28. August 2013

Theorie Die Libertären und der „Libertarianism“

Tolerant und wertneutral

Vom Liberalismus zum libertären Anarcho-Kapitalismus

Der Liberalismus ist die Ideologie der Freiheit. Freiheit im Sinne des Liberalismus bedeutet Abwesenheit von Zwang. Freiheit ist das Ziel des Liberalismus, Mittel und Weg des Liberalismus sowie der höchste Wert der Liberalen. Freiheit bedeutet, dass jeder Mensch das Recht hat, sein Leben so zu leben, wie er es wünscht, sofern er dieselbe Freiheit anderer nicht verletzt. Privates Eigentum ist das Mittel, um individuelle Freiheit verwirklichen zu können. Der Staat ist ein zumindest potentieller Feind der Freiheit und eine zumindest potentielle Institution der Unfreiheit. Bis hierhin sind sich alle selbsternannten Liberalen einig. Deshalb vertreten alle Liberalen die Auffassung, dass weniger staatliche Eingriffe besser sind als mehr staatliche Eingriffe in das freiwillige Zusammenleben von Menschen. Zuviel staatliche Eingriffe, ob als ein Zuviel an Gesetzen im Rechtssystem oder als ein Zuviel an Steuerung im Wirtschaftssystem, die Liberalen lehnten und lehnen dies ab.

Es war nur eine Frage der Zeit, bis Liberale es wagten, den Staat überhaupt in Frage zu stellen. Wenn der Staat von allen Liberalen für ein Übel gehalten wurde und wird, ist er denn ein notwendiges Übel? Können oder müssen nicht sogar Liberale das Übel bekämpfen? Wenn der Staat kein notwendiges Übel ist, dann ist er zu überwinden. In den Augen klassischer Liberaler von Adam Smith bis John Locke sind staatliche Eingriffe in das natürliche Wirtschaftsystem des Marktes weitgehend zu begrenzen, damit der Wohlstand der Menschen gedeihen kann. Ebenso sind demnach staatliche Eingriffe in das natürliche Rechtssystem von Leben, Freiheit und Eigentum weitgehend zu begrenzen, damit der Mensch als Individuum gedeihen kann.

Der Liberalismus als Ideologie der Rechte des Einzelnen ist zunächst eine naturrechtliche Konzeption, auch wenn er vielfach utilitaristische Untermauerung erfuhr. Im 19. Jahrhundert wurde innerhalb des liberalen Ansatzes erstmals der Staat radikal in Frage gestellt: In Europa ging der belgische Ökonom Gustave de Molinari am weitesten und vertrat ein System der privaten Sicherheitsproduktion. Die Amerikaner Spooner und Tucker traten erstmals für ein privates Rechtssystem ein. Gemeinsam mit den Denkern Ayn Rand, Friedrich August von Hayek, Herbert Die Libertären und der „Libertarianism” - Eine geschichtliche und theoretische Annäherung an die liberale, anarchistische und kapitalistische Idee Spencer, Thomas Jefferson (um nur einige zu nennen) wurden so die Grundlagen geschaffen, auf denen schließlich in den 60er und 70er Jahren dieses Jahrhunderts in den USA ein radikaler Liberalismus entworfen wurde, der dem Staat vollends ablehnend und feindlich gegenübersteht: Die Wirtschaftsverfassung des Kapitalismus verbunden mit der Rechtsverfassung des Anarchismus: Der Anarcho-Kapitalismus. Anarchismus und Kapitalismus sind demnach die konsequenten Regelsysteme, innerhalb derer die Grundsätze des Liberalismus verwirklicht werden. Amerikanische Liberale nennen sich „Libertarians”, seitdem „Liberalism” dort gleichbedeutend ist mit „sozialdemokratisch”. Die meisten amerikanischen Libertären verstehen sich als Anarcho-Kapitalisten, während diese unter den deutschen Liberalen noch deutlich eine Minderheitenposition vertreten. In den USA bekennen sich z.B. viele der bekanntesten Science Fiction-Autoren, wie L. Neil Smith oder Robert A. Heinlein, zum Anarcho-Kapitalismus und selbst die Hollywood- Schauspieler Clint Eastwood und. Kurt Russel haben sich als Libertäre geoutet.

