05. November 2013

Historiker Wolffsohn „Mehrheit der Deutschen“ und Osama bin Laden Brüder im Geiste

Wie man sich als Akademiker um Kopf und Kragen schreibt

Von Historikern sollte man eigentlich annehmen können, dass sie im Rahmen ihrer Ausbildung ihr Handwerkszeug halbwegs ordentlich erlernt haben. Wer sich den Anspruch gibt, Geschichtswissenschaftler zu sein, also in seiner Arbeit akademischen Maßstäben zu genügen, sollte diese auch beherzigen, statt sie aufs Gröbste zu missachten. Erste Pflicht eines Historikers, erst recht eines promovierten, sollte daher sein, sich in seinen Forschungen und Lehren möglichst nicht von subjektiven politischen Präferenzen oder vorgefertigten welt- und geschichtsbildlichen Dogmen, Klischees oder politisch erwünschten Meinungen leiten zu lassen, sondern sie auf den Prüfstand möglichst aller verfügbaren Informationen zu einem Forschungsgegenstand zu stellen, statt diese seinen Zuhörern einfach zu verschweigen, sie zu ignorieren.

Michael Wolffsohn, der von 1981 bis 2012 an der Universität der Bundeswehr in München Neuere Geschichte lehrte, scheinen die Standards wissenschaftlicher Arbeit nicht zu kümmern. Die Falschbehauptungen und Einzwölftelwahrheiten, die Wolffsohn in seinem Artikel „Amerika misstraut uns zu Recht“ vom 31. Oktober im „Focus“ ausbreitet, bewegen sich auf einem dermaßen tiefen Niveau, dass man sie - gerade vor dem Hintergrund der bis heute aufgelaufenen, schlicht erschlagenden Fülle an Beweismaterial gegen die offizielle Darstellung der „Commission on 9/11“, mit dessen Hilfe sich übrigens jede einzelne von Wolffsohns Behauptungen schlüssig widerlegen lässt - eigentlich getrost ignorieren könnte (erst recht eingedenk seines Status als promovierter Historiker), würde er nicht auch mit einigen ungeheuerlichen Vorwürfen, skandalösen Suggestionen und Vergleichen um sich werfen, die nicht unkommentiert und -korrigiert stehen bleiben dürfen. So geht es einfach nicht. Es kann nicht sein, dass trotz aller Gegenbeweise und selbst zwölf Jahre nach einem der größten Verbrechen der Geschichte, das Grundlage für viele Kriege war, dieses nicht nur immer noch zu großen Teilen unaufgeklärt ist, sondern diese besonders für die Angehörigen der Opfer schmerzliche Unabgeschlossenheit als vermeintlich längst geklärter Fall, ausgemachte Sache und absolute Wahrheit propagiert wird.

Wolffsohn behauptet, das Misstrauen der USA bzw. die Spionageaktivitäten der NSA seien gerade in Deutschland vollauf gerechtfertigt, da Deutschland den Terroristen ein „Hinterland“ geboten habe: „Vielleicht erinnert sich dieser oder jener daran, dass Deutschland Rückzugs-, Ruhe- und Vorbereitungsbasis des internationalen islamistischen Terrors gegen die USA war. War? Vielleicht auch ist? Wer wüsste nicht, dass Dschihadisten aus Deutschland die ‚Heiligen Krieger‘, also islamistischen Terroristen, in Afghanistan oder Syrien verstärken? Jedenfalls war Hamburg logistisches Zentrum für 9/11, den Mega-Terroranschlag gegen das New Yorker World Trade Center und das Pentagon am 11. September 2001.“

