20. Juni 2013

Obama Berlin im Belagerungszustand

Sehnsucht nach DDR-Verhältnissen

Wärst Du doch in Washington geblieben, lieber Barack Obama, dann wären uns fünf Tage Ausnahmezustand in unserer Stadt erspart worden.

Schon vor Ihrer Ankunft wurden wir mit Fahrverboten und Absperrungen genervt und mit Verboten gegängelt. Büros, die an den Strecken lagen, an denen Sie vorbei fahren würden oder auch nur eventuell vorbei fahren könnten, sollten ihre Fenster nicht mehr öffnen.

Als ich am 17. Juni abends, anlässlich des 60. Jahrestages des Volksaufstandes gegen die DDR-Diktatur zum Studio des Senders Phönix am Pariser Platz eingeladen wurde, hieß es, der gesamte Platz wäre bereits gesperrt. Das war dann nicht so, sondern „nur“ Autos durften ihn schon nicht mehr befahren.

Heute wurden die Passagiere der S-Bahn darauf aufmerksam gemacht, dass die Züge nicht am Brandenburger Tor halten würden. Das fand ich schon absurd. Als seinerzeit ihr Vorgänger Bill Clinton mit seiner Frau Hillary durch das Brandenburger Tor schritt, war ich dabei. Es war nur die unmittelbare Umgebung des Brandenburger Tors abgesperrt. Als Berliner hinter der Sperrkette Clinton zuwinkten, ging er hin und schüttelte ihnen die Hand.

Ich habe gesehen, wie George Bush, der am Ostausgang des Deutschen Bundestages fast allein heraus kam, spontan Berlinern, die ihn erkannten, Autogramme gab.

Und Sie? Die geladenen Gäste , die Ihrer Rede am Pariser Platz zuhören durften, war es nicht einmal gestattet, eine kleine Flasche Wasser gegen die glühende Hitze mitzunehmen. Die Damen waren aufgefordert worden, auf ihre Handtaschen zu verzichten.

Na gut, man muss eine Einladung mit solchen Bedingungen nicht annehmen. Wer sich darauf einlässt, ist selbst schuld.

Was aber gar nicht geht, ist, dass selbst Leute, die nichts mit Ihrem Besuch zu tun haben wollten, belästigt wurden.

Wer gegen 16 Uhr am S-Bahnhof Potsdamer Platz ankam, sah sich unverhofft lauter gesperrten Durchgängen gegenüber. Kein Durchgang zum Sony-Center, wo ich hinwollte, um ins Kino zu gehen, kein Durchgang zu den Potsdamer Platz-Arkaden.

Draußen war der Potsdamer Platz so weiträumig abgesperrt, dass man das Ende der Sperrungen nur vage erkennen konnte. Es gäbe keine Möglichkeit, direkt zum Kino zu gehen, ich müsste erst die Alte Potsdamer Straße entlang, über die Ludwig-Breker Straße bis zur Rückseite des Sony-Center laufen, wurde mir erklärt. Dort gäbe es eine Möglichkeit, durchzukommen. Einen dreiviertel Kilometer und vier Absperrungen später wurde mir bedeutet, dass ich nicht ins Kino könnte. Das Center wäre komplett gesperrt, einen Grund dürfe man mir nicht sagen, ob die Sperrung in zehn Minuten oder einigen Stunden aufgehoben würde, auch nicht. Und meine Freundin, die bereits im Kino auf mich wartete? Schulterzucken. Die Polizisten können nichts dafür, dass sie einen so bescheuerten Job machen müssen. Das Handy funktionierte nicht mehr. Nur Notrufe waren möglich. Eine Freundin, die ich im Kino sitzen lassen muss, ist natürlich kein Notfall.

Lieber Barack Obama, ich gestehe, dass ich unerwartet Sehnsucht nach der DDR bekam. Wenn damals die SED- Bonzen auf der Protokoll-Strecke an uns vorbei rauschten, war das eine Sache von höchstens zehn Minuten. Wegen Honecker oder Breschnew musste ich nie aufs Kino verzichten.

Als übrigens nach zwei Stunden der Film zu Ende war, sollten die Zuschauer das Sony-Center nicht verlassen dürfen, darunter eine Frau mit zwei kleinen Kindern.

Was soll das? Wir sind nicht ihre Untertanen. Wir sind freie Bürger!

Sie sagten dann, sie fänden es toll, auf der Ostseite des Brandenburger Tors eine Rede halten zu dürfen. Als ehemalige DDR- Bürgerin erwidre ich, dass ich es nicht so toll fand. Ich hätte es vorgezogen, wenn Sie sich auf das Fernsehen beschränkt und uns in Ruhe gelassen hätten.

Weil ich nicht den gleichen Weg zurück gehen wollte, lief ich durch den Tiergarten bis zur Straße des 17. Juni, immer an einem doppeltmannshohen Eisenzaun entlang. Drinnen patrouillierten Polizeidamen mit Schäferhunden. Kein Anblick, den man in Berlins grünem Herz haben möchte. An der Straße des 17. Juni hing ein einsames Männchen mit kurzen Hosen und blauem Hope Obama Shirt in der Absperrung. Ein Fan von Ihnen, der wohl hoffte, dass Sie auch beim Sowjetischen Ehrenmahl vorbei schauen würden.

Ansonsten war es ziemlich leer. Hier standen vor Jahren bei ihrer ersten Rede Hunderttausende. Mir kam das ziemlich symbolisch vor, denn auch ich, eine bekennende Freundin und Bewunderin Amerikas, musste mir heute immer wieder vor Augen halten, was wir Amerika verdanken, um die unerfreulichen Begleiterscheinungen ihres Besuchs als einen Ausrutscher zu betrachten.

Kein Monarch hätte es gewagt, einer Stadt solche Bedingungen zu diktieren.

Sie haben gesagt, sie wollten den Krieg gegen den Terror beenden. Es wäre gut gewesen, wenn Sie das auch demonstriert und Berlin diesen Belagerungszustand erspart hätten.

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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