Die zwei bekanntesten und wichtigsten Begründer des Anarcho-Kapitalismus sind Murray N. Rothbard als Schüler von Ludwig von Mises und David D. Friedman als Sohn von Milton Friedman. Auch der Anarcho-Kapitalismus wird unterschiedlich begründet, naturrechtlich von Murray Rothbard und utilitaristisch von David Friedman. Murray Rothbard definierte sich selbst auschließlich als „libertär”, wohingegen David Friedman die Bezeichnung „Anarcho-Kapitalismus” vorzieht. Für Murray Rothbard ist der Liberalismus (Libertarianism) die einzig mit der Natur des Menschen vereinbare Form des Zusammenlebens. Jeder Mensch hat das unveräußerliche Recht, in Freiheit zu leben und deshalb das unveräußerliche Recht, sein Leben und sein Eigentum - als Teil seines Lebens - zu verteidigen. Anarchie und Kapitalismus sind nach Rothbard notwendige Folgerungen aus der Erkenntnis der natürlichen Rechte aller Menschen. Der Liberalismus ist also die grundlegende Erkenntnis und der Anarcho-Kapitalismus nur der äußere Rahmen als Folgerung. Für David Friedman dagegen sind Anarchie und Kapitalismus als Systeme der Freiheit die Voraussetzung, nach der die Menschen ihre Vorstellungen vom Glück am besten verwirklichen können. Für Friedman ist es unerheblich, woher Menschen ihre Rechte ableiten. Wer will, der kann auch von einem „natürlichen Recht des Menschen auf Mord und Totschlag” ausgehen. Er müsste lediglich im Rahmen des Anarcho-Kapitalismus freiwillige Opfer finden. Nach David Friedman werden sich die Menschen im Anarcho-Kapitalismus überwiegend für das liberale Rechtsystem entscheiden, nicht, weil sie es als einzig „natürlich” betrachten, sondern weil sie sich die größten Vorteile davon versprechen. Der Liberalismus ist nach Friedman also eher eine Folgerung aus der Grundlegung Anarchie und Kapitalismus.

Das Entstehen der modernen libertären Bewegung in den USA

Ebenso wie die Theorie, so ist auch die moderne Bewegung des Anarcho-Kapitalismus aus zwei verschiedenen, ja gegensätzlichen Richtungen entstanden: als ein Zusammenschluss von Vertretern der radikalen „Neuen Linken“ mit Vertretern der radikalen „Neuen Rechten“.

Die „Neuen Rechten“ innerhalb der Republikanischen Partei hatten 1964 Barry Goldwater als Präsidentschaftskandidat unterstützt und mit ihm verloren. Gerade die Parteijugend wurde durch sein radikales Eintreten für den Kapitalismus fasziniert. Mehr und mehr Gruppen an den Universitäten radikalisierten sich in den Folgejahren, inspiriert durch die Schriften von Ludwig von Mises und Ayn Rand. Die rechte Campus-Organisation „Young Americans for Freedom (YAF)“ radikalisierte sich im Laufe der Jahre mehr und mehr, bis schließlich die libertäre Fraktion 1969 auf einer legendären Bundeskonferenz auszog und ihrerseits den Zusammenschluss mit der studentischen „Neuen Linken“ suchte. Die Konservativen riefen ihnen hinterher: „Schlagt die Linken, Schlagt die Linken“ und sie riefen zurück: „Schlagt den Staat, Schlagt den Staat“. Der deutsche Leser stelle sich einmal vergleichbare Vorgänge auf einer Bundesversammlung der Jungen Union vor!

Tatsächlich verband Linke und Rechte inzwischen mehr als sie trennte: So wurde auf den folgenden gemeinsamen Veranstaltungen der marktradikalen „Neuen Rechten“ und der z.B. von Paul Goodman inspirierten anarchistischen Neuen Linken skandiert: „Laissez Faire, Laissez Faire!“, „Raus aus Vietnam!“, „Anarchie!“, „Ich bin der Feind des Staates!“, „Fuck Wehrpflicht!“, „Lasst uns in Frieden!“, „Alle Macht den Menschen!“, „Legalisiert Marihuana!“.