Sämtliche dieser Vorwürfe sind teils falsch, teils halbwahr. Zum einen impliziert die Behauptung, Deutschland habe den Terroristen als „Vorbereitungs-“ oder gar „Rückzugsbasis“ gedient, von deutscher Seite sei zu wenig gegen sie unternommen oder ihre Aktivitäten gar stillschweigend hingenommen worden. Dies aber setzt natürlich voraus, die deutschen Nachrichten- und Geheimdienste seien über die Anwesenheit sowie die Pläne der Attentäter des 11. September gut informiert gewesen. Wäre das der Fall gewesen, hätten die entsprechenden Behörden dies ihren amerikanischen Pendants auch umgehend mitgeteilt. Hätten sie es gar nicht gewusst, könnte man ihnen schlimmstenfalls Unwissenheit unterstellen, aber nicht, wie Wolffsohn ja zu suggerieren versucht, kriminelle Beihilfeleistung zu Terrorakten. Was stellen sich Wolffsohn und andere, die wie er argumentieren, eigentlich unter einer praktikablen Alternative vor? Jeden Muslim unter Generalverdacht und Dauerüberwachung zu stellen? Es könnte sich ja um potentielle Terroristen handeln, die im Keller Anschlagspläne ausarbeiten? Übrigens: Von pakistanischer und israelischer Seite (ISI und Mossad) wurde auch mehrfach vor geplanten Terroranschlägen gewarnt. In Washington unter der Bush-Regierung hat man sämtliche dieser Hinweise jedoch geflissentlich ignoriert.

Dasselbe gilt für die Warnungen von Mitarbeitern der Bundespolizei FBI, deren Memoranden auf höchster politischer Ebene ebenfalls regelmäßig „übersehen“ wurden. Einen Spezialisten des FBI für islamistischen Terrorismus hat man in seiner Ermittlungsarbeit bezüglich der Verdachtsmomente über einen geplanten, größeren Anschlag sogar aktiv und massiv behindert. Kurz darauf wurde er übrigens versetzt - und zwar ins World Trade Center, wo er bei den Anschlägen starb. Wolffsohns kümmerlicher Versuch, Deutschland mehr oder weniger eine Mitschuld (!) an 9/11 zu geben und Washington mit Ariel zu waschen, ist somit ein kräftiges Eigentor. Mithin wäre in diesem Zusammenhang die völlig berechtigte Frage zu stellen, ob die Anschläge der Neocon-Meute, die genau ein Jahr zuvor, am 11. September 2000, eine Schrift veröffentlichte, in der von einem „zweiten Pearl Harbor“ als möglicherweise notwendigem Katalysator zur leichteren Umsetzung ihrer außen- sowie innenpolitischen Ziele die Rede war, nicht sogar ganz gelegen kam. Es sei auch noch einmal daran erinnert, dass diese Leute in ihrem erschreckend kriegslüsternen und blutrünstigen Pamphlet („Rebuilding America's Defenses“) rassenspezifische Biowaffen als „politisch nützliches Werkzeug“ bezeichneten. Man stelle sich einen deutschen Verteidigungsminister vor, der vor laufender Kamera erklärt, er fände biologische Waffen, die gezielt bestimmte Ethnien angreifen, eigentlich ganz sexy. Schonmal den Namen Dr. Ernst Rüdin gehört? In den USA besetzten diese Berufsverrückten unter beziehungsweise hinter und um Bush die höchsten Ämter der Regierung.

Und wer wüsste nicht - zumindest diejenigen studierten Historiker, die sich nicht nur von Leidmedien desinformieren lassen - dass nicht nur Dschihadisten aus dem voldemoortschen Terrornest Deutschland ihren Kollegen in Afghanistan oder Syrien zur Hilfe eilen, sondern die munteren Recken vor allem in Ausbildungslagern in syrischen Grenzgebieten von Mitarbeitern der CIA und des englischen Auslandsgeheimdienstes MI6 trainiert und mit allerlei Feuerwerk beschenkt wurden und werden. Oder dass amerikanische und deutsche Truppen nicht nur für vorweihnachtlich-friedlichen Glanz in afghanischen Augen sorgen, sondern auch gewährleisten, dass der Opiumhandel floriert, aus dessen Erlösen wiederrum illegale Aktivitäten der CIA wie z.B. Waffenschiebereien, der Aufbau von Terrorzellen in anderen Ländern, Hals- und Kopfabschneidergesindel sowie diverser anderer Liebreiz finanziert wird?

