17. Juni 2013

Umweltbundesamt Podiumsdiskussion mit Lehmann und Ederer

Wehret den Anfängen!

Am vergangenen Samstag stellte sich ein Fachbereichsleiter des Umweltbundesamtes, Herr Lehmann, innerhalb der Jahrestagung des „Netzwerks Recherche“ im NDR Hamburg einer Diskussion. Sein Counterpart war der Journalist Günter Ederer, der gemeinsam mit Dirk Maxeiner und Michael Miersch in der Broschüre des Umweltbundesamtes „Und sie erwärmt sich doch“ als Abweichler von der 90-Prozent-Mainstreammeinung gebrandmarkt worden war. Das Gespräch moderierte Bernd Pötter von der TAZ.

Schon eine Viertelstunde vor Beginn bezog Herr Lehmann mit einem großen, schwarzen Aktenrollkoffer die äußerste rechte Ecke des Podiums. Dort saß er wie verbarrikadiert, was sich während der Diskussion auch nicht ändern sollte. Im Gegenteil, die Haltung war Programm. Im Saal ein gemischtes Publikum aus Journalisten, interessierten Besuchern, und Klimafachleuten.

Herr Lehmann begann mit der hämischen Bemerkung, Maxeiner und Miersch hätten sich vor der Diskussion mit ihm gedrückt. Was schon mal eine glatte Lüge ist. Ich kenne die beiden und weiß, dass sie liebend gern nach Hamburg gekommen wären, wenn sie gekonnt hätten. Bei der Beantwortung der ersten Frage, was das UBA bewogen habe, drei Journalisten namentlich als Abweichler zu benennen und ob das hieße, dass es eine schwarze Liste gäbe, auf der Journalisten stünden, die von staatlichen Stellen keine Auskunft mehr erhalten sollten, wiegelte Herr Lehmann noch ab. Selbstverständlich gäbe es keine schwarzer Liste, die Kollegen würden auch in Zukunft jede gewünschte Auskunft erhalten. Es sei dem UBA lediglich um Information der Öffentlichkeit gegangen.

Aha, so wie die Grünen lediglich die „Kaufentscheidung“ der Konsumenten erleichtern wollen, wenn sie eine besondere Kennzeichnung für Waren aus Israel fordern, geht es dem UBA nur um Erleichterung der Entscheidung, wem die Bürger glauben sollen. Darum ging es, um Glauben, nicht um Wissen. Das wurde bei den weiteren Ausführungen von Lehmann immer deutlicher. Schließlich seien sich über 90 Prozent der von 113 Ländern berufenen Wissenschaftler über die menschengemachte Klimaerwärmung einig. Wobei er unterließ zu erläutern, wieso von Regierungen wie Sudan, Iran, Kuba, Saudi-Arabien, den Malediven, Malaysia und anderen Staaten nominierten Wissenschaftlern, die nicht für die Qualität ihrer Bildung und Forschung berühmt sind, höchste Autorität zugebilligt werden soll.

Warum es überhaupt ein Glaubwürdigkeitskriterium sein soll, von Regierungen berufen worden zu sein, da wir in einem Land leben, dass die Freiheit der Wissenschaft in der Verfassung verankert hat. Davon scheinen die Autoren der UBA- Broschüre nichts zu wissen, die alle nicht von der Regierung benannten Wissenschaftler, die sich zu Klimafragen äußern, als „selbsternannte Klimaforscher“ abqualifiziert. Lehmann beharrte darauf, das IPCC werte nur veröffentlichte, einer so genanten Peer Review unterworfenen, Studien aus, was für die Wissenschaftlichkeit seiner Ergebnisse bürge. Ederer hielt ihm entgegen, dass dies reine Propaganda sei. Schließlich sei mindestens seit der Veröffentlichung von Donna Laframbroise, die mit Bürgern aus aller Welt die Referenzliste des IPCC ausgewertet hat, bekannt, dass sich das IPCC zu mindestens 30 Prozent auf so genannte „graue“ Papiere stütze, die zum Teil noch nicht mal veröffentlicht waren, als sie in den Bericht aufgenommen wurden. Oder, wie im Fall der „Stern-Studie“, aufgenommen wurden, als der Begutachtungsprozess des IPCC- Berichts bereits abgeschlossen war.

Lehmann versuchte es dann an der Behauptung, dass beim IPCC die „besten Wissenschaftler der Welt“ mitarbeiten würden. Wie das möglich sein soll, wo es beim IPCC, wie bei jeder UNO-Behörde, nach Mehrfachquoten geht, ließ er ebenso aus , wie die Tatsache, dass etliche Studenten, zum Teil sogar als sogenannte Leitautoren, mitschrieben, die erst danach promovierten, oder ihren Master machten. Von so viel Arroganz der Macht genervt, wurde das Publikum immer unruhiger.

Ob das UBA auch eine Broschüre plane, die thematisiere, dass mehr als 90 Prozent aller Studien belege, dass gentechnisch veränderte Lebensmittel unschädlich für die menschliche Gesundheit seien, um die unselige Debatte in Deutschland zu beenden, die das Gegenteil behaupte, wollte ein Gentechniker wissen. Ein Arzt wies darauf hin, dass sich 100 Prozent der Mediziner über die Ursachen von Magengeschwüren einig waren, bis das Bakterium entdeckt wurde, das die Geschwüre auslöst.

Eine Journalistin von der Lausitzer Rundschau fragte, was das UBA veranlasst habe, Journalisten namentlich anzuprangern und ob es mit dieser Praxis fortfahren wolle. Als Herr Lehmann statt auf die Fragen einzugehen, sich zu der Bemerkung verstieg, schließlich würden journalistische Beiträge vor der Veröffentlichung ja nie evaluiert, war es sogar dem Moderator zu viel: Evaluierung von journalistischen Beiträgen wäre definitiv keine Aufgabe des UBA.

Zum Schluss klammerte sich Herr Lehmann an das Umweltministerium, wie an einen Rettungsanker. Alles wäre mit dem Ministerium abgestimmt worden, vor der Veröffentlichung. Das wird sogar stimmen, macht die Sache aber nicht besser, sondern schlimmer.

Ministerien, die sich als Zensurbehörde verstehen, gehörten zu den Dingen, die mit der Friedlichen Revolution von 1989/90 abgeschafft sein sollten. Minister Altmaier, der bis heute keinen Anlass sieht, das UBA an seine eigentlichen Aufgaben zu erinnern, tut das anscheinend, weil es sich nicht um einen Fauxpas gehandelt hat, sondern eher um eine Blaupause, wie mit Kritikern von regierungsgesteuerten Wissenschaftlern umgegangen werden soll. Wehret den Anfängen!

Dieser Artikel erschien zuerst auf der „Achse des Guten“.


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