12. November 2013

DDR Endlich ein Grabstein für Charly

Ein Dank an alle Spender

Gerhard „Charly“ Rau wurde mit sechzehn Jahren das erste Mal verhaftet, als er am 7. Oktober 1969, am Tag des 20. Republikgeburtstags der DDR, wie hunderte andere Jugendliche ein Konzert miterleben wollte, das die „Rolling Stones“ auf dem Dach des Axel-Springer-Hochhauses, damals direkt an der Mauer gelegen, miterleben wollte. Ein RIAS-Moderator der beliebten Jugendsendung „Treffpunkt“ hatte beim Auflegen eines Stones-Titels gescherzt, dass es doch toll wäre, wenn die Stones am Jahrestag der DDR auf dem Springer-Hochhaus ein Konzert geben würden.

Obwohl auf Veranlassung des leitenden Redakteurs noch während der Sendung mehrmals darauf hingewiesen wurde, dass es sich um einen Scherz gehandelt habe, war das Gerücht nicht mehr zu stoppen. Jugendliche aus der ganzen Republik machten sich auf nach Berlin. Sie wurden aus den Zügen und aus den S-, und U-Bahnen geholt von bewaffneten Organen, die in der ganzen DDR mobilisiert worden waren.

Wer nach Mitte durchkam, wurde in die Baugruben der künftigen Hochhäuser der Leipziger Straße getrieben. Oberschüler und Studenten wurden relegiert. Charly, der sich bei seiner Festnahme gewehrt hatte, bekam seine erste Gefängnisstrafe, die ihm später als „Wiederholungstäter“ siebzehn Jahre DDR-Knast einbrachte, darunter viele Jahre Einzelhaft, zum Teil in Kellerzellen.

Nachdem er 1987 in den Westen entlassen worden war, begann Charly, sich als Sozialarbeiter um Gefangene zu kümmern. Bald nach dem Mauerfall gehörte er zu den ehemaligen politischen Häftlingen, die sich bemühten, aus der Zentralen Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit eine Gedenkstätte zu machen. Mit Erfolg. Heute hat die Gedenkstätte über 340.000 Besucher jährlich.

Charly machte dort Führungen, bis es ihm sein Gesundheitszustand nicht mehr erlaubte. In den letzten Lebensjahren musste er immer wieder klinisch behandelt und operiert werden. Unter anderem hatte sich eine gebrochene Rippe in seine Lunge gebohrt und war dort eingewachsen. Er litt unter unerträglichen, zum Schluss nur noch mit Morphium zu dämpfenden Schmerzen, die er tapfer ertrug, weil jeder neue Lebenstag ein Triumph über seine Peiniger war.

Sein Wunsch, sechzig zu werden, hat sich nicht erfüllt. Er starb mit 59 Jahren in Berlin. Seine Witwe hatte mit ihrer schmalen Rente kein Geld für einen ordentlichen Grabstein.

Dank vieler Spenden, vor allem von Lesern und Referenten der Gedenkstätte Hohenschönhausen, hat Charly nun ein würdiges Grab.

Ich danke hiermit noch einmal allen Spendern ganz herzlich!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der Achse des Guten.


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