10. September 2013

Wirtschaft verstehen Einkommen nach Murray Rothbard

Warum auch das Irrationale rational ist

Das psychische Einkommen ist ein theoretisches Konzept, das der amerikanische Ökonom Murray Rothbard in seinem Werk „Man, Economy and State“ vorgestellt hat. Rothbard hat damit in Anlehnung an die Theorien Ludwig von Mises’ ein großartiges Analyseinstrument geschaffen. Die klassische Ökonomie war vom Prinzip der Nutzenmaximierung ausgegangen. Ihr wurde daher ein einseitig rationalistisches Menschenbild vorgeworfen. Mit dem sei sie dem Materialismus verhaftet und könne ein altruistisches Verhalten nicht erklären. Rothbards Gleichsetzung von Nutzen mit einem psychischen Einkommen nun löst den oberflächlichen Unterschied zwischen egoistischem und altruistischem Verhalten ebenso auf wie zwischen rationalen und irrationalen Handlungen sowie zwischen Materialismus und Idealismus.

Der Erwerb materieller Güter dient nur der Erzeugung bestimmter Gefühle

Menschen streben nicht danach, Geld, ein großes Haus oder ein schnelles Auto zu besitzen. Sie streben nach den Gefühlen und Empfindungen, die sie sich vom Besitz dieser Güter erwarten. Darum können Menschen auch bereit sein, ihren Besitz einfach zu verschenken, wenn sie sich von einem Leben in Armut – etwa aus religiösen Motiven – Gefühle erwarten, die sie den mit dem vorhergehenden Zustand verbundenen Gefühlen vorziehen. Sprich: Wenn sie sich vom Zustand der Armut ein höheres psychisches Einkommen versprechen als vom Zustand des Reichtums. Geld besitzt insoweit eine große Bedeutung, als dass es den Zugang zu verschiedenen Formen von psychischem Einkommen ermöglicht. Rothbard sieht die Aufgabe der Ökonomie in der formal-logischen Beschreibung des Verhältnisses von Zweck und Mittel. Dabei ist der Zweck die Maximierung des psychischen Einkommens und das Mittel die Handlung zur Erreichung dieses Ziels. Über den Inhalt der Wünsche des Individuums kann der Ökonom keine Aussage treffen – das gehöre in den Bereich der Psychologie.

In „Man, Economy and State“ schreibt Rothbard: „Ökonomie ist keine Wissenschaft, die sich im Wesentlichen mit materiellen Gütern und materieller Wohlfahrt befasst. Sie behandelt im Allgemeinen das Handeln des Menschen, der handelt, um sich bestimmte Wünsche zu erfüllen. Ökonomie befasst sich insbesondere mit dem Prozess des Tausches von Gütern als Mittel für jedes Individuum, die Erfüllung seiner Wünsche zu erreichen.“ Rothbard stellt heraus, „dass das Ziel allen Handelns darin besteht, das psychische Einkommen zu maximieren. Um das zu tun, versucht der Handelnde zu erreichen, dass das psychische Einkommen einer Handlung die psychischen Kosten übersteigt, so dass ein psychischer Gewinn erreicht wird.“ Wer Menschen beobachtet, der weiß, dass ihr Handeln durch das Streben nach einem psychischen Einkommen motiviert ist. Kein psychisches Einkommen – kein Handeln.

Um Menschen zum Handeln zu bewegen, muss man psychisches Einkommen versprechen

Die wichtigste Fähigkeit des Unternehmers bestehe darin, die Wünsche der Konsumenten vorherzusehen. Für ihn wie für alle gilt, dass man einen anderen Menschen nur zu einem Handeln im eigenen Sinne bewegen kann, wenn man in ihm die Erwartung auf ein psychisches Einkommen weckt. Der Eisverkäufer weckt die Erwartung bei seinen potentiellen Käufern, dass ihm der Erwerb einer Eistüte positive sinnliche Eindrücke von Kühle und fruchtigem Geschmack beim Verzehr bescheren wird. So überzeugt der Eisverkäufer den Kunden davon, dass er ihm bereitwillig Geld in Gegenleistung für die Eistüte gibt. Dieses Geld ermöglicht es dem Eisverkäufer, andere Güter und Leistungen zu erwerben, die sein psychisches Einkommen maximieren. Handlungen sind also immer interessengeleitet. Und zwar in dem Sinne, dass Menschen ihr psychisches Einkommen maximieren wollen, worin immer dieses auch bestehen mag.

Es wäre falsch zu glauben, psychisches Einkommen sei gleichzusetzen mit Glück. Auch Gefühle wie Stolz, Selbstmitleid, das Vermeiden eines schlechten Gewissens, das Nachgeben einer inneren Spannung oder kurze sinnliche Eindrücke können ein psychisches Einkommen bescheren. Der klassischen Ökonomie fiel es immer schwer, mit Phänomenen wie etwa dem Opfer des eigenen Lebens umzugehen, weil es schwer fiel, darin für den Handelnden einen Nutzen zu entdecken. Wenn man aber Nutzen nicht nur als materiellen Gewinn, sondern als Maximierung des psychischen Einkommens fasst, dann lässt sich auch eine solche Handlung durchaus dadurch erklären.