Was den Themenkomplex „9/11“ angeht, so würde es den Rahmen dieses Artikels natürlich sprengen, sämtliche krassen Ungereimtheiten, Lücken, naturwissenschaftlichen Absurditäten, grotesken Theorien über den Tathergang in der offiziellen Regierungserklärung etc. en detail noch einmal aufzurollen. Jeder, der sich dafür interessiert, kann aus einem reichhaltigen Pool verfügbarer Literatur schöpfen oder die Webseiten von Vereinigungen wie z.B. der „Pilots for 9/11 Truth“ oder der „Architects and Engineers for 9/11 Truth“ durchforsten, die keine wüsten Spekulationen bedienen, sondern seriös und mit wissenschaftlicher Methodik an die Sache herangehen. Wer das nicht möchte, wer sich mit den verfügbaren Informationen und Gegenbeweisen nicht beschäftigen, sondern lieber den Lügen der hochkriminellen Regierungen unter Bush und Obama glauben will, die in nunmehr über einer Dekade weit über eine Million Menschen ermordet und am Planeten kräftig herumgekokelt haben, kann das natürlich gerne tun. Oder muss sich eben mit dem feigen Hofdienergespeichel der Leidmedien begnügen. Tatsache ist und bleibt: Ganz gewiss war nicht nur Hamburg das „logistische Zentrum“ für 9/11. Diese Behauptung ist schlicht falsch. Wolffsohn stellt 9/11 als abgeschlossenen, vollständig aufgeklärten Fall dar, an dem es nichts mehr zu deuteln gäbe, obwohl das genaue Gegenteil gilt: Das Datum ist - leider - nach wie vor eine klaffende, schwärende Wunde nicht nur in der „Psyche Amerikas“.

Wolffsohn weiter: „Als Deutschlands Regierungen den USA helfen sollten, haben sie sich gedrückt, was den Beifall der meisten Bundesbürger fand, unseren Beifall: 1980 unter Kanzler Helmut Schmidt bei der Aufstellung einer internationalen Flotte zur Sicherung der Öltransporte durch den Persischen Golf. 1991 im Zweiten Golfkrieg, als die USA mit anderen Partnern den Irak aus dem besetzten Kuwait vertrieben. 2003 im Irak-Krieg. 2011 im Krieg gegen Libyens Diktator Gaddafi. 2013, beim diplomatisch-militärischen Poker um die Chemiewaffen Syriens.“

Wie konnte sich Deutschland nur davor drücken, die US-Regierung in ihrem Kampf gegen Hussein zu unterstützen, der ja überhaupt erst durch US-geheimdienstliche Hilfe an die Macht kam; dem Washington über einen saudischen Mittelsmann signalisierte, er könne ruhig Krieg führen, uns doch egal, solange Du auch weiterhin unseren Interessen in der Region dienst; die Hussein in seinem Krieg mit militärischen Aufklärungsdaten über Positionen und Stärke gegnerischer Truppen aushalf; die ihn sogar mit chemischen Waffen belieferte. Unverschämt, dass eine deutsche Regierung der amerikanischen nicht beizuspringen gedachte, um sie bei ihren Verbrechen wider die Menschlichkeit und ihren inszenierten Kriegen zu unterstützen, die in den allermeisten Fällen ja nur dem Zweck dienen, dem militärisch-industriellen Komplex neues Kanonenfutter hinzustreuen.

Was den Irakkrieg 2003 betrifft, muss man nicht mehr viel Worte machen. Wie war das noch mit den Massenvernichtungswaffen, die man in der Hosentasche des Phantoms der Oper fand? Wie war das mit den Verbindungen des Iraks zur al-CIAda, von denen Bush selbst später sagte, ups, da haben wir uns wohl geirrt, aber wo wir jetzt schonmal dabei sind, können wir das Land auch gleich komplett zu Klump bomben und in ein Chaos stürzen, neben dem sich, bei aller vollauf berechtigten Abneigung gegen einen Despoten wie Hussein, dessen Regentschaft ja fast schon wieder ausnimmt wie ein Liberalenparadies? Dasselbe gilt für den verlogenen Einsatz in Libyen, durch den nicht das geringste „verbessert“ wurde, im Gegenteil. Es geht weiter über die grandiosen Vertuschungen im Umfeld des Vorfalls in Benghasi, über den die Obama-Regierung übrigens schon im Vorfeld bestens informiert war  (unter anderem durch Videoaufnahmen von Drohnen in der Luft), über das Verticken von Luftabwehrraketen an Terroristen in Libyen, die man zu bekämpfen vorgibt bis hin zu den nur noch peinlichen Lügen Ketchup-Kerrys zum Giftgaseinsatz im syrischen Ghouta.

