25. Juli 2013

Amerikakritik Knüppel aus dem Sack

Und bist du nicht willig, bist du Antisemit!

Wie man argumentativ äußerst dürftig vorgeht und allzu leichtfertig und hochtransparent Wortkeulen zum Niederschmettern berechtigter Kritik schwingt, zeigte ein auf dem Portal der „Presse“ veröffentlichter Artikel aus der Feder Martin Engelbergs unter dem Titel „Antisemiten und Antiamerikaner aller Länder – vereinigt euch!“. Dass in Deutschland sehr schnell Pawlowsche Political-correctness-Beißreflexe anspringen und Diffamierungsvokabular en masse ausspucken, wenn liebgewonnene Weltbilder und politisch erwünschte Denkmuster sich von der Blümchentapete schälen, in diesem speziellen Fall der Bündnispartner auf dem politischen und ethischen Prüfstand steht, ist ja nichts Neues.

Ob „Antiamerikanismus“, „Populismus“, „Rassismus“ oder „Sexismus“ – die verbale Ismen-Jukeboxerei, die nach Einwurf einer Reizwort-Münze mit mechanischer Präzision die immergleichen Evergreens der PC and the Sunshine Band runternudelt, dürfte mittlerweile jedem ein Begriff sein; das hirntraumatisch bedingte, reflexartige Lippenzucken, ausgelöst durch schockierende Einbrüche von Realität in die Wunschvorstellungs-Laufställe von Volkspädagogen, Sozialhygienikern, Währungsrettern, kurz, Propagandisten aller Couleur, gäbe sicher genug Stoff für mehrere medizinische Doktorarbeiten her. Wie gesagt, überraschend kommt sowas ja schon lange nicht mehr – neu und vor allem derbe geschmacklos sowie kräftig durchgeknallt ist allerdings, Kritik an „Amerika“ jetzt schon unter „Antisemitismus“ einordnen beziehungsweise „Antiamerikanismus“ ursächlich in dieselbe psychologische Dunkelkammer schieben zu wollen. Wer auf solche Methoden zurückgreifen muss, hat schon verloren und offenbart damit nur – sei es im Bewusstsein der eigenen argumentativen Schwäche, sei es nur zum Zwecke der bösartigen Verleumdung seiner Gegner – ein sehr merkwürdiges Verständnis von Diskussions- beziehungsweise Streitkultur.

Völlig falsch sind die Vorwürfe Engelbergs zwar insofern nicht, als dass im Rahmen der Auseinandersetzung um die NSA-Affäre so manche undifferenzierte und sachlich ungenaue Pauschalkritik laut wurde, die deshalb aber noch lange nichts mit Antisemitismus gemein haben muss. So stellte zum Beispiel ein auf einem alternativen Nachrichtenportal veröffentlichter Artikel zur „Griechenland-Krise“ gleich im Einleitungstext die sehr unglücklich formulierte Frage, ob „die USA das Land in die Pleite“ getrieben hätten. Natürlich waren es nicht die Vereinigten Staaten, sondern – was nicht dasselbe ist, sondern tunlichst auseinandergehalten werden sollte – eine kleine, hochfinanzielle Machtelite im Umfeld von Banken wie Goldman Sachs sowie der Fed, die Griechenland in die Währungsunion log, um einen destabilisierenden Faktor einzubringen und sich an den im Verlauf der dadurch zwangsläufig ausgelösten Krise  breitströmig fließenden „Rettungsgeldern“ gütlich zu tun. Es handelt sich dabei um dieselben Kreise, die auch keine Hemmungen haben, Amerika und somit ihre Landsleute auszuplündern – gerade deshalb ergeben Vorwürfe unter dem doch eher diffusen, projektiven Sammel- beziehungsweise Feindbegriff „Amerika“ keinen Sinn. Es ist außerdem schon schlimm genug, dass solche gut dokumentierten Tatsachen von diversen Schwiegermutterbefeuchtern, an denen die kopernikanische Wende spurlos vorbeigegangen zu sein scheint, zu „Weltverschwörungstheorien“ ptolemäisiert werden. Da muss man ja nicht auch noch jeden Vorwurf gegenüber der amtierenden US-Regierung in die braune Ecke stellen.

Vor allem dann nicht, wenn deren Außenpolitik sowie innenpolitische Entwicklung hin zu einem korporatistischen Monster mit zunehmend totalitären Launen eine dezidiert herbstlich-rotbraune Färbung zeigt. Kein Wunder, dass Engelberg darauf mit keinem einzigen Wort eingeht – auf die endlosen Kriege unter falscher Flagge, von denen man ja nicht nur in Deutschland, sondern auch in zahlreichen anderen Ländern weltweit völlig zu Recht die Nase gestrichen voll hat, auf die faschistoiden Tendenzen in der Politik des einstmals „freiesten Landes“ der Welt. Es war eigentlich nur eine Frage der Zeit, bis man aufgrund des beinahe schon täglich immer deutlicher hervortretenden Glaubwürdigkeitsverlustes proamerikanischer Beschönigungspropaganda die härtesten Wortkeulen auspacken würde, um Kritikern unlautere Absichten zu unterstellen. Nun muss es eben, quasi am Ende des Beschwichtigungs- und Schönfärberlateins, „Antisemitismus“ sein, fehlschlussfolgert Engelberg, ein dumpfes Gefühl der „Unterwanderung“ durch popkulturelle Hegemonie amerikanischer Provenienz, eine subversive Zerstörung hiesiger kultureller und nationaler Identität durch „Amerika“, oder kurz: Die Amerikaner sind unser Unglück. Dieses Gedankengut glaubt das psychologische Genie Engelberg in den Köpfen der Kritiker der US-Politik ausgemacht zu haben. Gehen einem die Argumente aus, weiß man sich gegen den Einbruch der schmerzenden Realität ins eigene, zuckerwattierte Weltbild nicht mehr zu wehren, unterstellt man den Gegnern eben einfach, von „unbewussten“ oder „unverarbeiteten“ Ressentiments und Hassgefühlen getrieben zu sein. Netter Versuch.

