanischer Perspektive den Weißkopfadler wohl abgeschossen haben, sorgte Peking unlängst durch seinen internationales Aufsehen erregenden Wunsch nach einer „De-Amerikanisierung der Welt“ für hochrote Köpfe.

Eine andere Interpretation des Geschehens, die selbstverständlich nur von kruden Theoretikern vertreten wird, denen man keinesfalls zuhören sollte, spricht hingegen von einer ganz gezielten Strategie der Eliten, die im Bewusstsein des unhaltbaren weltwirtschaftlichen Finanz-Tohuwabohus einer Konfrontation, womöglich gar einem militärischen Schlagabtausch, überhaupt nicht abgeneigt wären – Krieg ist bekanntlich ein „probates“ Mittel, um hinter einer dichten Nebelwand aus Pulverdampf eine Neuordnung vornehmen beziehungsweise sich drückender „Altlasten“ entledigen zu können. Dieser völlig absurde Gedanke sei hiermit nur der Vollständigkeit halber sowie aus Mitleid mit geistig Verwirrten erwähnt.

Um den Sarkasmus einmal besonders dick aufzutragen: Wundern Sie sich also bitte nicht, sollte demnächst ein chinesischer Attentäter den japanischen Ministerpräsidenten meucheln oder eine Rakete aus chinesischer Herstellung, abgeschossen von Nordkorea, versehentlich in Südkorea (mit den USA als Verbündetem) oder Tokio einschlagen. Als guter Partner müsste Amerika dann – aber hallo! – ganz entschlossen auf diesen unverschämten, barbarischen Akt reagieren und dem befreundeten Japan, dem wegen seiner vorbildlichen Haushaltspolitik regelmäßig keynesianische Glückwunschtelegramme ins Haus flattern, zur Hilfe eilen. Oder vielleicht entscheidet sich der Iran, der von einem dicht geflochtenen Gürtel US-geführter Militärbasen umgeben ist, aus politischen Suizidgedanken dazu, mittels einer nuklearen Kofferbombe das „Hollywood“-Zeichen einzureißen. In welcher nationalen Konstellation und ausgelöst durch welche echten oder falsch beflaggten Ereignisse auch immer – et voilà, die dritte Prom-Night wäre damit vielleicht eröffnet.

Eine Party, zu der sich zweifellos auch Russland irgendwann gesellen wird – oder nimmt der Kreml derzeit etwa nur aus Jux und Dollerei oder weil er nicht weiß, wo er das ganze Geld bunkern soll, eine Modernisierung und Aufstockung seiner Streitkräfte vor dem Hintergrund des selbstverfreilich nur aus Sicherheitsinteressen an Russlands Grenzen aufgespannten „Abwehrschildes“ der NATO vor? Was die EU betrifft, nunja, die ist militärisch gesehen ja eher ein Papiertiger mit Zähnen aus Radiergummi.  Auch sie aber könnte die eine oder andere kurzweilige Zerstreuung sicher gut gebrauchen, schlagen viele südeuropäische und mittlerweile auch französische Bürger doch immer heftiger mit dem Kopf vor die Wände der Euro-Gummizelle. Kurz, wir haben es heute – man möchte seufzen: schon wieder? – mit einem brodelnden Cocktail aus geopolitischer Geilheit, ökonomischem Ohrensausen und militärisch masturbierendem Gorilla-Brustschlagen zu tun, und das natürlich nicht nur auf amerikanischer Seite. Eine Mischung, die der Menschheit im letzten Jahrhundert mehr als einmal einen kräftigen Kater am Morgen danach bescherte.

Aber meckern gilt nicht! Hat man diejenigen, die das alles – sollte es tatsächlich so weit kommen – an Leib und Seele werden ausbaden müssen, doch vorsorglich schon mal dahingehend erzogen, sich bitte nicht zu wundern, sollten ihre verdienten Volksführer sie wegen populistischer Niedertracht übers Knie legen oder noch etwas stärker überwachen müssen. Oder ihren Kindern Schönheits-OPs verbieten. Der gemeine Mann von der Straße braucht halt eine große Krise, damit er endlich kapiert, dass man ihn doch nur ins stramm durchregierte Paradies zu führen gedenkt. Ob im bösen Osten oder heroischen Westen.


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