Aber für Michael Wolffsohn handelt es sich dabei um erfolgreiche Operationen: „Erst seit 9/11 herrscht in den USA die (Un-) Sicherheitshysterie. Unbegründet ist sie nicht. Sie bewirkte einerseits erfolgreiche Terrorabwehr, andererseits Panik und Überreaktionen.“

Mit Panik oder Überreaktionen hat das alles leider nichts zu tun. Schon eher mit einer Strategie, die in die Geschichte unter Namen wie „Brzezinski-Doktrin“ sowie „Neue Weltordnung“ Einzug hielt. Hören wir dazu einen der prominentesten Wortführer der „New World Order“, den Kriegsverbrecher Henry Kissinger, aus einem Interview mit dem Sender CNBC von 2009. „'The president-elect is coming into office at a moment when there is upheaval in many parts of the world simultaneously. You have India, Pakistan; you have the jihadist movement. So he can't really say there is one problem, that it's the most important one. But he can give new impetus to American foreign policy partly because the reception of him is so extraordinary around the world. His task will be to develop an overall strategy for America in this period when, really, a new world order can be created. It's a great opportunity, it isn't just a crisis“ („Der designierte Präsident tritt sein Amt zu einem Zeitpunkt an, da es Aufruhr in vielen Teilen der Welt gleichzeitig gibt. Nehmen Sie Indien, Pakistan; nehmen Sie die Dschihadisten-Bewegung. Er kann nicht sagen, es gäbe nur ein Problem und dieses wäre das wichtigste. Aber er kann der amerikanischen Außenpolitik neue Impulse geben, unter anderem deshalb, da er weltweit außerordentlich gut aufgenommen wird. Seine Aufgabe wird sein, eine umfassende Strategie für Amerika in dieser Zeit zu entwickeln, in der eine neue Weltordnung geschaffen werden kann. Es ist eine großartige Gelegenheit, nicht nur irgendeine Krise“).

Was Kissinger dabei natürlich verschweigt: 1. Obama wurde nicht zuletzt dank des Flächenbombardements mit quasireligiöser Heilsbringer-Propaganda und -hysterie der (in den USA im Besitz einer Handvoll Konzerne befindlichen) Massenmedien sowie der etwas voreiligen (aber nicht weniger psychostrategischen) Verleihung des Friedensnobelpreises überschwenglich aufgenommen. 2. Die Krisen, von denen Kissinger spricht, basieren nicht selten auf fleißiger Vorarbeit der eigenen Geostrategie, die bekanntlich am liebsten hinter verschlossenen Türen bequatscht wird. Überaus interessant, dass Kissinger ausgerechnet Pakistan erwähnt, das seit Jahren emsig mit US-Drohnen beharkt wird, um dort neue Fanclubs glühender Pro-Amerikanisten zu gründen. Es geht doch nichts über Krisen aus eigenem Anbau als willkommener, großartiger Gelegenheit, die Welt nach den eigenen Vorstellungen restrukturieren zu können. „You never want a serious crisis to go to waste“, „Man kann eine ernste Krise doch nicht ungenutzt verstreichen lassen“, wie sich Rahm Emanuel ausdrückte, einer der wichtigsten Berater bzw. „Handler“ Obamas.

Das gilt natürlich erst recht für die selbstgebastelten Kriege im Irak, in Afghanistan, Libyen, den von einem in den USA militärisch ausgebildeten Agent Provocateur beheizten Konflikt in Mali, der dort einen demokratisch gewählten Präsidenten wegputschte, während US-Spezialkommandos monatelang nicht näher benannte „Sondermissionen“ durchführten, bis hin zu den unter anderem mit US-Dollars finanzierten Partylöwen in Ägypten und Syrien oder der bereits erwähnten al-CIAda.

