22. Oktober 2013

Print gegen Internet Immer mehr Eigentore

Wie man aus einem Kopf- ein Medienproblem macht

Es ist nichts daran auszusetzen, die Vorzüge des klassischen Printjournalismus hervorzuheben, den es auch heute noch gibt, auch wenn er in den letzten Jahren immer seltener zu finden ist. So spricht Reinhard Müller in einem Kommentar auf der „Ersten Seite“ der „FAZ“ („Immer wertvoller“) vom 21. Oktober zur, wie er es nennt, „Unkultur“ des Internet, der er das päpstliche Alleinstellungsmerkmal des Print-Mainstreams als Stellvertreter oberster Qualitätsstandards gegenüberzustellen versucht, einige wenige richtige Punkte an. Blendet aber gleichzeitig noch wichtigere andere Aspekte einfach aus, eine Methode, die in der Branche bekanntlich gang und gäbe ist. Was nicht passt, wird schon nicht mehr passend gemacht, sondern gleich verschwiegen.

Es lohnt sich, einige der in letzter Zeit am häufigsten vorgebrachten Kritikpunkte contra Internet mit dem Verhalten der Ankläger aus den Leidmedien zu vergleichen. Drei Beispiele.

Erstens:

Im Internet bilden sich manchmal unästhetische Phänomene wie zum Beispiel die sogenannten „Shitstorms“, bei denen User sich zu einem „Flashmob“ zusammenschließen, um auf einen Einzelnen, der ihren Unmut aus welchen Gründen auch immer erregte, digital einzudreschen.

In den etablierten Medien bilden sich, wie in den letzten Jahren anhand zahlreicher trauriger Beispiele zu beobachten, in schöner Regelmäßigkeit „Shitstorms“, die – nicht selten sogar politisch erwünscht – auf einen Einzelnen eindreschen, der sich im Kuckucksnest der sogenannten „Normalität“ beziehungsweise dessen, was heute als normal und im Rahmen des Zeitgeistes als konsensfähig gilt und als solches durchgesetzt und möglichst lange perpetuiert werden soll („Normalste Normalität aller Zeiten“), nicht wohlfühlt oder eine Meinung vertritt, die von dieser Normalitätsptolemäik zu stark abweicht. Wer zu „galileisch“ argumentiert, wird, beispielsweise im TV, mitten in einen Scheiter-Haufen ob seiner unlauteren Ansichten höchst erregt gackernder und geifernder Normalos gesetzt, deren Aufgabe es dann ist, ihn auf Normalgröße zurückzustutzen. Oder eben mit aller verfügbaren Printmacht buchstäblich niedergeschrieben. Worin besteht nun der Unterschied? Ich erkenne keinen.

Zweitens:

Im Internet steht auch viel Quatsch. Zu dieser erstaunlichen, bewusstseinssprengenden Erkenntnis kamen Sabine Schwallerberg-Schwatznagel, Peter Pfützdenk-Pfeifengut, Eva Adam-Allerwelt und Horst Pfostengruber nach 36 Semestern Politologiestudium im Rahmen einer zehnjährigen Untersuchung. Fazit der erschreckenden Studie: „Jeder zweite Mensch sagt auch mal was Dummes.“ Wahnsinn. Muss man ja auch erstmal drauf kommen.

In den etablierten Leidmedien wird auch viel Quatsch verbreitet. Zum Beispiel derjenige – ironischerweise übrigens gerade auf der „Ersten Seite“ der „FAZ“ –, sämtliche der seit mehr als einer Dekade geführten Angriffskriege hätten der Verbreitung von Frieden, Freiheit, Demokratie und Menschenrechten sowie der Stabilisierung der internationalen Sicherheit gedient, obwohl das genaue Gegenteil der Fall ist. Die Jury der „Goldenen Himbeere“ denkt bereits darüber nach, den Mainstream für diese Leistung auszuzeichnen („Schlechteste Schmierenkomödie“). Oder, der Euro sei gut für Europa, und jeder, der das nicht glaubt, sei – Dingsda! – ein doofer Populist. Oder, wie unlängst in einem bekannten Wochenmagazin nachzulesen, ein „Euro-Hasser“ und, als wäre diese Formulierung an sich nicht schon belämmert genug, gedanklich in der Nähe von Holocaust-Leugnern zuhause (sic!). Euro-Kritik wird zu „Europa-Skepsis“ (mehr qualitätsjournalistische Begriffsdifferenzierung geht nicht). Oder, Schuldensklaverei sei ganz was Feines. Oder, ein harmloses Kompliment sei Sexismus, der sogleich in genderstalinistisch scharf umzäunte ideologische Umerziehungslager in Artikelform verbracht wird. Oder, ein Privatkredit von einer halben Million Euro sei schlimmer als mehrere Milliarden veruntreuter Steuergelder zur Fütterung heimischer und anglo-amerikanischer Finanzeliten (sogenannte „Euro-Rettung“). Oder .... und und und. Die Liste ist lang. Sehr lang. Man könnte auch sagen, der Vorwurf der Quatschverbreitung ließe sich eins zu eins und mit einiger Verve an die „klassischen“ Medien zurückgeben.