Selbstauslöschung kann Selbstverliebtheit sein

Das psychische Einkommen eines Menschen, der sein Leben opfert, kann etwa in der Vorstellung bestehen, dass andere Menschen ihn nach seinem Tod als Helden feiern und für lange Zeit in Erinnerung behalten. Der psychische Gewinn der Erwartung des kommenden Ruhms kann die psychischen Kosten der Todesangst übersteigen – besonders, wenn letztere durch religiöse Vorstellungen eines Lebens nach dem Tod abgemildert ist. Zu allen Zeiten war die Ruhmsucht eine starke psychologische Triebfeder. Gerade ein Akt der Selbstauslöschung kann extreme Ich-Bezogenheit und Selbstverliebtheit offenbaren. Der altruistische Akt ist im Kern nicht weniger egoistisch als jede denkbare menschliche Handlung.

Ob aber ein Wohltäter oder ein Selbstmörder, ein Unternehmer, ein Junkie, eine Frauenrechtlerin oder eine Prostituierte, ein Künstler oder ein Terrorist, ein Müßiggänger oder Workaholic – von dem, was sie tun, erwarten sie alle in ihrer Situation das ihnen größtmögliche psychische Einkommen, andernfalls würden sie es nicht tun. Es gibt keine Handlung ohne die Erwartung auf ein psychisches Einkommen, also ohne eine Motivation, die die Glieder bewegt und den Körper in Bewegung setzt.

Die Handlung eines anderen mag uns noch so unsinnig, unverständlich, irrational, geschmacklos, absurd oder unmoralisch erscheinen, wir kommen nicht umhin zu akzeptieren, dass die Handlung für den Handelnden unter den gegebenen Umständen, mit seinen spezifischen Erfahrungen und Kenntnissen, immer die beste Handlung ist, für die sich der Handelnde entscheiden konnte. Sonst hätte er sich für eine andere Handlung entschieden. Jede Handlung ist damit vollständig logisch und rational.

Warum wir die Handlungen anderer Menschen oft nicht verstehen

Während wir unsere eigenen Handlungen in der Regel als nachvollziehbar und rational empfinden, beurteilen wir die Handlungen anderer oft als dumm und irrational. Das liegt daran, dass wir uns in die Gefühlswelt des anderen nicht hineinversetzen können. Wer sich nicht für Sport begeistern kann, versteht nicht, warum ein Fan um die halbe Welt fliegt, um ein Fußballspiel zu sehen. Wer keine religiösen Gefühle hat, der weiß nicht, warum Menschen den Lebensregeln tausend Jahre alter Bücher folgen. Wer die sexuelle Präferenz eines anderen nicht teilt, der wird nicht nachvollziehen können, wie dieser seine Lust befriedigt. Hinzu kommt, dass wir unsere Entscheidung nicht nur aufgrund unterschiedlicher psychologischer Dispositionen treffen, sondern auch auf der Grundlage einer unterschiedlichen Wissensbasis. Wir haben gemessen an der Gesamtheit aller vorhandenen Informationen nur einen sehr begrenzten Wissensschatz. Der andere kann nicht alles wissen, was wir wissen. Und wir können unmöglich wissen, was er weiß, das wir nicht wissen. Dennoch gehen wir zur Beurteilung seiner Handlung von unserem Wissen aus, das wir als selbstverständlich voraussetzen.

Wir lernen dadurch, die richtigen Fragen zu stellen. Welche Bedürfnisse, Hoffnungen, Sehnsüchte, Phantasien oder Aggressionen liegen den Wünschen eines Menschen zugrunde? Welche Informationen und welches Wissen stehen ihm zur Verfügung? Welche Strategie verfolgt er, um sein psychisches Einkommen zu maximieren? Wie Kooperiert er mit anderen – das heißt, welches psychische Einkommen kann er anderen verschaffen, um sie dazu zu bringen, sich so zu verhalten, dass sie mit ihren Handlungen der Maximierung seines psychischen Einkommens dienen? Welche spontane Ordnung ergibt sich aus der Koordinierung der Handlungen verschiedener Menschen zur Maximierung ihres psychischen Einkommens? Unser erster Impuls ist, andere Menschen für dumm und irrational zu halten und überall nur Chaos und Unordnung zu sehen. Wenn wir aber die Welt verstehen wollen, müssen wir die Rationalität hinter den uns auf den ersten Blick irrational erscheinenden Handlungen suchen.

Information

Diesen Artikel finden Sie gedruckt zusammen mit vielen exklusiv nur dort publizierten Beiträgen in der am 14. September erscheinenden Oktober-Ausgabe eigentümlich frei Nr. 136


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