Um aber sogleich ein gerne gezeichnetes Zerrbild geradezubiegen: Das alles ist nicht, in diesem Punkt ist Wolffsohn zuzustimmen, die Schuld „Amerikas“ oder „der Amerikaner“. Denn Amerika dient dabei nur als Sprungbrett in die von Kissinger, einer der Schlüsselfiguren dieses Irrsinns, immer wieder gerne bemühte „Neue Weltordnung“ - ganz einfach deshalb, weil es über den schlagkräftigsten und modernsten Militärapparat der Welt verfügt sowie das Finanzzentrum der Weltwirtschaft bildet, dessen schärfste Waffe, die Federal Reserve, ein mächtiges Werkzeug darstellt, mit dem sich große ökonomische Krisen heranzüchten lassen. „Amerika“ ist nur der vorläufige Hauptschaltkreis, ein Transformationsriemen im Motor der „Neuen Weltordnung“, der „charismatische Hauptdarsteller“ in dieser albtraumhaften Seifenoper. Man könnte auch sagen: Es ist der „Weiße Wal“, der dafür sorgen soll, dass wir über gut eingeschliffene Ahab'sche Aggressions- und Verfolgungsreflexe und niederstufige, abgenutzte Reiz-Reaktions-Feindbildschemata (Ich Tarzan, du böse) nicht hinausdenken und möglichst nicht bemerken, dass der Wal aus Animatronik besteht. Krisen und Kriege als Beschäftigungstherapie für die lieben Kleinen, als Hundeknochen, Katzenbäumchen, Circus Maximus für die „dumb animals“, die „dummen Tiere“, wie Kissinger Soldaten einmal nannte, die man wie auf einem Schachbrett hin- und herschieben könne. Ganz falsch liegt er damit leider nicht. Wie kann man sich freiwillig hergeben, wie kann man sich als vernunftbegabter Mensch verheizen  lassen für solche perversen Machtspiele, die eben nicht der „Verteidigung“ dienen.

Wolffsohn hat auch in einem anderen Punkt recht: Die (Un-) Sicherheitshysterie ist durchaus gerechtfertigt. Allerdings sollte sie sich - von seiten des amerikanischen Volkes - nicht gegen mutmaßliche Feinde von außen richten, sondern vorrangig gegen die geistesgestörte Elite daheim, die dem seltsamen Glauben anhängt, der Planet gehöre ihr allein.

Was Wolffsohn als „erfolgreiche“ Terrorabwehr bezeichnet, ließ sich bislang nicht nachweisen. Es wurde lediglich behauptet, man habe soundsoviele „Terroristen“ zum Beispiel mittels Drohnenangriffen, bei denen dank „hochpräziser“ moderner Waffentechnologie auch gleich hunderte Unbeteiligte, Frauen und Kinder, in Afghanistan, im Jemen oder in Pakistan ums Leben kamen, ausschalten können. Nachvollziehbare Beweise dafür wurden dafür aber nicht präsentiert, ganz zu schweigen von den hochproblematischen völkerrechtlichen Aspekten solcher Einsätze. Warum sollte man das alles einfach glauben? Weil ein Colgategebiss mit vorbildlich gebundener Krawatte sich vor den Kameras aufbaut und erklärt, es sei gelungen, Osama bin Laden zu töten? Woraufhin der Hubschrauber desjenigen Seal-Teams, das für seine Ermordung verantwortlich gewesen sein soll, von - natürlich - Terroristen abgeschossen wird? Weil sogar die CIA bereits zugab, es gäbe bis heute eigentlich gar keinen Beweis, dass es tatsächlich Osama war, der beseitigt wurde und aus Gründen der „Pietät“ gegenüber Muslimen - denselben, die man gleichzeitig massenweise bombardiert - umgehend ins Meer gestreuselt wurde? Gut, es gab ein paar Fotos, aber wer wüsste nicht, was heutzutage schon jeder kleine Lümmel von der letzten Schulbank mit Grafikprogrammen so alles anstellen kann. Und wer ist eigentlich „Tim Osman“? Das ist der Künstlername, unter dem Osama, Sohn eines saudischen Milliardärs, der zur Bush-Familie feinste Geschäftsbeziehungen unterhielt, bei der CIA geführt wurde.

Wolffsohn krönt seinen Artikel mit zwei Partyhits, die selbst die feuchteste Mundhöhle im Nu in eine furztrockene Staubwüste verwandeln. Sie verdienen es, an jeder geschichtswissenschaftlichen Fakultät als abschreckendes Beispiel darüber gelehrt zu werden, wie man es lieber nicht machen sollte, möchte man als Fachkraft ernstgenommen werden.