Drittens:

Im Internet gibt es „Filter Bubbles“, „Filterblasen“, meinte vor kurzem Michael Hanfeld in einem Beitrag für das Feuilleton der „FAZ“. Dank ausgeklügelter Algorithmen fänden Netznutzer nur das, wonach sie ohnehin schon immer gesucht hätten, wodurch sich eine Art informationeller Autismus herauszubilden drohe. Man schaue im Netz nicht mehr über den Tellerrand der eigenen Vorstellungswelt hinaus, die Akzeptanz für Informationen, die das eigene Weltbild stören könnten, nähme dadurch ab. Dies könnte sich schädlich auf den Meinungspluralismus auswirken.

Siehe Punkt zwei. Auch bei den Etablierten, die sich durch das Internet natürlich in ihrem Streben nach Besitzstandswahrung der alleinigen Meinungs- und Deutungshoheit gestört fühlen, gibt es „Filterblasen“ oder „Meinungsscheren“, denen alles zum Opfer fällt, was mit erwünschten Ansichten einfach nicht koalieren will. Diese Schere zwischen informationell Arm und Reich geht im Internet nicht mehr auseinander als im Mainstream. Als besonders abschreckendes Negativbeispiel aus der jüngeren Vergangenheit sei die schäbige und skandalöse Berichterstattung zu den Giftgasangriffen in Syrien und ganz allgemein zum Syrienkonflikt angeführt. Wer nicht am Ufer des Potomac residiert, kann nur ein unzivilisierter Barbar, mithin ein Böser sein.

Kurz, es handelt sich hier um eine Fehlwahrnehmung: Da im Internet täglich sehr viel mehr Informationen veröffentlicht werden als in den Printmedien, entsteht leicht der falsche Eindruck, ersteres häufe mehr Nonsens an als letztere, obwohl sich das Verhältnis von wertvollen zu witzlosen Informationen in beiden Bereichen insgesamt die Waage hält. Es gibt jedoch, dies sei zugestanden, oft qualitative Unterschiede bezüglich des Stilistischen beziehungsweise Formalen. Anhand eines kleinen Beispiels sei dies verdeutlicht.

Internet: „Vo gämen wir hinn, wän das kanze Lant von Jeniehs befohnt wehre?“
Klassischer Zeitungsjournalismus: „Wo kämen wir hin, wenn das ganze Land von Genies bewohnt wäre?“

Okay, dieser Punkt geht an‘s Establishment, auch wenn in vielen Fällen zu fragen wäre, ob alleine akademisch verbrämtes Wortgeklingel inhaltliche Substanz und Akkuratesse zu ersetzen vermag. Möglichst in jedem Satz ein Dutzend fachterminologische Bomberangriffe auf Zivilgehirne zu fliegen, macht einen vielleicht zu einem guten Bomberpiloten, aber noch nicht unbedingt zum Intellektuellen. Lügen und Halbwahrheiten, die es im Mainstream ebenso gibt wie im Netz, werden nicht zur Wahrheit, nur weil sie in ersterem rhetorische Boss-Anzüge tragen. Eigentlich einfache Zusammenhänge werden ja nicht dadurch faktisch komplizierter, dass man sie, wie in manchen Zeitungen zwangsneurotisch üblich, in Sätze kleidet, die, würde man sie von verkrachten schriftstellerischen Ambitionen, Oberlehrerattitüde, Selbstverliebt, -gerechtigkeit und -bespiegelung, albernem journalistischem Standesdünkel, scheinelitär-rotznasiger Gouvernantenattitüde, emsig anstudierter syntaktischer Komplexität sowie dreikäsehoher rotweinphilologischer Arroganz befreien, höchstens verdienten, als von innen kommende Bitte um schallendes Gelächter aufgefasst zu werden, auch wenn sie von ganz Großen, ach, göttliches Feuer, den Größten selbst verfasst werden. Jetzt muss ich mich schneuzen.

