29. April 2013

Tatort „Feuerteufel“ Der schlechteste Tatort aller Zeiten?

Propagandafernsehen wie in der DDR

Vor drei Wochen sah das Mainstream-Feuilleton inklusive der ausgewiesenen Gourmets der „Bild“-Zeitung den „schlechtesten Tatort aller Zeiten“, nämlich den zweiten Saarbrücker Fall mit Devid Striesow, gedreht vom finnischen Regisseur Hannu Salonen. Tatsächlich war der im Rockermilieu spielende Fernsehkrimi äußerst spannend, skurril, humorvoll und in besonders ausdrucksstarken Bildern dank innovativer Kameraführung in Szene gesetzt. Ein kleines Meisterwerk, das mit dem neuen Feindbild des bösen Rockers klug spielte – ef berichtete.

Gestern nun das Spiegelbild. Die Medien feierten einen „gelungenen“ ersten Tatort mit dem jungen Marius Müller-Westernhagen alias Wotan Wilke Möhring alias Kommissar Thorsten Falke, gedreht vom türkischdeutschen Regisseur Özgür Yildirim. Und tatsächlich: Langweiliger und -atmiger, ausdrucks- und humorloser geht’s nimmer. Und politisch so korrekt allenfalls noch in der „taz“.

Morgen Abend spielt die linke Szene in Berlin und Hamburg wieder Krieg gegen die Anwohner in der Nacht zum alljährlichen „revolutionären ersten Mai“. Mal schauen, ob es diesmal Tote gibt. Verletzte Polizisten jedenfalls werden wieder einmal zu Hunderten gezählt sein, der Sachschaden in Millionenhöhe gehen. Da wollte man per Schulfunk für Erwachsene vulgo Tatort den Zuschauer offenbar gebührend „vorbereiten“. Und war sie nicht putzig dargestellt, die linke autonome Antifa-Szene, welcher auch der neue Kommissar freundschaftlich verbunden war, fast wie im echten Leben?

Vera Lengsfeld beschreibt heute Morgen auf der Achse des Guten den „Medienhype um diesen Tatort“ treffend: Der „arme Feuerteufel will bloß seiner Freundin imponieren, die von den Flammen auf seinem Handyvideo offenbar auf sein heißes Begehren schließen soll. Leider verdirbt ihm eine Schlampe den Spaß, die doch die Dreistigkeit besessen hat, in ihrem Auto vor sich hinzudösen, was unserem Brandstifterlein leider entgangen war. Er flucht, aber zieht die Frau raus, ruft sogar den Notarzt an, denn im Grunde ist er ja eine gute Seele.“

Dem „Engel mit Bettelblick“ läuft dann „leider noch mehr aus dem Ruder. Bei einer Schlägerei mit einem verdächtig ‚rechts’ aussehendem Typen kommt dem das Handy mit der flammenden Liebesbotschaft in die unbefugten Hände. Da bleibt rein gar nichts übrig, als die Glatze abzustechen. Damit der Zuschauer auf keine dummen Gedanken kommt, bricht der Messerstecher am Tatort in ein herzzerreißendes Schluchzen aus.“

Vera Lengsfeld übertreibt nicht. So eindimensional und -fältig ging es in diesem Tatort tatsächlich zu: „Bürger, die an die 300 Autobrände pro Jahr ertragen müssen, von denen nur fünf Prozent aufgeklärt werden, sind die eigentlichen Schurken. So werden sie auch dargestellt: unsympathische, heimliche Rechtsradikale, die nicht die erforderliche politische Korrektheit (früher sagte man Reife) besitzen, die Brandstiftungen sich selbst zuzuschreiben.“ Und da greift der neue Kommissar „hart durch: Als er ein paar bürgerlich aussehende Elemente um das ausgebrannte Auto herum stehen sieht, bedeutet er ihnen, sofort Leine zu ziehen, sonst würde er ihnen einen kleinen Arrestaufenthalt verpassen. Auf die Frage einer Frau, was sie denn getan hätten, antwortet er tatsächlich: Ach, da werde ich mir was Schönes ausdenken.“

An „dieser Stelle“, weiß die ehemalige Bürgerrechtlerin, Stasiopfer Lengsfeld, aus unfreiwilliger persönlicher Erfahrung, „sind wir mit der ARD in der DDR gelandet, wo ähnliche Praktiken alltäglich waren.“

Ja, man könnte weinen ob dieses neuen Schurkenstücks der Staatsfunker. Wie Lengsfeld, schon „weil wir das bezahlen müssen, ob wir wollen oder nicht.“ Oder aber wir erquicken uns ein wenig an den inneren Widersprüchen. Denn wo der Virtuose Salonen vor drei Wochen mit feiner Ironie den gemeinen Rezensenten verwirrte, war Genosse Yildirim unfreiwillig komisch. Etwa wenn der ermittelnde Sozialdemokrat den ganzen Film lang nur ein T-Shirt trägt. Abgesehen vom Geruch: Was steht drauf? Es ist ein Fan-Hemd der Punkrock-Band Ramones. Und das ist ausgerechnet jene vielleicht einzige bekanntere Gruppe des Genres, die sich als politisch konservativ bekennt und in ihren Liedern eher die Bürgerwehr feiert als die feigen linken Banden, gegen die sie sich mutig stellt. Kommissar Falcke aber als Freund der autonomen Antifa besteht „auf das Gewaltmonopol des Staates“ – im Ramones-Shirt. Zum Brüllen. (Gabba Gabba Hey!)

Internet

André F. Lichtschlag über den Tatort „Eine Handvoll Paradies“ (Saarbrücken)

Vera Lengsfeld über den Tatort „Feuerteufel“ (Hamburg)


Artikel bewerten

Artikel teilen

Facebook Icon Twitter Icon VZ Icon del.icio.us Logo Reddit Logo

Anzeigen

Kommentare

Die Kommentarfunktion (lesen und schreiben) steht exklusiv Abonnenten der Zeitschrift „eigentümlich frei“ zur Verfügung.

Wenn Sie Abonnent sind und bereits ein Benutzerkonto haben, melden Sie sich bitte an. Wenn Sie noch kein Benutzerkonto haben, nutzen Sie bitte das Registrierungsformular für Abonnenten.

Mit einem ef-Abonnement erhalten Sie zehn Mal im Jahr eine Zeitschrift (print und/oder elektronisch), die anders ist als andere. Dazu können Sie dann auch viele andere exklusive Inhalte lesen und kommentieren.

drucken

Mehr von André F. Lichtschlag

Über André F. Lichtschlag

Anzeige

ef-Einkaufspartner

Unterstützen Sie ef-online, indem Sie Ihren Amazon-Einkauf durch einen Klick auf diesen Linkstarten, oder auf ein Angebot in der unteren Box. Das kostet Sie nichts zusätzlich und hilft uns beim weiteren Ausbau des Angebots.

Anzeige