Die Nummer 1: „Die USA, das Land der Freiheit (das 1945 auch West- und 1990 Ostdeutschland Freiheit brachte), handelt jetzt so wie es sich Osama bin Laden und auch die Mehrheit der Deutschen (trotz der Amerika zu verdankenden Freiheit) lange ausmalten, um guten Gewissens 'gegen die USA' zu sein.“

Nun weiß ich nicht, ob Wolffsohn dieser Satz beim Husten versehentlich aus dem Kopf fiel oder er solche bodenlos schäbigen Suggestionen bewusst hinschmiert. Da wird die „Mehrheit der Deutschen“ einfach mit Osama bin Laden, also einem US-hausgemachten, über Jahre hinweg mit Waffen und Dollars versorgten Terrorprinzen, auf eine Stufe gestellt. Waffenbrüder im Geiste, sozusagen. Aber es geht doch immer noch kruder, also gleich im Anschluss die Nummer 2: „Zu Misstrauen, Krach, Krise oder Krieg gehören mindestens zwei. Nie ist einer allein schuld. Deutsche und andere Europäer haben Misstrauen gesät und ernten überzogene Spionage„.

Nie ist einer allein an Kriegen schuld? Darf ich das nochmal wiederholen? Nie? Au weia, Herr Wolffsohn. Das werden die Verfechter der These von Deutschlands Alleinschuld am Ersten und Zweiten Weltkrieg aber gar nicht gerne hören. Erst recht nicht diejenigen, die sich ihrer in den letzten Jahren sehr gerne bedient haben, um den Deutschen mehr Geld für die Eurobankenrettung aus der Nase ziehen zu können. Und das von einem Historiker! Sind Sie etwa ein Revisionist, Aufrechner, Relativierer und Beschöniger?

Deutsche haben Antiamerikanismus gefördert, diese Heils- und Märchenbildzersetzer, weil sie den hinterhältigen, bösartigen Angriffskriegen - manche Älteren vielleicht auch aufgrund einschlägiger Erfahrungen aus der eigenen Geschichte - mit allem Recht der Welt skeptisch gegenüberstehen. Aber es kann eben nicht sein, was nicht sein darf. Wenn hier jemand schuldig ist, dann höchstens China, Putin, Deutsche und andere Europäer. Nicht das „Land der Freiheit“, in dem Angriffe auf die Pressefreiheit zunehmen, in dem  bekannte TV-Gesichter Mitglieder der „9/11 Truth“-Bewegung als potentielle Terroristen und Gefahr für die nationale Sicherheit bezeichnen, in dem man, ist man erstmal als „Bedrohung“ eingestuft, plötzlich verschwinden und in CIA-Geheimgefängnisse rund um den Globus verfrachtet werden kann - ohne jedes ordentliche Verfahren, ohne Umweg über die lästige Rechtsstaatlichkeit.

So schrieb auch Günther Lachmann in einem Artikel auf „Welt Online“ vom 1. November, Putin versuche, im Rahmen der NSA-Affäre einen „Keil zwischen Europa und die USA“ zu treiben. Merkels „Handygate“ sei sein „bislang größter Coup“. Sieht man mal davon ab, dass von einer Springer-Publikation eh nichts anderes zu erwarten ist, da der kritiklos proamerikanische Dauersuff dort  zum täglichen Brot gehört, ist es ja nun keine weltbewegende Erkenntnis, dass der Kreml schon aufgrund der großen wirtschaftlichen Abhängigkeit Russlands von Öl- und Gasexporten selbstverständlich auch Eigeninteressen in Europa verfolgt. Ebenso richtig ist, dass man lieber nicht jedes Wort aus dem Mund des russischen Premiers für einen Ausdruck reinster Friedensliebe halten sollte. In manchen Organen der alternativen Medien wird Putin in der Tat allzu überschwenglich gefeiert und naiverweise zur regelrechten Lichtgestalt verklärt. Ein zweiter Gandhi oder der weltgrößte Altruist ist er gewiss nicht. Trotzdem stellt sich die Frage, gerade vor dem Hintergrund der endlosen Lügenpropaganda, der Täuschungsversuche und langen Reihe an Kriegsverbrechen, ob es Putin überhaupt gelingen kann, einen Keil, den US-Regierungen selber geschnitzt und angespitzt haben, noch tiefer zu treiben.

Und deshalb werden wir jetzt ausspioniert. Selbst schuld. Seit wann haben Vasallen kritisch zu denken?

Link

„Amerika misstraut uns zu Recht“ (Artikel von Michael Wolffsohn im „Focus“) 


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