28. Oktober 2013

Das Große Lauschen Ozeanien gegen Eurasien?

Wie man in den Antennenwald hineinruft, so schallt‘s aus der Datensammlung

Dossierbild

Obwohl Kanzleramtsminister Pofalla die NSA-Affäre eigentlich für beendet erklärt hatte, gibt sie nun doch wieder Rauchzeichen. Hat jemand im Hintergrund etwa weitergekokelt, ohne Pofalla Bescheid zu geben? Das ist ja skandalös, ist es nicht? Und völlig überraschend. Denn Supermächte buttern gerne über Jahrzehnte hinweg aberwitzige Milliardensummen in den Aufbau kafkaesk-orwellscher Infrastrukturen zur Telekommunikationsüberwachung, nur um dann Winkelzahnmolche in sibirischen Sümpfen beim Laichen zu belauschen oder für die Nachwelt festzuhalten, wie sich in einer afghanischen Höhle Hase und Wüstenfuchs gute Nacht sagen. Mein Gott Walter. Natürlich wurde auch kräftig Wirtschaftsspionage betrieben, natürlich schlich man sich in Unterhaltungen europäischer Führungskräfte, denn es ist doch immer gut zu wissen, was man im Ausland so alles plant, welcher Ministerpräsident eventuell antiamerikanischen Umtrieben nahesteht und was ganz allgemein in den politischen und wirtschaftlichen Chefetagen Europas per Handy, iPhone oder Email beschnackt wird. Und was heißt hier „Aber wir sind doch Freunde?“ Gerhard Wisnewski ließ diese dumme Frage in einem vorzüglichen Artikel („Rebellion gegen die USA: Das Rudel riecht die Schwäche“) an einer perfekt pointierten Formulierung genüßlich zerschellen: „Freund und Feind gibt es für die USA schließlich nicht, sondern nur unterworfene Feinde und noch nicht unterworfene Feinde.“

Sollten Kanzlerin Merkel, der französische Premier oder die laut jüngsten Zeitungsberichten 35 (!) beschnupperten europäischen Staatschefs ernsthaft davon ausgegangen sein, man horche höchstens in Gespräche an Taxiständen, 0180-330-330-Ruf!Mich!An!-Gestöhne oder via Mail verschickte Liebesgedichte zwischen Krethi und Plethi hinein, habe an politischen Diskussionen auf höchster Ebene aber keinerlei Interesse, gibt es dafür im Wesentlichen drei Erklärungsmöglichkeiten: erstens tatsächliche Unkenntnis der Vorgänge, zweitens politisches und massenmediales Aufbauschen längst bekannter Praktiken zur Schalldämpfung kulissenbautechnischen Hintergrundlärms (aufmerksame Zuschauer wittern längst die Renovierungspläne der anglo-amerikanischen Hochfinanztheaterdirektion) oder drittens schlicht erschreckende Naivität.

Habe ich da nicht eine vierte Alternative vergessen?

Nein, denn was den sogenannten internationalen Terrorismus betrifft, der zur Erklärung und Rechtfertigung der Dauerlauscherei immer wieder gerne und urkomischerweise bemüht wird: Warum sollte man den abhören? Hat man zu so manchen dieser Terroristengruppen doch eh eine auslandsgeheimdienstliche Standleitung. Dazu braucht es keine NSA. Ein Anruf bei den Kollegen befreundeter Dienste oder von diesen beaufsichtigten Elite-Internaten für Befreiungs-Netiquette in Grenzgebieten noch nicht finanz- und wertesystemisch assimilierter Länder genügt. Die haben schließlich schon die Kontonummern, Bankleitzahlen und Namen von Kontaktpersonen des INFÖDEM (Internationaler Förderverein für Demokratie), der, sollte irgendeine über Jahre liebevoll geschnitzte Königsfigur auf dem Schachbrett geopolitischen Armdrückens umfallen oder ein Staatsmännlein Kaffeeflecken auf Pipelineplänen oder mit glänzenden Augen avisierten Schürf- und Förderrechten hinterlassen, diesem ein Angebot buchstäblich zuschießt, das er nur unter hohen Verlusten der eigenen Zivilbevölkerung ablehnen kann. Wer sich nicht fügt, findet am nächsten Morgen schon mal einen Christenkopf in seinem Bett.