Aus dem Zusammenschluss am Rande der besagten YAF-Versammlung mit einigen SDS-Gruppierungen und anderen Anarchisten entstand noch im selben Jahr die „Society for Individual Liberty“, die erste nicht mehr „rechts“ oder „links“ verortete anarcho-kapitalistischen Organisation. Deren Nachfolgerin „International Society for Individual Liberty (ISIL)“ wird im August 1998 zum ersten Mal ihre Jahreskonferenz in Deutschland, in Berlin, abhalten war aufgrund ihrer Geschichte zunächst nur in den USA denkbar. Die Staatsgründung Amerikas wurde von vielen Gründervätern mit ähnlichen Zielen verfolgt. Der Amerikanische Staat sollte ein Minimalstaat, eine Art Anti-Staat sein, der seine Bürger und ihr Eigentum lediglich vor der Gewalt anderer schützt. Die allermeisten Amerikaner würden den Satz ”Jeder Mensch ist seines Glückes Schmied” auch heute noch uneingeschränkt unterschreiben.

Am 11. Dezember 1971 gründete sich in den USA die auch heute noch überwiegend anarcho-kapitalistische „Libertarian Party“.

1978 erhielt der libertäre LP-Kandidat zum kalifornischen Gouverneur landesweit 5 Prozent der Stimmen. Im gleichen Jahr gewann die Partei in Alaska den ersten Sitz in einem Landesparlament. Bei der Präsidentschaftswahl 1980 erhielt Ed Clark in allen 50 Bundesstaaten eine Millionen Stimmen für die „Libertarian Party“. Seiher ist sie die drittgrößte Partei Amerikas. Die eine Millionen Stimmen bei einer Präsidentschaftswahl konnten jedoch bislang nicht mehr erreicht werden. Die Partei ist auf lokaler Ebene heute möglicherweise besser vertreten als die F.D.P. in Deutschland und stellt immer wieder auch Abgeordnete in Landesparlamenten der US-Staaten.

Die „Libertarian Party“ ist inzwischen Teil eines großen Netzwerkes von zahlreichen libertären und teilweise anarcho-kapitalistischen Think Tanks, Instituten, Stiftungen, Buchhandlungen und Verlagen, wie z.B. das CATO Institute, die Future of Freedom Foundation, die International Society for Individual Liberty, Laissez Faire Books oder Free-Market.com. Libertäre, nicht nur in den USA, gehen unterschiedliche Wege, ihre Ziele zu verfolgen. Einige betreiben Veränderung innerhalb des Staates in Richtung immer weniger Staat und andere verfolgen die Gründung eines eigenen, unabhängigen Systems ohne Staat.

Folgende Organisationsformen und Handlungsweisen wurden und werden dabei von Libertären beschritten: Bürgerinitiativen, Parteienarbeit (Neugründungen oder in alten Parteien), Presse- und Medienarbeit inklusive Infostände und Flugblätter, lokale, regionale, bundesweite oder weltweite (ISIL) Einzelaktionen, Neulandprojekte (Kauf, Pacht oder Neuerschaffung auf See), Sezessionsbemühungen, freie Bildung, Gegen- und Schattenwirtschaft, Währungsprojekte, libertäre Zirkel, Diskussionsveranstaltungen und (sehr intensiv) Internetaktivitäten. Das Internet als originär anarcho-kapitalistisches, unkontrollierbares Medium ist vielleicht die größte Chance für die libertäre Bewegung.

Grundlegende Erkenntnisse und Folgerungen der Libertären

Menschen sind verschieden und haben eigene Interessen.

Die moralischen Vorstellungen aller Menschen sind so verschieden wie die Menschen selber. Ob Buddhisten, Atheisten oder Christen, Altruisten oder Egoisten, Nationalsozialisten oder Marxisten; die Vorstellungen vom eigenen Leben, von „gut“ oder „böse“ sind so verschieden, wie die Menschen verschieden sind. Wenn sie nach gleichen Maßstäben der Freiheit behandelt werden, dann werden sie immer ungleich bleiben. Aber selbst Zwang und Gewalt vermögen in der Praxis nicht, die Menschen „gleich zu machen“. Dazu müssten Menschen ein zwischenmenschliches Gesamtgefüge regeln und zentral planen, welches sie gar nicht überblicken können. Daneben hätten die Umverteiler und Gleichmacher eigene Interessen, die sie durchsetzen würden, wenn man ihnen das Gewaltmonopol überlässt. Neue, gewalttätige Ungleichheit würde entstehen.

Gewaltfreiheit ist die Prämisse des Liberalismus im Anarcho-Kapitalismus.

