07. November 2013

Freiheit Albert Camus und die Liebe zur Wahrheit

Heute wäre der Literatur-Nobelpreisträger 100 Jahre alt geworden

Ich hätte nie gedacht, es könne atheistische Heilige geben. Doch heute ist mir klar: Albert Camus, der sich zum Atheismus bekannte, ist einer. Wobei ich meine Zweifel habe, ob Camus wirklich ein guter Atheist war. In seinem autobiografischen Torso „Le premier homme“ (Der erste Mensch) berichtet Camus, die Rumpf-Familie, in der er in Belcourt, einem Armenviertel von Algier aufwuchs, sei so bitterarm und ungebildet gewesen, dass die ums nackte Überleben kämpfenden Angehörigen einfach nicht den Kopf frei hatten für Religiöses. Bücher gab es keine im Haus und das Kulturleben der Familie beschränkte sich auf gelegentliche Kinobesuche. Der Sohn eines im Oktober 1914 in der Somme-Schlacht in Nordfrankreich gefallenen armen Algerienfranzosen und einer Analphabetin spanischer Herkunft wurde immerhin ordnungsgemäß katholisch getauft, paukte später mechanisch den Katechismus und empfing die Erstkommunion aufgrund einer Sondergenehmigung sogar früher als damals üblich. Als Katholik gehe ich jedenfalls davon aus, dass auch nicht ganz freiwillig empfangene Sakramente in einer Persönlichkeit Spuren hinterlassen.

Aber was bringt mich dazu, Camus einen Heiligen zu nennen? Es ist vor allem sein Verhältnis zur Wahrheit. In „Le premier homme“ schildert Camus, wie er es nicht fertig brachte zu lügen, um einen für seine Familie dringend notwendigen Ferienjob zu ergattern. Seine Großmutter musste es für ihn tun. Es war die Frage nach der Wahrheit, worüber sich Albert Camus in den 1950er Jahren mit seinem früheren Freund und Kollegen Jean Paul Sartre heillos zerstritt. Kurz gesagt, hielt Camus am realistischen Wahrheitsbegriff Thomas von Aquins fest, während Jean Paul Sartre die Realität an der Utopie der klassenlosen Gesellschaft maß. Wie heute Angela Merkel kam es ihm mehr darauf an, ob eine Aussage „hilfreich“ war. Die Feindschaft zwischen den beiden Exponenten des Existenzialismus hatte unübersehbar einen klassenkämpferischen Hintergrund: Der dem Elend entwachsene Camus strebte nach Bürgerlichkeit im besten Sinne des Begriffs durch kritische Aneignung der Kultur der Aufklärung, während der dem privilegierten linken Bildungsbürgertum entstammende Sartre und mehr noch dessen Partnerin Simone de Beauvoir vom Virus des Selbsthasses, des Kulturrelativismus und des sozialistischen Nihilismus angesteckt waren. Sartre kritisierte den Nihilismus der Nazis im Namen des nicht weniger nihilistischen internationalen Sozialismus. Camus kritisierte den Nihilismus mit dem Verweis auf die Zehn Gebote und das Naturrecht.

Die existenzialistische Rollkragen-Schickeria verzieh Camus nie seine Fundamentalkritik des Marxismus im 1951 veröffentlichten Essay „L’homme révolté“ (deutsch: Der Mensch in der Revolte). Camus wies dort nach, dass der Marxismus seinem Wesen nach blasphemisch ist. Die Menschen beziehungsweise ihr vermeintlich allmächtiger Staat sollen sich an die Stelle Gottes setzen, indem sie sich neu erschaffen. Der historische Materialismus sei pervertiertes Christentum, weil er die vertikale Perspektive des Himmelreichs durch das horizontale Ziel eines irdischen Paradieses ersetzt. Um Missverständnissen vorzubeugen: Camus argumentierte hier nicht als Katholik, sondern als Nietzscheaner. Sein Festhalten an der ursprünglich griechischen Idee einer unveränderlichen menschlichen Natur brachte ihn jedoch in Konflikt mit allen Konsequenzialisten und Kulturrelativisten. Er habe, gestützt auf Sekundärliteratur, einen abstrakten Humanismus gepredigt, warf ihm kürzlich der Sartre- Anhänger Vincent von Wroblewsky in der Frankfurter Allgemeinen vor.

In Wirklichkeit machte seine sture Ablehnung des Konsequenzialismus, wonach ein „guter“ Zweck die Mittel heiligt, Camus erstaunlich hellsichtig. Er spürte, dass die Ermordung König Ludwigs XVI. durch die Guillotine wie ein Fluch auf Frankreich lastete. Er blieb, im Unterschied zu Sartre, zeitlebens auf Distanz zur algerischen FLN, in der er keine Befreiungsbewegung erkennen konnte. Er nannte ihre Führer „Banditen“. Denn er wusste, dass es ein Land namens Algerien noch gar nicht gab, bevor die ersten französischen Siedler, Gestrandete der Revolution von 1848, im Umkreis von Algier und Annaba Land urbar machten. Camus blieb davon überzeugt, ein freies Algerien könne es nur mit den Algerienfranzosen geben. Er erinnerte daran, dass den Folterungen Eingeborener durch französische Polizisten und Militärs nicht weniger grausame Anschläge „Aufständischer“ auf friedliche Siedler vorausgegangen waren. Schon im 19. Jahrhundert schlitzten sie schwangeren Europäerinnen den Bauch auf und amputierten ihnen die Brüste. Der Niedergang des an Naturressourcen reichen nordafrikanischen Landes seit der von Präsident De Gaulle aus politischen Gründen verordneten Kapitulation der französischen Armee vor dem Terrorismus der FLN hat Camus leider recht gegeben. Aber wer moralisch im Recht ist, macht sich heutzutage nicht unbedingt beliebt...

Für Camus blieb die Freiheit, der „einzige unverderbliche Wert der Geschichte“, an die Existenz der Wahrheit gebunden. Die Wahrheit ist für Camus das Absurde, die Sinnlosigkeit seiner Existenz, der der Mensch nicht entrinnen könne. Doch der Mensch könne sich gegen die Bedingungen seines Daseins auflehnen, seinem Leben selbst einen Sinn geben. So steht es in seinem Essay „Der Mythos des Sisyphos“ (1942). Das ist sicher keine christliche Botschaft. Aber man kann daraus lernen, dass der Mensch sich zwar nicht selbst schaffen kann, wie die Marxisten glauben; sich aber sehr wohl frei entscheiden kann, kein Unmensch zu sein, indem er sich für die Freiheit und die Liebe in Wahrheit engagiert. 

Internet:

Michel Onfray: Im Namen der Freiheit: Leben und Philosophie des Albert Camus

Iris Radisch: Camus: Das Ideal der Einfachheit, Eine Biografie

Albert Camus: Der Mythos des Sisyphos

Albert Camus: Der Mensch in der Revolte

Albert Camus: Der erste Mensch

Sartre contra Camus: Er bewunderte ihn - und wollte ihn verletzen


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