Ernsthaft: Es gibt noch andere Möglichkeiten, über die man sich aber besser nicht auslässt, möchte man nicht an einer Aluminiumvergiftung krepieren. Es hat nunmal keinen Sinn. Lässt man diesbezüglich auch nur einen unbedachten Kommentar fallen, wird man sofort verlanzt. Man könnte zwar schon auf die zahlreichen Warner beziehungsweise Spinner hinweisen, die seit Jahren zu bedenken geben, ganz weit oben auf der Agenda der gut organisierten Globaldemiurgen stehe die Schaffung des 100-prozentig transparenten Bürgers; man könnte die (leider viel zu wenigen und erstaunlicherweise auch nur stiefmütterlich diskutierten) Zeitungsmeldungen vor einigen Wochen hinzuziehen, denen zufolge nicht nur Mails und Telefonate gecheckt und Profile darüber erstellt werden, wo der gemeine Ponzisklave sich im Internet überall herumlümmelt, sondern mittlerweile auch dessen Finanztransaktionen und Kontostände (!) in den Augenwinkel des Pharaos gerutscht sind; man könnte ja zumindest mal in Betracht ziehen, ganz vorsichtig, mehr sag‘ ich ja nich‘, dass all diese Maßnahmen und Vorkehrungen, gerade im Kontext stets leicht doppelpluspositiver weltwirtschaftlicher Konjunkturdaten, merkwürdig koinzidieren mit den bereits angepeilten verschärften Bail-Ins diesseits und jenseits des Atlantiks, also dem rabiaten Abschöpfen von Vermögen, über die das niedere Volk doch tatsächlich noch frei verfügen kann, statt damit freundlicherweise Too-Big-For-Jail-Banken zu verklinkern; man könnte die erstaunliche Harmonie unter politischen Eliten addieren, mit der unlängst auf einem Gipfel technokratischer Dauerbaggerei stolz verkündet wurde, verbliebene Steuerschlupflöcher würden nun aber konsequent geschlossen, die Steuer würde also endlich endgültiger als der Tod; dann das trotz aller gegenteiligen, pofallalösen Basta-Bekundungen der letzten Monate auf EU-Pisa-Ebene, die Krise sei vorbei, erstaunliche Geständnis, die Banken der Euro-Zone könnten vielleicht doch wieder neuen Stoff brauchen, erste Cold-Turkey-Symptome zeigten sich bereits; das Debakel namens Südeuropa; die guten, nun schon über 17 Billionen Schulden Zentralbankerikas; und so weiter und so fort.

Anders gefragt: Warum sollte in einem solchen Umfeld großes Kino sein, was Mutti ihrem Handy anvertraut? Ist es nicht viel interessanter, dass man – nochmal ganz krude gefragt – statt nach solchen Zusammenzuhängen zu weitwinkeln, den Blick lieber auf eher kleine Teilaspekte der Spähaffäre fokussiert? Kommt es vielleicht gar nicht so ungelegen, dass man nun mit geschwellter Brust nach verschärften Datenschutzbestimmungen rufen kann, die man, wer weiß, durchaus dazu verwenden könnte, dem Pflänzchen der Freiheit noch ein paar Blätter abzuschneiden? Erst recht, wo es im Internet doch so viele Terroristen und von der offiziellen Doktrin abweichende Theorien gibt? Klingt die ganze Chose nicht auch ein bisschen nach „Ozeanien gegen Eurasien“?

Ich frag‘ ja nur.


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