Müller, die „Vorzüge“ der klassischen Printschere hervorhebend: „Die Zeitungen sind dagegen ein Filter. Kein Beitrag, kein Leserbrief kommt unredigiert ins Blatt. Das ist nicht mit Zensur zu verwechseln. Redigieren bedeutet eigentlich: etwas zurückführen, in Ordnung bringen. Nur Zeitungen ziehen einen Strich unter die Debatte. Sie sind die Schleusenwärter im Informationszeitalter. Nur das Gedruckte kann auch einmal vergriffen sein. Es wird knapper und immer wertvoller.“

Damit hat Müller – allerdings unfreiwillig tragikomisch – das ganze Problem auch schon auf den Punkt gebracht. Hier nochmal der vollständige Text, ungefiltert, dechiffriert und ohne Drei Wörter Taft:

„Die Zeitungen sind heute dagegen ein Filter der herrschenden Kaste. Kein Beitrag kommt ungefiltert ins Blatt, erst recht nicht dann, wenn Kanzler oder Kanzlerin sich über den Inhalt beschwert und auf einer Konferenz im Bundeskanzleramt darum bittet, dem lieben Stimmvieh gewisse Informationen lieber zu verschweigen. Das ist nicht mit Redigieren zu verwechseln. Denn Redigieren heißt eigentlich: etwas nötigenfalls der syntaktischen und orthographischen Ordnung zuführen, falls ansonsten ungenießbar; es bedeutet nicht, unbequeme Informationen ganz nach gusto der bearbeitenden Gottspieler zu unterdrücken und in die vorherrschende politische Ordnung zu bringen. Zeitungen hatten vor dem Internet die Möglichkeit, Schlussstriche unter Debatten zu ziehen, indem Leserbriefe oder Gastbeiträge von politisch unerwünschten Störenfrieden, Unruhestiftern, Abweichlern, Rebellen und Querdenkern ganz einfach nicht veröffentlicht wurden. Sie waren die Schleusenwärter des Zeitwahns, politischer Moden und Trends, der Ticks, Marotten und Herrschaftsambitionen von Spitzenpolitikern beziehungsweise der jeweils regierenden Parteien. Nur das in Zeitungen Gedruckte kann arg verkniffen sein. Der Deutungshoheit des Mainstreams wird die Luft knapper – das macht das Internet so wertvoll.“

Müller weiter: „Man kann es als Ausdruck des Marktes ansehen, also als Resultat von Angebot und Nachfrage, wenn es als geniales Geschäftsmodell gilt, guten Autoren anzubieten, sie dürften ohne Lohn für ein Online-Portal schreiben. Gewiss: Man kann so ein Angebot annehmen oder ablehnen – wenn man es sich leisten kann.“ Hier verschweigt Müller den simplen Umstand, dass so manche guten Autoren sich das Geld für Papier, Tinte, Porto und Verpackung ihrer Bewerbungsschreiben gleich sparen und sehr viel sinnvoller investieren können, sobald sie bestimmte Meinungen vertreten. Man stelle sich vor: Gute, womöglich gar begnadete Autoren, die sachlich, ausgewogen und politisch neutral zum Beispiel über den Euro oder zentralbankerikanische Dauerkriegsführung schreiben und ganz allgemein einen eigenen Kopf, Rückgrat und persönliche Integrität besitzen, bewürben sich bei den Print-Leidmedien. Oder bei ARD und ZDF. Adios, muchachos. Was bleibt vielen hervorragenden Autoren da anderes übrig, als im Internet ihr „eigenes Ding“ zu machen, da bei den Etablierten nicht willkommen und chancenlos?

Man kann dieses Spiel schier endlos treiben und gerne (erfolglos) versuchen, dem einen Medium mehr Glaubwürdigkeit und Qualität zu bescheinigen als dem anderen. Tatsache ist: Gerade die vom Mainstream gegen das Internet erhobenen Vorwürfe erweisen sich ein ums andere Mal als Eigentor. Der Denkfehler besteht darin, die Ursachen in den entsprechenden Medien selber zu suchen – obwohl sie in den Köpfen zu finden sind, ob diese nun hinter einer Zeitung sitzen oder vor einem Monitor. Solange das der Fall ist, gewinnt – niemand.


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