Dabei geht es den „Antiamerikanisten“, wie sie vorschnell begrifflich eingetuppert werden, derzeit überhaupt nicht um die Leinwanddominanz realpolitisch verspielt spiegelnder, knalleffektüberladener Gigantomanie und pyromanischen Größenwahns in irgendwelchen Hollywood-Haudraufschinken, in denen alles in die Luft gesprengt wird, was nicht bei drei auf den Bäumen ist,  oder um zeitgerecht gleichgerichtetes, in rhythmischem Stechschritt marschierendes Unz-Unz-Unz-Popgedödel und ähnliche Meisterleistungen kreativer kollektivistischer Intelligenz (was zudem ja kein rein amerikanisches Phänomen ist). Sondern um ganz andere, eher nebensächliche Belange wie zum Beispiel eine fatale Geopolitik und ‑strategie, militärische Brandstiftung und Massenmord unter dem Tarnkäppchen von „Demokratie“ und „Menschenrechten“, zunehmende Bürgerrechtsverletzungen und Freiheitsberaubungen im Namen des Schurkenstaates, Wirtschafts- und Finanzpolitik den Gulli hinunter mit Endstation Massenarmut und -arbeitslosigkeit, von Lebensmittelmarkenmillionären bewohnten Zeltstädten sowie möglichem Bürgerkrieg, Foltercamps, in denen Waterboarding und andere feucht-fröhliche Sportarten trainiert werden, zahlreiche als „terroristische Angriffe“ immer schlechter als rechter kaschierte „False Flag“-Operationen, Bewaffnung von zwielichtigen Rabauken, die es gestern noch unbedingt und mit aller Härte zu bekämpfen galt, das seit Jahrzehnten währende, widerwärtige Spiel der Finanzierung und Aufrüstung von Kriegsparteien zum Vorteil des eigenen militärisch-industriellen Vergnügungsparks, hyperorwellierende Schnüffelei in globalem Maßstab, kurz, es geht um ganz leise Zweifel an der Rechtmäßigkeit und Glaubwürdigkeit dieses Riesenhaufens  widerlichen, schon bis zum nächsten bewohnten Planeten stinkenden Lügenkots, den gleichmütig zu ertragen und vom „Unser tägliches Propagandadummbrot gib uns heute“-Zeitungstoilettenpapier geduldig abzuschlecken oder gar als ganz „normales“ Verhalten eines doch nur wohlmeinenden „Freundes“ feilzubieten nur ein erfolgreich desinformierter, baumstumpfer Zeitinsasse mit der intellektuellen und emotionalen Sensibilität von Kalkstein imstande ist.

Und jetzt das Beste, wie immer zum Schluss: Eine erkleckliche, ja immer größere Zahl von Amerikanern sieht das ganz genauso. Amerikaner, die gerne ihr Land zurückhätten. Die sich eine echte Volksvertretung wünschen, da das affektierte Kindertheater der gekauften US-Scheindemokratie, die nicht zufällig immer dieselben Ergebnisse zeitigt, da ihr Spitzenpersonal in weit überwiegender Zahl aus denselben Denkställen rekrutiert wird, sie nur noch anödet bis erzürnt. Es gab bereits Sezessionsdrohungen einzelner amerikanischer Bundesländer, die sich vom innen- und außenpolitisch verhängnisvoll agierenden Korruptionsnest Washington nichts mehr vorschreiben lassen wollen. Es waren gewiß nicht die letzten. Aber das sind wohl alles nur antiamerikanistische Antisemiten, die gegen den doppelplusguten Bürgerbeschützer, Länderbefreier und Strahlemann am Potomac aufbegehren. Ironisch daran ist, dass Engelberg sich dadurch mit denjenigen Bestrebungen Washingtoner Politik gemein macht, jeden, der gegen sie aufbegehrt, von Whistleblowern und Journalisten über Prepper oder Waffenbesitzer bis hin zu Kriegsveteranen, die über die angeblich „guten“ Kriege vom Irak bis Libyen ganz andere Dinge zu berichten wissen, als verdächtig, wenn nicht gar als potentielle „Terroristen“ an den Rand zu drängen. „If you see something, say something“ (Wenn du etwas siehst, sag etwas) – mit diesem vom DHS (Department of Homeland Security) ausgegebenen, nicht ganz unbescheuerten Stasi-Slogan gedenkt man sich ein paranoides ziviles Denunziantentum heranzuzüchten, das bei jedem „seltsamen“ Verhalten oder unpatriotischen Blick sofort Alarm schlägt und die Behörden kontaktiert, um eilfertig „unamerikanische“ Umtriebe anzuzeigen.

Es ist eine Sache, den Schuss, um nicht zu sagen die von unserer Zeit in immer höherer Frequenz abgefeuerten Schüsse krampfhaft überhören oder schönschminken zu wollen – auch die aus Washington. Eine ganz andere aber ist es, völlig gerechtfertigte Sorgen und argumentativ solide  Kritik in die Nähe volksverhetzenden Gedankenguts (!) zu rücken, nur weil man unbequeme Wahrheiten nicht erträgt.

Link:

„Die Presse“: „Antisemiten und Antiamerikaner aller Länder – vereinigt euch!“


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