Moralische Wertvorstellungen des einen Menschen müssen nicht auch für andere Menschen gelten. Sie dürfen anderen Menschen nicht mit Gewalt aufgezwungen werden. Gewaltlosigkeit ist das oberste Prinzip der Liberalen und Libertären im Rahmen von Kapitalismus und Anarchie. Die Staatsbefürworter dagegen lehnen Gewaltfreiheit prinzipiell ab und legalisieren im Rahmen des Staates verschiedene Formen der Sklaverei. Gegengewalt ist durch Opfer von Gewalt oder durch deren dafür beauftragte Stellvertreter legitim. Verbrechen müssen nicht toleriert werden.

Jeder Mensch gehört sich selbst und Eigentum ist die Grundlage allen Rechts.

Menschen gehören nur sich selbst und sind im Rahmen ihres Eigentums keinem anderen Menschen verpflichtet. Eigentum eines Menschen ist er selbst und alles, was er durch seine Arbeit geschaffen oder durch freiwillige Verträge mit anderen ohne Zwang oder Betrug erworben hat. Liberales Recht in diesem Sinne ist eindeutig bestimmt und nicht relativ. Wer Eigentum eines anderen ohne dessen Einverständnis verletzt, der begeht unrecht und wird kriminell. Wer sich dagegen wehrt, der hat ein Recht auf Notwehr. Solange das Eigentum eines anderen nicht verletzt wird ist die Gerechtigkeit gewahrt. Eigentum ist die einzig definierbare Grenze zwischen Freiheit und Zwang. Ohne Eigentumsrecht herrscht Willkür. Jeder Mensch hat das Recht, im Rahmen seines Eigentums nach eigenen Wertmaßstäben sein Glück zu suchen.

Staat und „Gesellschaft“ sind Verbrechen und Phantom.

Die „Gesellschaft“ ist ein künstliches Konstrukt des Staates, sie ist kein lebendes Wesen und kann daher keine eigenen Ziele haben. Eine „Gesellschaft“ besteht aus einzelnen Menschen, die frei sein müssen, um ihre jeweiligen Ziele zu erreichen. Die Formulierung „gesellschaftlicher Ziele“ dient einzig der Legitimation zur Durchsetzung von Interessen gegenüber anderen. Im Staat zwingen Menschen anderen Menschen per Gewalt ihre Vorstellung vom Glück auf. Wenn der demokratische Staat tolerant wäre, dann würde er keinen zur Mitgliedschaft zwingen, Sezession wäre erlaubt. Die Toleranz des Staates scheitert daran, dass Staaten nur durch Anwendung von Gewalt überhaupt bestehen können.

Geld ist das Tauschmittel der Gewaltfreiheit und Steuern sind Diebstahl.

Die Grundlagen der Zivilisation sind Arbeitsteilung und Handel. Der Tausch von Gütern und Dienstleistungen ist nur nach zwei Prinzipien möglich: Freiwilligkeit oder Zwang, Geld oder Gewalt. Geld ist daher das Mittel, gewaltfrei zu handeln. Wer Geld als Tauschmittel verdammt, der muß die Gewalt akzeptieren. Steuern sind Diebstahl und Staaten sind Schutzgelderpresser. Es ist ein gradueller, kein prinzipieller Unterschied, ob ein Kidnapper einen Menschen entführt und Lösegeld fordert, oder ob der Staat mit Freiheitsentzug droht, wenn ein Mensch seine Steuern nicht zahlt. Nach der Logik des Staates müßte der Pizzabäcker dem Schutzgelderpresser dankbar sein. Diebstahl wird nicht dadurch zu Recht, dass ein Staat ihn im Namen irgendeiner „ehrenwerten Gesellschaft“ durchführt.

Nur der Anarcho-Kapitalismus ist tolerant.

Im Anarcho-Kapitalismus sind alle Formen des Zusammenlebens denkbar, z.B. anarchosyndikalistische Kollektive, kommunistische Gemeinschaften, nationalsozialistischer Rassendünkel sowie liberale und libertäre Vertragsgemeinschaften. Dies alles unter der Prämisse der Freiwilligkeit. Umgekehrt gilt für kein anderes System, dass es Andersdenkende wirklich gewähren lässt. Staat und (nicht freiwilliges) Gemeineigentum verlangen die gewaltsame Durchsetzung einer konkreten Moral. Nur der Anarcho-Kapitalismus ist wirklich tolerant und wertneutral.

Information

Dieser Artikel entstammt der im März 1998 erschienenen Ausgabe eigentümlich frei Nr. 1


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